Deshalb drücken wir so gerne Pickel aus

Weil wir mal wieder ein Erfolgserlebnis brauchen oder unter einer zwanghaften Störung leiden, sind nur zwei wissenschaftlich belegte Antworten.

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02 März 2017, 12:41pm

imago | Ikon Images

Du siehst in den Spiegel, da ist es, diese Erhebung, in ihrer MItte ein gelblich-weißer Punkt. Sofort mischen sich freudige Erwartung und die Angst, dass du gleich dein Gesicht verschandelst. Denn du weißt es schon jetzt. Du wirst diesen Pickel ausdrücken. Du kennst die Risiken und hast sie alle schon erlebt: Narbenbildung, Entzündungen und Kommentare von guten Freundinnen. Aber du musst es einfach tun – sofort.

Dabei wird uns immer genau das Gegenteil befohlen: bloß nicht ausdrücken! Zu groß ist laut Dermatologen und Online-Ratgebern die Gefahr, dass Bakterien in die Wunde gelangen und sich alles nur noch verschlimmert. Aber diese Ratschläge sind ähnlich vielversprechend, wie keine Wattestäbchen in die Ohren zu stecken. Schließlich ist wenig so befriedigend, wie den lästigen Störenfried loszuwerden. Oder es ihm zumindest mit deinen beiden Zeigefingern richtig zu geben: Krieg ich dich, du Stück!

Aber warum können wir eigentlich nicht die Finger von unseren (oder anderen) Hautunreinheiten lassen? "Der Pickel stört uns einfach. Er ist etwas, was da nicht hingehört und was wir als eklig empfinden", so Bernd Algermissen vom Zentrum für Lasermedizin und Dermatologie in Berlin zu VICE. "Deswegen ist uns auch egal, ob das Herumdrücken hilft oder nicht. Hauptsache weg."

Im Pickelausdrücken steckt aber noch mehr als das schlichte Bedürfnis, das hässliche Ding loszuwerden. "Einer der Hauptgründe dafür, dass die Menschen diesen Zwang zum Knibbeln haben, ist das Gefühl der Befriedigung, wenn man etwas herauspult", erklärt Whitney Bowe bei womenshealthmag. Die in New York praktizierende Dermatologin hat sich auf Akne-Probleme spezialisiert. "Selbst wenn du weißt, dass das auf lange Sicht nicht gut für dich ist, ist es für den Moment eine große Erleichterung, und diese kurzzeitige Erleichterung kann sich sehr gut anfühlen." Vergleichbar damit, wenn du deinen Liebeskummer für einen Abend in einem spontanen Vollrausch ertränkst – bis sich das gebrochene Herz am kommenden Morgen zurückmeldet, begleitet von einem hämmernden Kopf, und du kotzend über der Toilette hängst.

Der Unterschied ist, dass wir diese kurzfristige Erleichterung nicht nur bei unseren eigenen Akneproblemen genießen. Kennt nicht jeder einen fanatischen Pickelausdrücker, der mit seinem Bedürfnis den Bekanntenkreis nervt? Oder den Anblick, wenn im Schwimmbad die Freundin den Rücken ihres Typen inspiziert und einen Mitesser nach dem anderen eliminiert. Dann wird es gruselig – oder auch nicht. Denn es gibt zwei Arten von Menschen, die leidenschaftlichen Partner-Pickel-Ausdrücker und die Angeekelten, fand der Soziologe Matthias Riedel 2008 in seiner Studie "Alltagsberührungen in Paarbeziehungen" heraus. Kaum eine öffentlich ausgeführte körperliche Berührung polarisiert mehr als ein liebevolles Pickelquetschen.

Das alles kommt mal wieder von unseren Affen-Ahnen. Doch obwohl das Entfernen von Pickeln und Mitessern zu einer der wichtigsten Ausdrucksformen der "sozialen Körper-/ und Fellpflege" gehört, so Riedel in seiner Studie, drücken lediglich 15 Prozent der Befragten in der Verliebtheitsphase an der unreinen Haut ihres Partners herum. Die Geschlechter halten sich übrigens die Waage, Männer (14,3 Prozent) und Frauen (15,5 Prozent) doktern gleich gern am Gegenüber herum. Allerdings gibt es einen Unterschied im Alter: Am liebsten drücken die 20- bis 29-Jährigen in ihrer Beziehung Pickel aus, möglicherweise leiden diese auch noch unter den letzten Auswirkungen der Pubertät und haben vielleicht das meiste "Material" zu bieten. Riedel hingegen stellt die Vermutung auf, dass ältere Personen ab 50 Jahren Handlungen, die als eklig oder unanständig gelten, eher weniger in der Öffentlichkeit ausführen. Dazu kommt, dass ältere Menschen wohl auch weniger über das partnerschaftliche Mitesserquetschen sprechen.

Richtig schlimm wird es dann, wenn das Ausquetschen der Hautanomalien zur Sucht wird. Zwanghaftes Pickelausdrücken fällt unter den Krankheitsbegriff Dermatillomanie, die auch als Skin Picking Disorder bezeichnet wird. Betroffene knibbeln bis zu mehreren Stunden am Tag an Pickeln, Härchen oder Krusten herum, was sich im schlimmsten Fall bis zur sozialen Isolation hochschaukeln kann. Jacqueline aus Niedersachsen hat unter mein-leben-mit-skinpicking sogar einen Blog zu ihrer Sucht geschrieben – mittlerweile ist sie geheilt. Wie viele Menschen von Dermatillomanie betroffen sind, lässt sich schwer sagen, die Krankheit ist noch zu wenig erforscht. Bisherige Schätzungen gehen aber davon aus, dass die Krankheit etwa bei 1,5 bis 5 Prozent der Bevölkerung auftritt, bei Frauen häufiger als als bei Männern.

Aber für "gesunde" Pickelausdrücker ist Pickel nicht gleich Pickel, jede Beule bietet eine besondere Herausforderung. Es gibt:

Das Würmchen: Wie ein kleines, weißes Würmchen schlingelt sich der unliebsame Inhalt deiner Haut aus der Pore. Es scheint, als würde es niemals enden wollen.

Den Unterirdischen: Der Schmerzhafte, der sich ankündigt, bevor er sichtbar wird. Er vergräbt sich so tief unter der Haut, dass jeglicher Versuch, ihn auszudrücken, kläglich scheitert. Schnell weitet sich die Rötung in einem doppelt so großen Radius aus. Auch ein Abdeckstift kann nicht mehr helfen.

Der Einfache: Einmal mit dem Fingernagel drübergekratzt, das bisschen Eiter beiseite geschoben, und die Welt ist wieder in Ordnung.

Der Gigant: Ein riesiger Berg an der Wange, dessen eitrige Spitze förmlich entgegenschreit: Drück mich aus! Es gibt kaum ein befreienderes Gefühl, als wenn der Inhalt des Störenfriedes an den Spiegel klatscht.

Hach, herrlich! Und doch, das sind wir unserem pädagogischen Auftrag schuldig: "Wenn wir an einem Pickel herumdrücken, bringt das oft nur eine größere Entzündungsreaktion mit sich, weil wir den Talg in umliegendes Gewebe drücken", warnt Dermatologe Algermissen. "Im Bereich oberhalb der Lippe bis hin zur Nase verlaufen Blutgefäße und Nerven, die bis zur Schädelbasis führen. Wenn dann Bakterien in die Blutbahn gelangen, kann es gefährlich werden." Er empfiehlt, wenn überhaupt, einen Pickel, an dem der Eiter schon sichtbar ist, vorsichtig mit Q-Tipps auszudrücken. "Danach kann man bei Bedarf ein antiseptisches Mittel oder Alkohol auftragen, um die Wunde zu desinfizieren."

Vielleicht hilft es auch, sich knallhart mit völlig fremden Pickeln zu beschäftigen, um von dem eigenen Bedürfnis abzulenken. Die prominenteste Ausscheidungspezialistin ist Dr. Sandra Lee, besser bekannt als Dr. Pimple Popper, die mit ihren YouTube-Videos über zwei Millionen Pickel-Fetischisten glücklich macht. Ihre Karriere basiert auf Hautunreinheiten.

Bleiben wir Menschen also mal auf dem Teppich. Trotz Atomwaffen, verschlüsselter Bitcoin-Bezahlung und Flügen zum Mars – was uns letztendlich wirklich umtreibt, sind doch noch immer die animalischen Bedürfnisse.

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