Marihuana

Dieser Koch kocht täglich mit Cannabis – um am Leben zu bleiben

Und er will sich dafür nicht länger verstecken müssen.
24 Februar 2017, 12:39pmUpdated on 28 Februar 2017, 4:55pm
Bild: Lisa Ziegler

Für den Menschen gibt es eine Schmerzskala. Die Schmerzen von Rüdiger Klos-Neumann gehören zu den schlimmsten, die ein Mensch erleben kann. Der gelernte Koch litt unter Clusterkopfschmerzen, mit einer Intensität von 10 – auf einer Skala von 1 bis 10. Er hatte sechs oder acht Anfälle am Tag, die 90 Minuten dauerten. 20 Jahre in der Hölle. Manchmal wird die Krankheit auch Suizid-Kopfschmerz genannt, weil sich viele der Patienten selbst töten.

Die üblichen Medikamente schlugen nicht an, dann bekam er 2015 eine Ausnahme der „Bundesopiumstelle": Er durfte Cannabis nehmen. Von den Ausnahmegenehmigungen gibt es zwischen 600 und 1.000 in Deutschland, ganz genau weiß das niemand.

Er will sich nicht verstecken müssen, weil Cannabis in Deutschland immer noch weitestgehend als Droge und Rauschmittel wahrgenommen wird – und damit stigmatisiert ist. Rüdiger will das nicht hinnehmen, es geht ihm um sein Ansehen. In seinem neuen Projekt sens cuisine teilt er seine Rezepte mit der Öffentlichkeit.

Rüdiger kauft nur das Nötigste in der Apotheke ein. Bild von sens media

MUNCHIES: Du kochst mit Cannabis, obwohl das in Deutschland verboten ist. Trotzdem bleibst du nicht anonym. Warum?
Rüdiger Klos-Neumann: Cannabis hält mich am Leben. Dieses Wissen gebe ich gerne weiter, damit jeder für sich selbst entscheiden kann, ob diese Medizin seine Lebensqualität verbessern kann.

Warum konsumierst du Cannabis?
Seit 23 Jahren leide ich unter unheilbaren Clusterkopfschmerzen (Erythroprosopalgie). Da es keine alternative Behandlungsmöglichkeit für meine Schmerzen gibt, bekam ich die Erlaubnis zur Verwendung von Cannabis als Medizin. Schon bei der ersten Medikation mit Cannabis verspürte ich sofortige Schmerzlinderung und war überwältigt, dass mir diese wohlduftende Hanfpflanze helfen kann. Um meine Tagesdosis Cannabis gleichbleibend einzunehmen, habe ich meine Berufserfahrung als Koch genutzt, um die benötigte Menge in meinen täglichen Speiseplan zu integrieren. Cannabis wirkt so besser und ist ein super Geschmacksträger.

Du bist bei sens media aktiv und betreibst die sens cuisine. Was ist das?
Das ist ein Zusammenschluss von Menschen, die Cannabis nehmen müssen und nehmen dürfen. Wir haben fundiertes Wissen, welches wir weitergeben wollen. Wir wollen das Image von Cannabis verbessern und zeigen, wie nützlich es sein kann.

Aus den wenigen Cannabispatienten sind nach Gründung im September 2016 mittlerweile fast 20 feste Mitarbeiter bei der sens media in Berlin geworden. Sens cuisine ist ein Projekt von sens media. Wir wollen mit sens cuisine Menschen erreichen, die sich bisher gar nicht oder nur wenig mit Cannabis auseinandergesetzt haben. Wir wollen weg von den Klischees und der immer gleichen Darstellung und Stigmatisierung des Cannabiskonsums. Als Medizin kann Cannabis vielen Menschen helfen und eine echte Alternative zu chemischen Präparaten sein. Und genau das wollen wir vermitteln – mit Shows auf YouTube und einem geplanten Printmagazin, welches in.fused heißen wird.

Edibles sind oft schwer auszurechnen: Wie viel Gras benutze ich, wie stark ist es. Wie bekommst du das Problem in den Griff?
Ich verarbeite Cannabissorten aus der Apotheke und habe so genauen Überblick, wie viel THC/CBD (A. d. R.: ein Wirkstoff in Cannabis, dem man medizinische Wirkung zuschreibt) in der jeweiligen Sorte enthalten sind. Wer zum ersten Mal Cannabis für sich testen möchte, sollte mit einer sehr geringen Menge beginnen. Wichtig zu wissen ist, dass cannabishaltige Lebensmittel gegessen zehn Mal stärker wirken, als wenn man die gleiche Menge inhalieren würde. Bei einer Überdosierung kann ein Unwohlsein auftreten, das sicher so nicht erwünscht ist. Die Dosierung obliegt aber dem behandelnden Arzt, wir vermitteln lediglich das Wissen und geben Empfehlungen im verantwortungsvollen Umgang mit Cannabis in Lebensmitteln.

Warum kochst du damit so aufwendig, Kekse hätten es ja auch getan?
Kekse sind super, doch Cannabis ist mit seinen unterschiedlichen Geschmacksrichtungen zu vielfältig, um das nicht zu nutzen. Ich bin durch meine Krankheit darauf angewiesen, täglich Cannabis zu mir zu nehmen. Wenn ich jeden Tag die gleichen Kekse esse, hängt mir das doch irgendwann zum Hals raus. So geht es sicherlich vielen Menschen, die auf einen kontinuierlichen Konsum angewiesen sind. Außerdem: Cannabis ist nicht nur Medizin, sondern auch ein kraftvolles Gewürz für alle Arten von Speisen und Getränken, das für einzigartige Geschmackserlebnisse sorgen kann.

Ein Gericht von Rüdiger. Bild von sens media

Der Bundestag hat im Januar 2017 beschlossen, dass es bald Cannabis auf Rezept geben kann, die Freigabe für Patienten wird damit sehr viel einfacher. Davon wird auch Rüdiger massiv profitieren. Denn weil es bisher kaum Nachfrage aus Deutschland gibt, kann Cannabis nur von einem einzigen Versorger aus den Niederlanden beschafft werden. Es kann immer wieder mal zu Lieferengpässen kommen, auch jetzt noch. Dann muss Rüdiger die Schmerzen wieder ertragen.

Ah, eine Sache noch: Kochen darf Rüdiger nur für sich - und für andere Patienten.


Rüdiger betreibt die sens cuisine und produziert Videos für YouTube. Die findet ihr hier.

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