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Zukunft des Essens

Für eine bessere Zukunft sollten wir alle unsere Scheiße essen

Dieser nicht ganz unbescheidene Vorschlag ist nicht so weit hergeholt, wie das zunächst klingen mag: in der Fachsprache "Koprophagie" genannt.

von Josh Evans
07 Oktober 2016, 11:00am

Bild via Imago.

In letzter Zeit hat eine wachsende Armee von größtenteils wohlmeinenden und mit Daten nur so um sich werfenden Schlaubergern versichert, dass wir alle Insekten verputzen sollten.

Zugegeben, viele Leute machen das schon heute. Das sollte an sich kein Grund sein, blind auf den fahrenden Zug mitaufzuspringen. Dennoch, Freunde: Beim Thema Insekten bewegt sich gerade eine ganze Menge. Warum? Weil sie reich an Proteinen, Fetten und auch bestimmten Mineralien sind. Sie geben auch deutlich weniger Treibhausgabe ab als beispielsweise Kühe. Sie brauchen viel weniger Wasser und Fläche und produzieren zudem weniger Abfälle.

Aus all diesen Gründen haben meine früheren Kollegen vom Nordic Food Lab in Kopenhagen und ich die letzten vier Jahre damit verbracht, das kulinarische Potenzial hinter Insekten zu erforschen. Wir probierten Dutzende Spezies in mehr als zehn Ländern auf sechs Kontinenten. Darunter waren Termitenköniginnen in Kenia, Palmenrüssler-Larven in Uganda und Peru sowie tödlich giftige Riesenhornissen in Japan, von denen viele schon heute aus ernährungswissenschaftlicher und gastronomischer Sicht recht prominent unterwegs sind. Ohne Frage gibt es in dieser Richtung ein großes Potenzial.

Aber ich frage mich, ob wir nicht noch weiter gehen könnten – und sollten. Warum also schon bei Insekten aufhören? Warum sollten wir uns mit einem – zugegeben schon jetzt – ausgezeichneten Zwischenzeugnis in Sachen optimierter Effizienz zufriedengeben, wenn wir noch weiter gehen können? Die logische Schlussfolgerung kann aus meiner Sicht deswegen nur lauten: Lasst uns den perfekten geschlossenen Kreislauf hinbekommen. Lasst uns unsere eigene Scheiße essen, und zwar ausschließlich.

Dieser Vorschlag ist bei Weitem nicht so abwegig, wie er auf den ersten Blick ausschaut. Lass mich also versuchen, allen Zweifeln deinerseits einen Arschtritt zu verpassen. Ein gängiger Einwand dreht sich um die Nährstoffzusammensetzung. Wie soll Kot jemals so nahrhaft sein, dass er das Leben seiner "Quelle" erhalten kann? Der Schlüssel liegt in der Verarbeitung. Denn wie sich herausstellt, ist Kot eine ziemlich komplexe Substanz. Neben den Abfallprodukten von verdautem Essen gibt es auch eine Menge von nützlichen Stoffen, die aus Kot gewonnen werden können: unverdaute oder nicht absorbierte Proteine, Fette, Kohlenhydrate, Spurenelemente wie Vitamine und Mineralien und sogar einige Enzyme. Dazu kommen Ballaststoffe, Wasser und abgestorbene Zellen, wie beispielsweise rote Blutkörperchen und Zellen aus der Darmwand. Von den vielen Mikroorganismen in unserem Magen-Darm-Trakt erst gar nicht zu sprechen.

Josh Evans, Andreas Johnsen and Roberto Flore

Josh Evans (Mitte) mit Andreas Johnsen und Roberto Flore vom Nordic Food Lab in Japan während der Filmaufnahmen ihrer Doku BUGS.

Häufig stecken in unserem Kot noch rund 50 Prozent der ursprünglichen Energie aus dem verdauten Essen. Es liegt also ein nicht unerhebliches Potential zur Rückgewinnung vor. Durch den Einsatz gängiger Abwasseraufbereitungstechnologien ist es im Prinzip möglich, ungefährliche, reine und nahrhafte Verbindungen zu isolieren, die neu kombiniert werden könnten, um unseren Nährstoffbedarf zu decken. Und diese Technologien werden in Zukunft nur noch moderner werden.

Ein weiterer Einwand betrifft die Rückgewinnungsquote. Lasst uns annehmen, dass Kot unsere einzige Nahrungsquelle wird: Selbst wenn wir davon ausgehen, dass 50 Prozent der Energie in der Nahrung nicht vom Körper aufgenommen wird, wird ein jeder Verdauungs- und Rückgewinnungskreislauf die Gesamtmenge an kotderivierter Nahrung um die Hälfte reduzieren. Und dabei wird noch nicht einmal berücksichtigt, ob weiterhin die richtigen Mengen von Proteinen, Fetten und anderen Stoffen vorliegen.

Uns bleiben aber ein paar Strategien, um dieses Problem anzugehen. Die gangbarste Lösung beinhaltet Mikroben. Wie ich schon zuvor gesagt habe, ist unser Kot reich an Darmbakterien und Pilzen. Und die nährstoffreichsten von ihnen sind die, die wir in Massenkulturen anlegen könnten. Dank weiterer Forschung werden wir wahrscheinlich in der Lage sein, den Ertrag zu optimieren und sogar die Produktion verschiedener Nährstoffverbindungen anzuregen, so dass wir es schaffen, die verbleibenden 50 Prozent unseres Energie- und Nährstoffhaushalts aus dem Kot selbst zu gewinnen.

Eine weitere Möglichkeit bezieht den bereits existierenden Viehbestand mit ein. Wenn es keinen Grund mehr gibt, die ganzen Kühe und so weiter zu essen, dann können wir die Tiere einfach frei leben lassen und ihre Fäkalien für eine ähnliche Weiterverarbeitung verwenden.

Tier- und auch Pflanzenethik werden schon bald überflüssige Streitthemen sein. Die einzigen Organismen, die wir für unsere Ernährung noch brauchen, sind dann nämlich eine Handvoll Mikroben, die sogar schon Teil unseres Körpers sind. Und letztendlich wird es auch eine spaßige und definitiv machbare Aufgabe sein, verschiedene Prozesse zu entwickeln, die sicherstellen, dass die Rückgewinnung bei 100 Prozent liegt. Innovation und Silicon Valley sind doch genau für solche Sachen da.

Aber selbst wenn es möglich ist, Fäkalien zu recyceln, dann bleibt da immer noch die Ekel-Hürde. Wie viele Leute wären denn ohne Weiteres dazu bereit, sich so zu ernähren? Es besteht viel Skepsis bei der Frage, ob wir es schaffen, unsere gesamte Spezies dazu zu bewegen, die eigenen Exkremente zu essen. Psychologische Forschungen haben jedoch ergeben, dass der menschliche Ekel gegenüber Fäkalien nicht angeboren, sondern erlernt ist. Dementsprechend sollte man sich das Ganze auch wieder abgewöhnen können.

Viele Tiere betreiben das, was in der Fachsprache als Koprophagie bekannt ist. In anderen Worten: Sie essen Kot. Elefanten, Nilpferde, Koalas und Pandas werden mit einem sterilen Verdauungstrakt geboren und die Jungtieren ernähren sich auch von den Ausscheidungen der Mutter, um ihre Körper mit den richtigen Mikroben zu versorgen. Hunde, Hasen, Affen und andere Tiere konnten ebenfalls schon beim Verzehr der eigenen und auch fremder Fäkalien beobachtet werden.

In der menschlichen Kultur nimmt der Ekel manchmal komische Züge an. Nehmen wir doch nur mal die aktuelle Diskussion zum "recycelten Wasser" als Beispiel. Dabei handelt es sich um Abwasser, das durch verschiedene intensive Filter- und Reinigungsverfahren aufbereitet wurde. Obwohl dieses Wasser viel sauberer ist als normales Leitungswasser, weigern sich viele Leute anfangs, es zu trinken. Diese Haltung ändert sich jedoch langsam. Und wenn wir aus der Geschichte der Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung eine Sache lernen können, dann folgende: Wenn man vermeintlich eklige Dinge in eine andere bzw. akzeptiertere Form bringt, dann sind auch mehr Leute dazu bereit, das Ganze zu essen. Stichwort Insektenmehl oder Soldatenfliegen-Fett.

Kurz gesagt: Wir können unseren Kot also nicht nur hinten rausdrücken, sondern auch essen. Wir sollten ihn sogar essen. Koprophagie liegt nämlich nicht nur im Bereich des Möglichen und ist dazu noch die umwelttechnisch und ethisch gesehen beste Option für ein langes Fortbestehen der menschlichen Zivilisation auf unserem Planeten. Lebensmittelvielfalt ist lästig, ineffizient und ein nie enden wollendes Problem – sowohl für die Erde als auch die Menschheit.

Genau deshalb müssen wir jetzt wirklich verantwortungsbewusst handeln und unsere Ernährung aus anderen "Quellen" beziehen. Der ultimative Modernist ernährt sich nicht von Insekten und auch nicht von Soylent, denn die Zutaten haben ja immer noch einen externen Ursprung, der irgendwann versiegt.

Wer braucht eine Reform, wenn es auch eine Revolution geben kann? Warum auf den Untergang warten, wenn wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen können? Der Traum der absoluten Selbstversorgung ist zum Greifen nah und beginnt in unserem Darmtrakt.

Josh Evans ist ein Doktorand an der University of Cambridge sowie ein ehemaliger Forscher des Nordic Food Lab in Kopenhagen. So hat er auch beim Dokumentarfilm BUGS mitgewirkt.