2017 – Das Jahr der Entschleunigung in den Wiener Clubs
Rudis Brille

2017 – Das Jahr der Entschleunigung in den Wiener Clubs

Früher wollten wir es schneller und rasanter, darum auf zum nächsten Rave – so schlecht und provinziell konnte es gar nicht sein. Heute sucht die Partyjugend in ihren (sehr wenigen) wilden Jahren wieder Entschleunigung.
23.1.17

Header und alle Fotos: VAKAT | Heimliche drei Könige

Einen – zumindest leicht – fundierten Ausblick auf musikalische Trends am elektronischen Dancefloor 2017 auszumachen, grenzt immer ein bisschen an Kaffeesudlesen. Vielleicht ist dieses Jahr der Sud aber ein wenig dicker:

Hierzulande wird die jüngere Generation bei Drum'n'Bass bleiben. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die entsetzten Blicke, als wir um 4:00 Uhr beim Neujahrskonzert im Flex von Drum'n'Bass auf Techno umstellten und die zuerst wie wild abshakende junge Crowd mit dem (ohnehin sehr schnellen) Techno danach nichts, aber schon gar nichts, anzufangen wusste. In Wien ist der gegenseitige Wille der Anerkennung eben noch sehr gering, es bedurfte erst eines kompletten Publikumsaustausches.

EDM gab es ja zum Glück in unserer lebenswerten Stadt nie in all zu großem Umfang (außer unter dem Ring) und die Technoszene gliederte sich in den letzten Jahren in hart bis ganz hart und in cool bis obercool. Das alles tut und tat in seinen Auswüchsen und Atti- beziehungsweise Plattitüden schon fast weh, denn wenn man bedenkt, dass in den Neunzigern noch viele Stilvermischungen am selben Abend möglich waren, so ist Abweichung 2017 schon fast ein Sakrileg, der mit Verachtung bestraft wird.

"Klar darf nicht alles in Beliebigkeit ersticken, doch auch nicht im Humorverbot."

Es ist ja gut, wenn gewisse Veranstalter ihre Sache sehr ernst nehmen und streng drauf achten, nur ja nicht allzu gefällig zu werden, Tracks zu spielen, die nicht in jedermanns Playlist aufscheinen oder unter dem Allerweltsbegriff "Techhouse" von der Technopolizei verhaftet werden. Als bekennender Anhänger der Vielschichtigkeit und Genregroßzügigkeit von Musikvorführungen bin ich der Auffassung, dass in letzter Zeit leider einfach immer mehr der Grundsatz des Ausgehens und der Partykultur missverstanden wird. Klar darf nicht alles in Beliebigkeit ersticken, doch auch nicht im Humorverbot. Mir wird vieles leider ab und an zu ernst dieser Tage und traurig sind die Anlässe allemal (siehe BPM).

Die großen Namen, die irgendwann einfach nichts mehr Nachhaltiges produzieren müssen, um die Clubs zu füllen, wie etwa Villalobos, Loco Dice und Co sind leider in der Gegenwart das beste Beispiel dafür, was aus ehemaligen Underground-Geldmaschinen wurde. Am Ende funktionieren dann solche Partys immer noch (meistens) am besten.

"Karg wie die Höhepunkte dieser Musik sind auch die Toleranzgrenzen."

Daneben gibt es natürlich noch die Minimal-Anhängerschaft, die den harten Neo-Analogtechno nicht versteht und am liebsten nach Rumänien fährt. Auch hier herrscht geringer Wille, soundmäßig auszuscheren. Karg wie die Höhepunkte dieser Musik sind auch die Toleranzgrenzen. Und House wurde in den letzten Jahren so sehr zerzaust, dass man schon fast Flüstergruppen bilden muss, wenn man echter Deephouse- (nicht peruanischer Panflötenhouse) Fan ist.

Und so kann man das Rädchen weiter drehen, bis wir wieder in den Neunzigern angekommen sind. Die Fans der alten Detroitsounds haben ohnehin irgendwann einmal aufgehört, über ihren Dorfkirchturm hinaus zu schauen und blieben in Motorcity – sie verfallen quasi ein wenig mit der Stadt.

Doch gerade 2016 tat sich abseits des ganzen Wirbels einiges. Viele junge Nachwuchs-Hörer und -DJs haben die immer selben Protagonisten satt und können mit der Entwicklung in Richtung hartem Analogtechno oder Neo-Deep House nicht viel anfangen. Genauso wenig wie mit ständig teurer werdenden internationalen DJ-Superstars und den damit verbundenen, noch teureren Events.

Es bildete sich tatsächlich eine Nische, die nun ihrem Nischendasein entwächst und beginnt – ohne es zu wollen – , abzuheben: Entschleunigung, gedrosseltes Tempo – Downbeat heißt es nun auf Beatport (Und schon zucken sie alle vor Schmerzen, weil dort will niemand sein, auch wenn man Musik ja kaufen und verkaufen will). Nun, als alter Hase kann ich mich noch an die ganz große Zeit des "ersten" Downbeat-Hypes erinnern, getragen von Kruder und Dorfmeister und all den anderen Protagonisten, von großen Labels wie Ninja Tune, Wall of Sound oder Thievery Corporation. Darüber habe ich in den letzten Kolumnen oft geschrieben.

Ein bisschen sphärisch, leicht ethno angehaucht und extrem entschleunigend.

Mit dieser Art Downbeat hat die neue Entwicklung wenig bis gar nichts zu tun. Im klassischen Sinne ist es ganz langsamer, minimaler, zwischen den Genres stehender Sound. Ein bisschen sphärisch, leicht ethno angehaucht und extrem entschleunigend. Crews wie Heimlich und – etwas gemischter – auch Zinnober begannen, mit ihren Festen anfangs kleine, gar nicht so hippe Locations und Bögen zu füllen.

Das Publikum kam nach und nach trotz gedrosselter Promo in Scharen und mittlerweile befüllte Heimlich am ganz und gar nicht so partytauglichen 6. Jänner das Fluc bis zum letzten Mann – Zinnober macht das schon lange in der Auslage. Das Publikum ist sanft und angenehm durchmischt, es wird dekoriert, man beschmückt und behängt sich auch selbst. Es wird ein bisschen in die Goa-Ecke geschielt, wo man sich selbst bunt und freundlich gibt, nur eben langsamer.

Die DJs tragen nicht mehr die – in den letzten Jahren so angesagten – Wikingernamen oder die gar nicht so wohlklingenden eigenen, sondern sie geben sich – zum Teil – mystische Kürzel und verschwinden wieder ein bisschen mehr in der Anonymität. Das liest sich dann so: Bedouin, Behrouz, Hraach, Nu, Lum oder Crussen. Viele davon sind aus Israel und verwenden tatsächlich auch Sounds aus dem arabischen Raum. In letzter Zeit änderte sich das Ganze aber etwas weg davon und hin zu melodiöseren Synthsounds. Österreichische Vertreter nennen sich Späk oder Tian. Aber auch in Berlin mausert sich das Slow Motion-Ding und wurde schon längst richtig groß. Viele einstige House-Produzenten und DJs finden sich darunter. Wahrscheinlich hat das der vernachlässigte 4/4-Nachwuchs gebraucht und auch Teile der (ehemaligen?) Techno Sonntag-Crew sind nun in dieser Szene aufgegangen.

Global groß geworden ist das Phänomen "entschleunigte Musik" teils durch die Strandpartys Ibizas, wo es nach Jahren der totalen kommerziellen Verödung nun eben auch etwas neues (altes) benötigte, um dem diabolischen Wahnsinn, der die Insel seit Jahren dominiert, etwas entgegen zu setzen. Wer will denn zum 25.000sten Mal Carl Cox hören und dafür 300 Euro ausgeben? Fragt man alteingesessene Ibizakenner, so erzählen sie von chilligen Nachmittagspartys, die abends soundmäßig nur unwesentlich schneller werden (zwischen 80 und 110 BPM).

"Das gab es früher schon im erst legendären – dann zum Disneyland verkommenen – Café del Mar."

Dort sieht man Neo- und Ex-Hippies mit etwas Kleingeld oder viel großem, die für die großen Raves zu alt sind und eben Leute, die auch mit der Familie zum Essen kommen. Das gab es früher schon im erst legendären – dann zum Disneyland verkommenen – Cafe del Mar und jetzt eben bei Acid Paulis "Acid Sundays" im Heart of Ibiza. "Desert, Playa oder Bohemian Music" nennt man das teilweise dort und den Ursprung des "Hypes" findet man – erraten – auch beim Burning Man und seinen vielen Sub- und Daytime-Partys. Das Ganze war aber auch im Alpenraum früher schon einmal sehr populär – unter dem Begriff "Cosmic" fanden in den 90ern vor allem in Italien (und auch Innsbruck) schon viele große Events und Festivals mit ähnlich sphärischen Sound statt und erzeugten eine ganze Bewegung, die ja auch bis heute nicht verschwunden ist.  Scheibosan und Makossa kennen das noch allzu gut, sie kommen quasi genau aus dieser Ära.

Man könnte nun die These aufstellen, dass ein Teil der jungen, partyaffinen Leute in Zeiten der totalen Beschleunigung genau nach dem Gegenteil sucht: Du willst eine Partnerin, ein Date oder eine Sexbeziehung – wisch sie her oder weg. Du willst studieren? Schnell, schneller Bachelor auf 300 Fachhochschulen, alles geht im rasanten Tempo voran. Früher wollten wir es schneller und rasanter, darum auf zum nächsten Rave, so schlecht und provinziell konnte es gar nicht sein. Heute sucht die Partyjugend in ihren (sehr wenigen) wilden Jahren offenbar wieder Entschleunigung.

"Man könnte nun die These aufstellen, dass ein Teil der jungen, partyaffinen Leute in Zeiten der totalen Beschleunigung genau nach dem Gegenteil sucht."

Und siehe da, auf einmal ziehen auch viele internationale Acts, die in anderen Genres groß geworden waren, nach: Hört man etwa in das neue Album von Marc Romboy, dann weiß man, wohin der Hase alsbald laufen könnte. Und viele andere werden folgen, so viel ist sicher.
Wo viel Licht ist, ist aber auch Schatten und Rant. Der wohl meist gefürchtetste Mr. RANT aka MR C (the Shamen), giftelte unlängst gegen diese Art von Musik. Sie sei peruanischer Ziegenhirtenhouse und kann damit so gar nichts anfangen. Auch das kenne ich noch aus den Neunzigern, als die Technomushrooms gegen Kruder & Dorfmeister hateten, warum sollte das 2017 anders sein?

Sebastian Oberst, einer der "Heimlich"-Macher sieht das Ganze jedenfalls sehr entspannt. Mit dem ganzen Ibizading will die relaxte Wiener Truppe eigentlich nichts zu tun haben, obwohl sie Acid Pauli und seine Produktionen sehr respektieren. Er selbst releast schon seit Jahren unter anderem auf Schönbrunner Perlen, einem der Aushängeschilder für gechilltere Sounds – allerdings ohne Panflöten und Wüstengeheule. Für ihn war das Ding auch nie weg, es gab es immer in diversen Formen, so auch heute.

"Schaut man aber ein wenig über den Tellerrand, bemerkt man, dass diese Art von Musik alles andere als ein Hype ist, sondern schon über lange Zeit als Strömung existiert, die parallel zu anderen Dingen koexistiert."

"Speziell in unserem Fall hatten wir einfach Lust, eine Veranstaltung zu machen, auf der die Musik, die wir im Club am liebsten hören, gespielt wird. Wir stecken in das Projekt sehr viel Herzblut und Mühe und sind überzeugt davon, dass das auch die Gäste jedes Mal mitbekommen. Deswegen kommen die Leute gerne. Dadurch, dass immer mehr Leute darauf aufmerksam werden, kommt es einem in Wien wie ein Boom vor. Schaut man aber ein wenig über den Tellerrand, bemerkt man, dass diese Art von Musik alles andere als ein Hype ist, sondern schon über lange Zeit als Strömung existiert, die parallel zu anderen Dingen koexistiert", sagt Oberst.

Und auf die Frage, wo denn die Reise nun 2017 hingehen könnte, meint er: "Die BesucherInnen-Zahlen haben schneller als erwartet die Locations an die Grenzen gebracht. Aus Platzgründen so viele Leute abzuweisen, die augenscheinlich richtig bei uns gewesen wären, hat uns teilweise im Herzen weh getan. Das Fluc war also als logische Konsequenz die erste größere Veranstaltung und wir planen auch in den nächsten Monaten Projekte, mit denen es uns hoffentlich möglich ist, dass alle, die wollen, mal eine Heimlich-Party miterleben können.

"Geografische Grenzen soll es bei uns im Endeffekt nicht geben."

Doch wer Augen und Ohren offen hält, wird erkennen, dass wir auch regelmäßig kleinere, gemütlichere Veranstaltungen machen, um den Spirit in jedem Fall beizubehalten. Dass das Projekt nach nicht mal einem Jahr auch bereits international Aufmerksamkeit erregt, hätten wir auch nicht gedacht. Für uns aber auch ein Grund mehr, Heimlich im Jahr 2017 auch ein wenig aus Wien herauszutragen. Geografische Grenzen soll es bei uns im Endeffekt nicht geben. Wir möchten als Kollektiv vom Ort unabhängig agieren und versuchen, jeden Ort, den wir bespielen, in eine Heimlich-Erfahrung zu verwandeln."

Nun, ob es in den kleinen Locations wirklich noch gemütlich sein wird, wird man sehen: Das heimliche Großwerden hat nämlich begonnen.

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