Last Call

Was ich als Barkeeper von Weltstars gelernt habe

Als Barkeeper habe ich schon zahlreiche prominente Kunden gehabt und eines dabei gelernt: Ich bin glücklich, der zu sein, der ich bin—ein ehrlicher Bartender, der alle Gäste gleichbehandelt.
15.4.16
Foto von Jon Phillipo via Flickr

Willkommen zu Last Call, wo wir Bars auf der ganzen Welt besuchen, um wertvolle Ratschläge von vertrauenswürdigen Bartendern einzuholen: wie man gebrochene Herzen heilt, welche Drinks man bestellen sollte, um nicht zum Gespött der Barkeeper zu werden, und alles, was sonst noch im Leben wichtig ist. Heute sprechen wir mit Juan Martinez, Barkeeper mit oaxacanischen Wurzeln, der zehn Jahre lang Hunderte Celebs im Cecconi's in West Hollywood oder im Toca Madera in Beverly Grove bedient hat. Der 26-Jährige erzählt uns, wie er von Drake einmal ein 300-Dollar-Trinkgeld bekommen hat und so erkannt hat, dass wir alle bloß Menschen sind.

Ein Dienstagnachmittag. Im Cecconi's war die Stoßzeit zum Mittag so langsam vorbei und auf einmal kam er rein.

Drake war nicht zum ersten Mal bei uns im Restaurant, aber er erschien mir an diesem Tag irgendwie anders, irgendwie angespannt. Das war eine Woche bevor sein Album Take Care rauskam. Plötzlich klingelte sein Handy, also stand er kurz vom Tisch auf und setzte sich an die Bar, direkt vor mich.

Ich wusste, was er gerne trinkt, also habe ich ihm eine Weißweinschorle gemacht, genauer einen Pinot Grigio - gestreckt mit Tonic Water.Er telefonierte vermutlich mit seinem Mentor oder so. Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, erzählte ihm nur Scheiße, wie „Dein Album wird sich überhaupt nicht verkaufen." oder so was in die Richtung. Ich habe irgendwie spüren können, dass das, was diese Person ihm da sagte, nicht gut war. Ein ziemlich intensives Gespräch, das gut eine Dreiviertelstunde dauerte. Drake sagte Dinge wie: „Ich habe diese ganze Szene in L.A. einfach satt. Ich werde älter und sollte bald irgendwo sesshaft werden. Ist das hier mein Zuhause? Ich weiß nicht mal, wo ich zu Hause bin."

Und dabei war sein Blick die ganze Zeit irgendwie auf mich gerichtet, während ich gerade alles sauber machte und alles für die lange Nacht vorbereitete. Ich wusste, dass dieses Gespräch ziemlich hart für ihn war, also habe ich ihm immer wieder nachgeschenkt, obwohl er nicht gefragt hat. Am Ende muss er so um die fünf Gläser Weinschorle getrunken haben. Dann habe ich ihm noch etwas zum Knabbern hingestellt, das er auch nicht bestellt hat, aber er sah so fertig aus, also dachte ich, er freut sich.

Ähnliche Situationen kenne ich von anderen gestressten Berühmtheiten und kleine Gesten wie diese bringen unglaublich viel. Ich behandele jeden so, egal ob berühmt oder nicht, denn am Ende biete ich Gästen—und nicht nur Promis—eine Dienstleistung. Damals war ich Chef-Barkeeper im Cecconi's, ich war es also gewöhnt, Leute wie Jay-Z, Beyoncé, Slash, Ringo Starr, Gerard Butler und viele, viele andere als Kunden zu haben. Such dir einen Namen aus, ich habe diese Person wahrscheinlich schon bedient, denn das Restaurant liegt immerhin mitten in West Hollywood und ich habe ganze sechs Jahre dort gearbeitet.

Durch meine Begegnung mit Drake bin ich glücklich, der zu sein, der ich bin: ein ehrlicher Bartender, der alle Gäste gleichbehandelt.

Ich glaube, Drake hat meine zurückhaltenden Aufmerksamkeiten mitbekommen. Als er fertig war, meinte er zu mir. „Hey, du hast echt hart gearbeitet und ich würde dir gern was Gutes tun." Das hat mir verdammt viel bedeutet, gerade auch weil ich oaxacanische Wurzeln habe, in Koreatown aufgewachsen bin und echt hart geschuftet habe, um es bis dorthin zu schaffen. Dann holte er seine Leute an die Bar und meinte zu ihnen: „Der Typ hat es echt drauf. Bestellt euch bei ihm ein paar Drinks." Also machte ich ihnen ein paar besondere Cocktails basierend auf ihren Lieblingsspirituosen. Während ich so die Drinks mixte, wusste ich, das Drake mich ansah undsich richtig für mich freute. Es war, als würde er mich beobachten und nach etwas suchen.

Später gab ich ihm dann die Rechnung, er unterschrieb, gab sie mir zurück und meinte: „Mach weiter so, wir sehen uns." Als er schon draußen war und ich auf die Rechnung geschaut habe, stellte ich fest, dass er mir ein Trinkgeld in Höhe von 300 Dollar gegeben hat. Das hat mir, wenn auch auf etwas komische Art und Weise gezeigt, wie ähnlich wir beide uns doch sind. Mittlerweile arbeite ich nicht mehr im Cecconi's, sondern leite die Bar im ziemlich erfolgreichen Toca Madera in Beverly Grove. Und genauso hatte auch Drake seit unserem Treffen ziemlich viel Erfolg.

Von all den Celebritys, die ich bedienen dürfte, war er auf jeden Fall der netteste. Und das sage ich nicht, weil ich seine Musik mag oder wegen des riesigen Trinkgelds, sondern weil ich auch schon viele Arschloch-Promis bedient habe. Durch meine Begegnung mit ihm bin ich glücklich, der zu sein, der ich bin: ein ehrlicher Bartender, der alle Gäste gleichbehandelt.

Aufgezeichnet von Javier Cabral