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unterwegs

Wie Boiler Room-Macher Thristian Richards die Welt vernetzt

Dieser neugierige DJ sucht nach den wahren Ursprüngen heutiger Musiktrends.
16.6.16
Hisham Bharoocha

„Ich mag es, einem größeren Publikum neue Klänge näherzubringen—sie zu übersetzen, runterzubrechen und die Ohren der Leute zu öffnen." Thristian Richards, DJ und Mitbegründer des Boiler Room, hat zu einer Tasse Tee in die Brownswood Studios im Norden Londons geladen.

Jeder, der Richards' Radioshow „Dark & Lovely Global Roots" auf NTS gehört, seine Sets beim Boiler Room gesehen oder ihn bei Warehouse-Partys auflegen sehen hat (als es so was im Osten Londons noch gab), weiß, dass diese Aussage kein Understatement ist. Das Wort „vielseitig" würde Richards Musikgeschmack nur unzureichend beschreiben. Nichts ist für ihn zu seltsam oder gar unzugänglich und sein Drang, neue und unbekannte Klänge zu erforschen, ist scheinbar unbändig. Das gilt auch für seinen Wunsch, den Ursprüngen verschiedener Musikgenres auf den Grund zu gehen—also herauszufinden wo, wann und wie diese verschiedenen Klänge entstanden sind.

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„Ich bin stolz, dass ich in einer Position bin, in der ich reisen kann", sagt Richards. „Bevor ich Boiler Room gemacht habe, war Gilles [Peterson, der Radio-DJ, mit dem Richards zehn Jahre lang zusammengearbeitet hat] in Südafrika und kam mit all diesen Geschichten aus Johannesburg und Kapstadt wieder. Ich dachte mir, dass ich das auch gern machen würde. Ich wollte nicht die Geschichten hören—ich wollte dort sein."

Ich bin bereit zu sagen: Alter, ich habe keine Ahnung, worüber du sprichst, aber zeig es mir!

Aber bevor er an diese Orte reisen konnte, musste Richards neue Musik auf die gleiche Weise entdecken wie jeder Teenager, der in den 90ern aufwuchs—indem er Radio hörte und MTV schaute. „Ich bin ich den späten 90ern durch Kiss FM zu UK Garage gekommen", sagt er. „Ich erinnere mich, dass DJ EZs Sendung dienstags um zwei Uhr morgens lief. Ich habe mir den Wecker gestellt, eine Kassette eingelegt, um die Sendung aufzunehmen, und mir den Wecker auf 45 Minuten später gestellt, um die Kassette umzudrehen. Dann habe ich es mir morgens auf dem Weg zur Schule angehört."

Die Art, wie wir Musik konsumieren, dürfte sich seither sehr verändert haben, aber Richards' Liebe zum Radio hat nicht nachgelassen. Er schrieb Essays für die Uni über Petersons einflussreiche Radio1-Sendung „Worldwide", bevor er kurz nach seinem Abschluss anfing, für ihn zu arbeiten. Mittlerweile hat er seine eigene, bereits erwähnte Sendung auf NTS: „Meine Radiosendung ist heute der beständigste Grund [für mich], neue Musik zu entdecken."

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Es ist offensichtlich, dass Richards einen unersättlichen Appetit dafür hat, neue Tunes zu finden und zu hören. Vor allem ist er aber daran interessiert, wie Musik mit dem Ort verbunden ist, von dem sie stammt. Grime zum Beispiel ist ein Produkt des Londoner Ostens der 00er-Jahre, so wie HipHop ein Produkt der 70er in New York ist. „Musik wird von vielen Dingen inspiriert und bestimmt—Politik, Kultur, Zeit, Geografie oder einfach von den Instrumenten und Ressourcen, die verfügbar sind. Du hast vielleicht ein riesiges Studio oder aber bloß ein paar Klingeltöne von einem Telefon. Wenn es jedoch eine ehrliche Form des Ausdrucks ist, dann kann es nur von diesem einen Ort stammen."

Tatsächlich ist der Erfolg vom Boiler Room—dem Online-Musikstreaming-Projekt, welches im Jahr 2010 in einem Büro im Osten Londons zum Leben erweckt wurde und mittlerweile auf der ganzen Welt stattfindet—gleichermaßen auf das Talent von Richards und seinen Mitgründern Blaise Belville und Femi Adeyemi zurückzuführen wie auf das besondere Momentum. „Das Timing war in vielerlei Hinsicht perfekt", sagt Richards. „Das Internet war schnell genug für Videostreaming, Twitter und Facebook wurden groß und Leute wie Jamie xx, James Blake und Mount Kimbie kamen mit einem anderen Sound auf. Wir haben einfach eine Stimmung aufgegriffen."

Jetzt, wo Richards sich aus dem Alltagsgeschäft des Boiler Room zurückgezogen hat, ist er in der Lage, seine Suche fortzuführen und mehr über die Musik zu erfahren, die er mag. Sein nächster Halt? Angola. Hier will er den Wurzeln des Kuduro auf den Grund gehen. „Angola berührt für mich viele musikalische Bereiche, die mich interessieren, aber ich war noch nie dort. Ebenso wenig wie in Senegal, Nigeria oder Ghana. Und was die Einflüsse auf die Musik, die ich spiele, angeht, so sind diese Orte sehr wichtig."

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Kuduro, eine besondere Art von Hochgeschwindigkeits-Dance-Musik, ist seit einiger Zeit im portugiesischen Lissabon sehr populär. Doch nur wenige Leute kennen den wahren Ursprung der Musik. „Der Kuduro-Sound ist dort seit Kurzem sehr angesagt, das neue große Ding, aber es gibt ihn schon seit einer Weile, besonders in Angola. Was in Lissabon passiert, ist großartig und es zeigt die Geschichte von kultureller Trennung und Ghettoisierung, aber ich habe das Gefühl, dass du Kuduro nicht ganz verstehen kannst, wenn du nicht verstehst, was in Angola passiert."

Dieser Drang nach Verständnis ist eindeutig das, was Richards antreibt. „Viele Genres sind mutiert", findet er. „Ich will ihnen auf den Grund gehen, herausfinden, wer sich im Fall von Kuduro diesen verrückten Tanz und abgefahrenen Sound ausgedacht hat. Woher stammt dieser Steeldrum-Sound? Sicher, es gibt eine Menge YouTube-Videos, aber die Musikkultur ist an Orten wie Angola anders—es geht um Kassetten auf dem Markt oder einen Typen, der dich mit zu einem anderen Typen nimmt. Ich möchte meine eigenen Erfahrungen machen, wenn ich diese Orte besuche, und nicht nur in einem Buch darüber lesen. Ich bin bereit zu sagen: Alter, ich habe keine Ahnung, worüber du sprichst, aber zeig es mir!"

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