Popkultur

Das waren die größten Internet-Hypes der letzten 10 Jahre

Erigierte Penisse, Kriegsverbrecher und fragwürdige Getränke.

von Franz Lichtenegger
19 Mai 2017, 7:32am

Collage via VICE Media

Anfang Mai erklärte die Süddeutsche Zeitung total lässig, was eigentlich dieser verrückte Dab sei. Und das etwa ein halbes Jahr, nachdem ein GIF der 95-jährigen Schauspiel-Ikone Betty White in Dab-Pose überall im Netz kursierte.

Damit war der Trend endgültig vorbei, begraben auf dem Friedhof der Internet-Hypes. Im letzten Jahrzehnt gab es unglaublich viele dieser Phänomene. Und ehe man "Ice Bucket Challenge" sagen konnte, waren sie auch schon wieder verschwunden. Puff! Einfach weg, verloren in der digitalen Vergänglichkeit.

In stillem Gedenken an:

YOLO († 2011)

Einfach mal Spaß haben, Risiken eingehen. YOLO war der Kampfspruch der ach so selbstbestimmten Millenials, die ihr Leben frei von Regeln leben wollten. Dabei half vor allem der Geldbeutel der Eltern, der viele existenzielle Sorgen ohnehin in Luft auflöste. Das österreichische Gesundheitsministerium dachte im Jahr 2015 sogar, es wäre eine super Idee, eine Nichtraucher-Kampagne für Jugendliche mit diesem Slogan zu beglücken: "Leb dein Leben. Ohne Rauch. YOLO." Vorbei war es mit dem Ausdruck aber schon Jahre vorher, als Drake es zu einem Song machte und die Gesellschaft für deutsche Sprache kurz darauf zum Jugendwort des Jahres.

Chatroulette († 2012)

Den meisten von uns ist Chatroulette als die Plattform bekannt, bei der einem Fremde wahllos erigierte Penisse in die Fresse hielten. Das hatte der damals 17-jährige Andrei Ternowski eigentlich nicht vor, als er 2009 den Dienst gründete, bei dem man sich in ein zufälliges Webcam-Telefonat mit irgendeiner Person werfen lassen konnte. Nach zwei Jahren waren alle und ihre Mama bei Chatroulette, das Spiel lockerte so manche Party auf. 2012 wollte sich Ternowski dann vom Penis-Image verabschieden und richtete eine Registrierung für den Dienst ein. Damit fielen auch die Nutzerzahlen. Der Legende nach treiben sich heute noch vereinzelte Schwänze auf Chatroulette rum.


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Bubble Tea († 2012)

Es ist noch gar nicht so lange her, da schossen Bubble-Tea-Shops noch wie Pilze aus dem Boden. Wisst ihr noch, wie aufregend das damals war, an diesen viel zu breiten Strohhalmen zu nuckeln, weil man dabei immer auch ein bisschen Sorge hatte, eines dieser Kügelchen könnte durch zu hartes Saugen versehentlich als Ganzes in der Luftröhre landen und damit einen qualvollen Erstickungstod verursachen? Pures Adrenalin!

Im Netz tauchten dann mehr und mehr Bilder auf von Menschen mit Plastikbechern, in denen die trübe Flüssigkeit mit den Kugeln herumschwappte. Stolz sahen sie aus! Zugegeben, das Gesöff schmeckte immer zu sehr nach flüssigem Marzipan. Und kein gutes Marzipan, mehr so labbriges Marzipan, das lange in einem feuchten Keller lag.

Das große Sterben des Bubble Teas begann schließlich im Sommer 2012, als plötzlich das Gerücht umging, die Kugeln würden Giftstoffe enthalten – was sich später wiederum als frei erfunden herausstellte. So einfach tötet man also einen Hype. Einfach lügen! Hey, habt ihr eigentlich schon gehört, dass YouTuber Giftstoffe enthalten?

#Kony2012 († 2012)

Einer der wahrscheinlich berühmtesten Hashtags der 10er-Jahre ist mittlerweile zum Paradebeispiel für Slacktivism geworden: Ein Video, das versuchte, einen Warlord und Kriegsverbrecher aus Uganda berühmt zu machen – damit die Welt zusammenarbeiten würde, um ihn aufzuhalten.

Die Kampagne war ein virales Phänomen, neben vielen Spendengeldern gab es aber auch Kritik an der Darstellung des Konflikts, vor allem aus Uganda selbst. Kony befindet sich heute weiterhin auf der Flucht. Im April dieses Jahres beendete das ugandische Militär die Jagd nach ihm und verkündete, dass er keine Gefahr mehr darstelle, nachdem seine Armee auf weniger als Hundert Kämpfer geschrumpft war.

Harlem Shake († 2013)

"Gangnam Style", Die Atzen, generell Dubstep und irgendwie auch Vuvuzelas – all das war wohl nicht ganz unschuldig an der musikalischen Entwicklung, die wir in den letzten zehn Jahren gemeinsam zurückgelegt haben.

Dann war da noch der "Harlem Shake". Wenn man an die damals entstandenen Nachmach-Videos denkt, ist es, als wäre es einfach nur ein verwirrender Traum gewesen. Die Art, die man sich beim besten Willen nicht erklären kann. Aber war der "Harlem Shake" tatsächlich so schlimm, dass wir ihn gänzlich von unserer Festplatte löschen mussten? Nein, die Belanglosigkeit erklärt sich vielmehr am Fehlen charakteristischer Tanzbewegungen. Das war nun mal kein "Macarena", kein "Ketchup Song" – und sicherlich kein "Gangnam Style".

Candy Crush Saga († 2014)

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, hatten wir ja einen ganz anderen Bezug zum Prinzip einer Tragödie. 2017 sind wir Bullshit gegenüber dermaßen abgehärtet, dass ein Tag ohne Aufreger aus dem Weißen Haus schon als grandioser Erfolg zu verbuchen ist. Kaum auszudenken, dass es mal eine Zeit gab, in der die Candy-Crush-Anfragen unserer eigenen Mütter unser größtes Problem waren.

Ein App-Hype ist absolut kurzweilig – wir konnten noch gar nicht darüber schreiben, da war die FaceApp auch schon wieder am absteigenden Ast. Candy Crush hingegen war von Dauer. Es ist im Grunde genommen nur eine Frage der Zeit, bis die Mächtigen ein völlig undurchdachtes Movie-Franchise daraus entwickeln. Genauso tot wie Angry Birds, FarmVille, Draw Something, Words with Friends und Quizduell sind übrigens auch unsere Daumen.

Pokémon Go († 2016)

"Verbrechen, Gewalt und Todesfälle bei Pokémon Go", "Mädchen spielt Pokémon Go und findet eine Leiche", "Ich habe seit Pokémon Go acht Kilo abgenommen" – die Situation geriet außer Kontrolle und wir alle haben zugesehen. Wir haben mitgemacht, wir haben mitgelacht und ja, wahrscheinlich sind wir auch alle ein bisschen schuld daran, dass Pokémon Go sterben musste.

2016 war "Pokémon Go" noch vor "iPhone 7" und "Donald Trump" der weltweit meistgesuchte Begriff auf Google. Pokémon Go ging über die Grenzen eines Handybildschirms hinaus. Pokémon Go war groß – größer als alles, was wir sind. Größer als Zeit, größer als das Leben. Und genau deshalb musste Pokémon Go sterben. Für immer in unseren Herzen. Ruhe in Frieden.

Horror-Clowns († 2016)

Wir schreiben das Jahr 2016, Halloween steht vor der Tür und auf der ganzen Welt erschrecken und attackieren bewaffnete Menschen in Clowns-Masken Passanten. Sogar die Bild veröffentlicht einen Notwehr-Leitfaden: "Darf ich zuschlagen, wenn mich ein Clown zu Tode erschreckt?"

Das waren noch Zeiten! Die Angst, die Panik. In der Zwischenzeit standen übrigens viele der damaligen Clowns vor Gericht, was sich eher negativ auf eine Trend-Wiederholung 2017 auswirken wird.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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Collage: Christopher Brown | Flickr | CC BY 2.0, Varin | Flickr | CC BY 2.0, Eduardo Woo | Flickr | CC BY-SA 2.0, liwe-photos Photography Liwe-photos Photography | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0, Screenshot via YouTube

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