Iranische Surferinnen auf der Feminismuswelle
A hijabi surfer hits the waves in Baluchestan Province, Iran. Photo courtesy of Waves of Freedom

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Iranische Surferinnen auf der Feminismuswelle

Als die irische Wettkampfsurferin Dr. Easkey Britton 2010 zum ersten Mal in den Iran reiste, war sie die erste Surferin, die das Land je gesehen hat. Fünf Jahre später nehmen die persischen Frauen selbst ihre Bretter unter den Arm und lassen ihre...
30.3.16

Ende 2012 sah Setareh Mazhari etwas, das ihr Leben verändern sollte. Ein vierminütiges Video, in dem eine verschleierte Frau auf den riesigen blauen Wellen an einem Strand in ihrem Heimatland Iran surfte.

„Ich dachte sofort: ‚Wow, das ist wirklich inspirierend'", sagt die aus Teheran stammende 26-Jährige. „Als Kind war ich im Urlaub im Ausland oft surfen und wollte das immer wieder mal machen. Tatsächlich war ich gerade dabei, eine Reise nach Bali zu planen, um dort Surfstunden zu nehmen. Mir war nur nicht klar, dass ich eines Tages auch in meinem eigenen Land surfen gehen könnte."

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Die Frau in dem Video war die 29-jährige irische Abenteurerin und Wettkampfsurferin Dr. Easkey Britton—die als die erste Frau gilt, die jemals öffentlich im Iran surfen war. „Ich kam gerade aus einer intensiven Wettbewerbsphase und war auf der Suche nach etwas Abwechslung", sagt sie gegenüber Broadly. „Was mich zuallererst am Iran gereizt hat, war einfach der Sinn für Abenteuer und die Anziehungskraft eines Ortes, der mir vollkommen unbekannt ist. Ich war tatsächlich auch bestürzt über meine eigene Ignoranz gegenüber einem so vielfältigen, geschichtsträchtigen, einflussreichen und hochpolitischen Teil der Erde."

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2010 fuhr Britton zum ersten Mal in den Iran, gemeinsam mit der Dokumentarfilmerin Marion Poizeau. Sie besuchten die Provinz von Belutschistan, die an der Küste vom Golf von Oman und an der Grenze zu Pakistan und Afghanistan liegt. Ein traditionsreicher Ort, der allerdings auch auf eine bewegte Geschichte mit Stammeskämpfen und Droggenschmuggel zurückblickt. Sie gibt zu, dass ihre Sponsoren nicht gerade von der Idee begeistert waren, dorthin zu fahren, und ihre Reise deshalb nicht finanzieren wollten. „Ich glaube, sie hatten Angst vor dem, was der Iran repräsentiert und hatten keine Vorstellung von dem, was möglich sein könnte", sagt sie. Aber das brauchten sie auch nicht. Dr. Britton wurde von den Einheimischen mit überwältigender Freundlichkeit empfangen und die Idee, die Iraner—insbesondere die jungen persischen Frauen—zum Surfen zu ermutigen, war geboren.

Die beiden reisten mehrmals wieder in die Region, um dort zu surfen. Im August 2013 kontaktierte Poizeau eine Freundin von Setareh Mazhari, die 30-jährige Snowboardweltmeisterin Mona Seraji, um sie zu fragen, ob sie bei der Surfdokumentation Into the Sea mitmachen wollte. „Einige meiner Freunde und meine Familie waren ein bisschen besorgt, als ich ja sagte", sagte Seraji. „Belutschistan hatte den Ruf, eine gefährliche Gegend zu sein. Trotzdem war ich nicht beunruhigt, eigentlich war ich ziemlich froh. Es war großartig, in meinem eigenen Land surfen zu können."

Der Erfolg von Into the Sea im Iran und Ländern wie den USA und Großbritannien hat Dr. Britton und Poizeau dazu veranlasst, Waves of Freedom zu gründen, eine Non-Profit-Organisation, die versucht durch das Surfen die Geschlechtergrenzen einzureißen und starke Frauenvorbilder im Sport zu schaffen, die Verantwortung in ihrer Gesellschaft übernehmen.

Nachdem sie von den Erfahrungen, die ihre Freundin beim Dreh von Into the Sea gemacht hat, hörte, nahm Mazhari Kontakt zu Dr. Britton auf und reist seither regelmäßig 1.800 Kilometer von Teheran nach Tschahbahar, der Küstenhauptstadt von Belutschistan. Zuerst kam sie hierher, um selbst mit der Gruppe surfen zu lernen, später wurde sie Mitglied von Waves of Freedom und brachte es anderen bei. Schnell bildete sich eine Surfer-Community am Strand von Ramin in Tschahbahar mit Workshops für Frauen und Männer jeden Alters.

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Der Sport wurde von den Leuten in der Provinz von Belutschistan schnell angenommen. Während der erste Surf-Workshop noch weniger als 40 Teilnehmer hatte, waren es ein Jahr später schon fast doppelt so viele. „Viele der Anfänger bei den Surf-Workshops waren Frauen—ungefähr 60 Prozent", sagt mir Dr. Britton. Die Frauen waren alle ganz unterschiedlich, zwischen vier und 40 Jahren alt. Die meisten von ihnen waren jedoch Mitte 20, gebildet und aus der städtischen Mittelklasse.

„In diesem Fall war Surfen ein Sport, der von Frauen initiiert und geleitet wurde—das ist ziemlich ungewöhnlich. Nachdem es kein traditioneller iranischer Sport war und noch nie vorher ausgeübt wurde, gab es keine Regeln, was möglich und was nicht möglich war", sagt Dr. Britton. Der Sport stand allen offen, unabhängig vom Geschlecht und anderen sozialen Grenzen. Alles in allem war der Sport mit einer wirklich einzigartige Bedeutung und Identität verbunden.

„Über die sozialen Medien haben junge Frauen die Möglichkeit, zu erzählen, was ihnen das Surfen bedeutet und können ihre eigene Identität als Surfer zum Ausdruck bringen—was ziemlich wichtig ist", erklärt sie. Mona Serajis ziemlich bekannter Instagram-Account @wesurfiniran beispielsweise steckt voller beeindruckender Bilder von weiblichen Surfern, die auf den Wellen reiten oder mit ihren Boards unter dem Arm am Strand entlang rennen.

Die Bilder von den Surfern auf ihren Boards lassen das alles ziemlich einfach aussehen. Ich hatte meine allererste Surfstunde letzten Sommer und ich habe mehr Zeit damit verbracht mich mit meinem Board herumzuschlagen, als alles andere. Fanden sie es nicht schwer, das zu lernen? „Es kann wirklich harte Arbeit sein. Ich würde nicht sagen, dass es ein einfacher Sport ist. Wir haben Workshops, die über drei oder vier Tage, von morgens bis abends gehen", sagt Seraji.

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„Ich bringe ihnen hauptsächlich die Basics bei", meint Mazhari. „Aber habe ich es beim allerersten Mal geschafft, mich auf mein Board zu stellen, auch wenn ich es zunächst wirklich schwierig fand. Ich fahre auch Snowboard und ich denke, das ist ziemlich ähnlich."

Extremsportarten werden immer beliebter unter jungen Iranerinnen, vor allem bei Frauen der Generation Y. „Angefangen hat das Ganze in Teheran, wo hauptsächlich Männer bei Wettbewerben angetreten sind", erzählt mir Mazhari. „Aber jetzt kommen immer mehr Frauen dazu—und stellen fest, dass sie mindestens genauso gut sind wie die Jungs. Das macht uns sehr viel stärker."

„Ich habe beobachtet, wie aktiv Frauen und Mädchen im Iran sind", sagt Dr. Britton. „Persische Athletinnen traten bei den Olympischen Spielen 2012 in London an und bei den Olympischen Winterspielen. Board- und Action-Sportarten scheinen wirklich beliebt zu sein, insbesondere unter jungen Städterinnen." Das ist nicht allein im Iran so; dieser Trend setzt sich auch in anderen Ländern im Mittleren Osten fort. Ein Beispiel ist die Skateistan Community in Afghanistan, wo im Vergleich zu allen anderen Teilen der Welt mehr Frauen skateboarden als Männer.

Tatsächlich dachten die Einwohner von Tschahbahar zuerst, dass Surfen ein Sport für Frauen wäre, weil sie immer nur weibliche Surfer gesehen haben. „Ein Moment, der das meiner Meinung nach am besten beschreibt, war 2013, als Mona Seraji und Shahla Yasini [eine andere iranische Sportlerin] zum ersten Mal am Strand von Ramin surften. Ein kleiner Junge beobachtete die beiden, hielt an und fragte uns, ob man das auch als Junge machen dürfte", sagt Dr. Britton.

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Dennoch frage ich mich, ob die Frauen—in einem Land, in dem die Moralpolizei junge Frauen wegen zu viel Make-up oder künstliche Bräune abstraft, und wo sogar Balletttänzer gezwungen sind, heimlich zu üben—bei ihren Surf-Aktivitäten nicht auch auf Widerstand gestoßen sind. „Einmal kam die Polizei an den Strand", sagt Mazhari. „Aber sie haben gesehen, dass die Mädchen auf der rechten und die Jungs auf der linken Seite des Strands waren, sodass die Klassen getrennt waren. Zudem waren die Frauen dezent gekleidet mit einer—wie wir sie nennen–„Ninja-Hidschab". Also hatten sie kein wirkliches Problem damit."

Eine Aufnahme aus einem GoPro-Video von Setareh Mazhari. Foto: Setareh Mazhari

Von iranischen Frauen und auch Touristinnen wird erwartet, dass sie sich dezent kleiden und in der Öffentlichkeit mindestens ein Kopftuch und einen langen Mantel, einen sogenannten Manteau, tragen. Im Wasser gibt es da keine Ausnahmen. Deswegen kann die Frage, was man zum Surfen anziehen soll, eine echte Herausforderung für Teilnehmerinnen darstellen—vor allem weil die klassische, eng anliegende Surfbekleidung nicht gerade das ist, was man als dezent beschreiben würde.

„Die Sache mit der angemessenen Kleidung ist die größte Herausforderung, aber auch einer der spannendsten Aspekte. Funktionelle, praktische Surfbekleidung ist entscheidend, um Frauen die Teilnahme an dem Sport zu ermöglichen", sagt Dr. Britton. Unabhängige Unternehmen mit Produkten wie die Surfleggings von Surf Gypsy und die Surfhidschab von Capster haben mit Waves of Freedom zusammengearbeitet, um angemessene Kleidung bereitzustellen. „Wir haben beim Design auch Unterstützung von der iranischen Triathletin Shirin Germai bekommen. Im nächsten Schritt soll ein Konzept für ein vollständiges Surfkit für die Frauen, mit denen wir bei Waves of Freedom zusammenarbeiten, entwickelt werden", ergänzt sie.

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Nach der Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran, sagte der Vizepräsident Masoud Soltanifar, dass sie sich auf einen „Tsunami an ausländischen Touristen" vorbereiten müssten—wovon die Politiker denken, dass es sich positiv auf die Wirtschaft auswirken wird. 125 neue Luxushotels werden derzeit gebaut. Viele davon sind bereits fast fertig, um mehr Besucher anzulocken. Der Iran ist ein Land voller historischer und kultureller Schätze und die Heimat von 19 UNESCO Welterbestätten. Es ist bereits ein beliebtes Ziel für Ski- und Snowboardfahrer—könnte es also auch bald ein Reiseziel für Surfer werden?

„Ich möchte, dass die Leute wissen, dass Belutschistan ein unglaublicher Ort mit fantastischen Stränden und netten, gastfreundlichen und höflichen Menschen ist", sagt Mazhari. „Wenn die Leute erst einmal sehen, wie es wirklich ist—abgesehen von den negativen Vorurteilen über den Iran, die man manchmal in den Medien sieht—werden wirklich mehr Menschen hierher kommen wollen. Ich habe Freunde in Deutschland, Frankreich und Australien, die dieses Jahr zum Surfen herkommen."

Dr. Britton stimmt dem zu: „Die Brandung am Ramin Beach ist nicht die weltbeste, aber es ist ein Erlebnis wie kein anderes, mit einem durchgehend sommerlichen Wellengang. Wenn das Ganze [der Umbau in ein Reiseziel für Surftouristen] nachhaltig und mit Feingefühl und einer positiven Einbindung der lokalen Kultur und Gemeinde gestaltet wird, dann denke ich, könnte das ein bereichernder, interessanter und wunderbarer Weg sein, die unglaubliche Gastfreundschaft und nicht zuletzt auch die Küstenlinie der Region kennenzulernen."

Und was ist mit den Surfern von Belutschistan selbst? Seit Into the Sea gab es jeden Sommer einen jährlichen Wettbewerb in Tschahbahar, aber Mazhari wünscht sich, dass die Iranerinnen auch bei Wettbewerben auf nationaler Ebene gegeneinander antreten können. „Ich möchte, dass die ganze Welt sehen kann, was für großartige Dinge hier geschehen", sagt sie Broadly. Dr. Britton möchte im Mai diesen Jahres wieder in den Iran reisen und Waves of Freedom bleibt in engem Kontakt mit der jungen Surf-Community am Strand von Ramin. „Es gibt eine Menge Potenzial, um einen echten Surfclub aufzubauen und mehr Besucher willkommen zu heißen, die Teil davon sein wollen. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun", sagt sie.

„Letzten Endes wird das Surfen für viele verschiedene Leute verschiedene Bedeutungen bekommen. Unsere Rolle bildet nur die Basis, um in kleinen Schritten Beziehungen aufzubauen und hoffentlich als Mentor bei dem Prozess zu agieren, so gut wir können. Wir möchten, dass das Surfen für Frauen und Mädchen, aber auch für andere Leute vom Rand der Gesellschaft, zugänglich bleibt."