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Popkultur

Diese Dinge melden Berliner dem Ordnungsamt

"Die Baumscheiben werden als Nutte missbraucht."

von Martha Klein
10 März 2017, 6:45am

Ein Sofa, ein Sessel oder gleich eine Doppelmatratze irgendwo mitten auf dem Gehweg. Das ist Berlin. Nach durchfeierten Nächten sind sie Erholungsort für schmerzende Beine. Aber Liebhaber des Gerümpels auf den Straßen haben einen Feind: das Ordnungsamt. Vor allem seitdem man Verstöße online melden kann. Seit Ende 2015 geht das über die Seite des Ordnungsamts, seit Juli letzten Jahres auch noch über eine App. So kann jeder zum Denunzianten werden.

Datenschützer finden die App nicht so brillant, weil sie auf Google Maps basiert. Aber das scheint Menschen, die sich schon immer mal über die Zustände in ihrer Straße beschweren wollten, nicht zu stören: Seit es die App gibt, stieg die Zahl der Hinweise stark an, es trudelten viel mehr ein als noch allein über die Website, in manchen Bezirken bis zu doppelt so viele.

Sie melden Sofas auf der Straße (246 Meldungen), Fernseher und anderen Elektroschrott (988) und Müll (3.792). Das Ordnungsamt sammelt alle Hinweise auf einer Website, eine Ampel zeigt an, ob sie "in Bearbeitung" (gelb) oder "erledigt" (grün) sind.

Wir haben uns für euch durch die Meldungen geklickt.

"Bierkneipe vor Ort: Sehe hier in letzter Zeit viele Jugendliche in diesem Vorzelt Alkohol konsumieren", meldet ein Anonymer. Weitere Nutzer schreiben, sie hätten junge Menschen beim Konsum von Alkohol in Tempelhof-Schöneberg "schon mehrfach vor Ort gesehen". In Lichtenberg meldet einer: "Immer wieder Jugendliche, die Cannabis konsumieren". Und in Tempelhof meldet einer: "Jugendliche mit Shisha-Pfeife". Berlin, das neuzeitliche Sodom und Gomorra.

Was treibt die Petzer an? Sorgen sie sich um die jungen Biertrinker und Raucher und wollen, dass das Ordnungsamt ihnen die Leviten liest? Klingt widersprüchlich: sich sorgen, aber nicht selbst hingehen, sondern die Regelhüter vorbeischicken. Vielleicht also doch die pure Lust, etwas Ordnungswidriges zu melden? Eine Annahme, die stimmen könnte: Forscher in Cambridge haben herausgefunden, dass das geile Gefühl, etwas auf Facebook zu posten, nicht mit dem ersten Like einsetzt – sondern schon in dem Moment, in dem der eigene Eintrag für den Verfasser sichtbar wird. Die Melder empfinden also schon ein Glücksgefühl, wenn sie den Beitrag mit der Welt – beziehungsweise der Website des Ordnungsamts – teilen.

Weiter mit einem anderen Melder, dem die Einhaltung der Baumschutzverordnung besonders wichtig ist:

"Die Baumscheiben werden seit Beginn der Bauarbeiten 2016 als Nutte missbraucht ... 2 Bretter am Stamm befestigt sind keine ausreichende Schutzmaßnahmen, da hier Baumscheibe und Wurzelbereich permanent malträtiert wurden. Die Baumschutz-VO ist hierzu eindeutig. Bitte um Weiterleitung an Fachbereich." | Screenshot: Ordnungsamt

Miese Baumficker! Aber wie genau sieht es aus, wenn Baumscheiben als Nutte missbraucht werden? Das haben sich die Beamten wahrscheinlich auch gefragt, als sie diese Meldung – in ihrer mit Steuergeld finanzierten Arbeitszeit – bearbeitet haben.

Apropos Bäume: Nach Weihnachten schreiten die Berliner müde durch Schneereste auf breiten Straßen aus Beton. Das Weihnachtslametta ist abgehängt, die Haut nimmt die Farbe von Butterbrotpapier an, der Winterblues setzt ein. Nicht jedoch bei den zivilen Ordnungshütern – für sie ist Ende Januar Hauptsaison. Da fliegen nämlich die gammeligen Weihnachtsbäume auf die Straße. Bis Mitte Januar holt die Müllabfuhr die Bäume noch ab, doch alle, die danach abgeworfen werden, bleiben liegen – und werden gemeldet ("Tanne" – 43 Meldungen; "Weihnachtsbaum" – 103; "Weihnachtsbäume" – 263).

Es treffen zwei Sorten Menschen aufeinander: die, die ihre Waschmaschine einfach mal eine Straße weiter entsorgen, und die, die sich darüber aufregen. Falls ihr nicht aus Berlin kommt und nicht genau wisst, was wir mit Sperrmüll auf den Straßen eigentlich meinen – diese Bilder haben Berliner dem Ordnungsamt geschickt:

Bearbeitungsstatus: "Die Berliner Stadtreinigung teilte uns am 07.03.2017 mit, dass die Angelegenheit erledigt wurde." | Screenshot: Ordnungsamt

Bearbeitungsstatus: "Ihr Hinweis wurde an die Berliner Stadtreinigung weitergeleitet. Wir bitten um etwas Geduld. Ordnungsamt Pankow" | Screenshot: Ordnungsamt

Friedrichshain: "Feinsäuberlich :-(( Kühlschrank & Kaffeemaschine"  Screenshot: Ordnungsamt

Für einen anderen Beschwerdeführer manifestieren sich Ausscheidungen von Kleinkindern als großes Übel: "Und wieder wie jede Woche: 2 Sack Hausmüll, 1 Sack Babywindeln."

Das nervt, klar. Der Lösungsvorschlag des Melders erinnert allerdings an eine Zeit, in der das einzig Demokratische in Ostdeutschland das zweite D in DDR war:

"Seit einem Jahr jede Woche dasselbe, langsam ist eine Überwachung anzuraten. Die Art des Mülls sagt aus, dass immer dieselbe Person der Verursacher ist", schreibt er. Sicher wird demnächst die SOKO Windel eingerichtet.

In Schöneberg beschwert sich jemand über eine "Grillparty mit Geruchsbelästigung und offenem Feuer". Andere regen sich darüber auf, dass in der Bar unter ihnen manchmal Musik läuft. Und zu guter Letzt: Menschen, die mit Handy in der Hand durch die Straßen schlendern und Falschparker anschwärzen (Parkverbot – 107 Meldungen; Halteverbot – 269 Meldungen).

"Fahrzeuge im Halteverbot" – Nachbar is watching you | Screenshot Ordnungsamt

Wir können der Anonymität in der Großstadt die Schuld dafür geben, dass Menschen einfach ihren Müll auf die Straße schmeißen. Wir können wutentbrannt die Faust in der Luft schwingen oder kleine Ordnungsamtsgehilfen werden.

Oder wir können einfach weiter durch die Straßen wandern, uns über den Globus freuen, der dort herumsteht, und ihn in unsere Küche stellen.

Wahrscheinlich ist Letzteres langfristig gesünder. Denn mal ehrlich: Glaubt ihr wirklich, eine Stadt, in der man Monate auf Termine beim Amt warten muss, und die es nicht schafft, einen Flughafen zu bauen, kann euer nachbarschaftliches Müllproblem lösen oder den Brombeer-Wildwuchs?

"Nicht gemähte Flächen! Starker Bewuchs von Brombeeren, Verwilderung – als Folge Magnet für Müllentsorgung und Drogenkonsum!" | Screenshot: Ordnungsamt

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