Auf der Suche nach Identität in Trumps Amerika
Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Moyo Oyelola
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Auf der Suche nach Identität in Trumps Amerika

Über Privilegien kann man reden. Das tut Tunde Wey in seinem Restaurant.
14.11.16

Essen als Protest.

Genau dasmacht From Lagos. Die Dinner-Reihe von Tunde Wey reist durch die Staaten und will Leute dazu bringen, über die drängenden Probleme unserer Zeit zu diskutieren—und am Tisch nicht nur von den hausgemachten nigerianischen Köstlichkeiten zu schwärmen.

Die letzten Dinner fanden unter dem Motto „Blackness in America" statt. Mit viel Essen—nkwobi, Jollof-Reis, geschmorter Spinat—schafft Tunde Wey es, dass sich Menschen jeder Hautfarbe und jeder Schicht angeregt darüber unterhalt, was es heißt, ein Schwarzer in Amerika zu sein. „Jeder erzählt von seinen Erfahrungen und das führt dann meist zu größeren Themen", erzählt er mir, als ich ihn bei seinem zweiten Pop-up bei Revolutionario Tacos im Süden von L.A. besuche. Gerade brät er seelenruhig Kochbananen für die 50 Gäste, die bereits in einer Stunde kommen.

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Tunde Wey

In jeder Stadt gibt es etwas anderes, je nachdem was ihn inspiriert. Das Dinner hier war bereits nach zwei Tagen ausverkauft—bei Tunde Wey nichts Ungewöhnliches. Und es zeigt, dass die Menschen über die Fragen, die Wey aufwirft, reden wollen.

„Am Ende sagen die meisten: Wenn man schwarz ist, ist man am Arsch", erzählt er mir.

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Seit März reist er durch Amerika—Detroit, Austin, Boston, Pittsburgh, Louisville—und an jedem Ort gab es andere Meinungen und persönliche Geschichten über afrikanisch-amerikanische Erfahrungen. Manchmal kommen Gastredner, manchmal ist es eine moderierte Diskussion zwischen Wey und den Gästen. Am Tisch wird über soziale Schicht, Geld, Hautfarbe und Bevorzugung diskutiert, die Stimmung bewegt sich zwischen heiter über frustriert bis hin zu wütend.

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„Es gibt bei jedem Dinner ein paar Aussagen, die immer wieder zeigen, wie es ist, als Schwarzer in Amerika zu leben: Man wird nicht wie alle anderen durch das Gesetz geschützt, man hat nicht die gleichen Vorteile. Im Zweifelsfall wird nicht zu deinen Gunsten entschieden", meint Wey. „Egal ob es darum geht, ob man ein vertrauenswürdiger Uber-Kunde istoder dass man von Schwarzen denkt, dass sie nicht den nötigen Geschäftssinn hätten und keinen Kredit bekommen können: Für uns gibt es keinen Vertrauensbonus."

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Nur durch Zufall ist Wey zum Kochen gekommen: Er konnte für seine damalige Restaurantidee einfach keinen Koch finden. Also rief er seine Mutter in Nigeria an, ließ sich von seinen Tanten Tipps geben und guckte sich so viele YouTube-Videos an, wie er nur konnte, um die ganzen Rezepte, Techniken und Aromen der Küche seiner Heimat zu verstehen. Sofort danach fing er mit den Pop-ups an. „Mein Gaumen kennt alle Gerichte, ich musste mir nur die Techniken beibringen und so diese Lücke schließen." Erst hat er in Detroit verschiedene Pop-ups gemacht, dann eröffnete er einen nigerianischen Imbiss in New Orleans und musste sich dort gegen andere, bekanntere Küchen behaupten. Doch wollte er sich weiterentwickeln, er wollte einen politischeren Ansatz, denn sein Essen „war schon immer irgendwie politisch." Also hat er denn Imbiss geschlossen und seine Taschen gepackt.

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„Mit dem Kochen habe ich angefangen, um der modernen, begrenzten und überheblichen amerikanischen Kücheetwas entgegenzusetzen. Anfangs hatte er in Frage gestellt, worum es bei der Black-Lives-Matter-Bewegung eigentlich geht und wie effizient sie wirklich ist. Auch er wollte sich mit der Rassenproblematik auseinandersetzen und er entschloss sich, das mithilfe von nigerianischem Essen zu tun.

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Er hofft, dass sowohl Schwarze als auch Nicht-Schwarze zu den Events kommen und am Ende besser verstehen, was es bedeutet, schwarz zu sein. Gerade versucht Tunde Wey auch, eine permanente Location zu bekommen, um dann auch alle Diskussionen mit den Gästen dokumentieren zu können.

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„Um zu erreichen, dass Gerechtigkeit auch Fairness bedeutet, müssen die anderen ihre Privilegien aufgeben. Ich glaube, dass sich irgendwann das Machtverhältnis verschieben wird. Doch passiert das mit Anstand oder nicht? Diese Dinner sind wirklich toll, aber diese Fragen müssen auch fernab vom Essenstisch gestellt werden, es muss darüber gesprochen werden."