Rechte bedrohen das Leben des Dresdner Bürgermeisters und hetzen gegen ein Denkmal für Syrien
Foto: imago | Robert Michael
Politik

Rechte bedrohen das Leben des Dresdner Bürgermeisters und hetzen gegen ein Denkmal für Syrien

Seit Jahren instrumentalisieren Rechte das Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs. Was passierte, als die Stadt versuchte, das zu verhindern.
8.2.17

Dresden bietet ein Paradox: Nirgends hört man soviel davon, dass der "Schuldkult" zu Ende sein muss, regelmäßig fordern Pegida-Redner einen Schlussstrich unter das NS-Gedenken. Und gleichzeitig versinkt die Stadt jeden Februar im Erinnerungstaumel für die Opfer der alliierten Bombenangriffe Mitte Februar 1945.

Für Neonazis und Rechtspopulisten bietet der Jahrestag der Angriffe die perfekte Gelegenheit, der "deutschen Opfer" zu gedenken, ohne sich dabei mit den Verbrechen des NS-Regimes auseinandersetzen zu müssen. Björn Höcke verglich die Bombardierung mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Dieses Jahr aber will die Stadt es den Populisten mit ihrer speziellen "Erinnerungskultur" nicht leicht machen. Die Stadt will der Toten auf eine Art gedenken, die den Populisten und Rechtsradikalen so gar nicht gefällt.

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Es soll nämlich nicht nur den Toten des Zweiten Weltkriegs gedacht werden, sondern auch jenen, die gerade in Syrien sterben. Eine Menschenkette wird in der Innenstadt gebildet, die explizit als Schutzschild gegen die Vereinnahmung des Gedenkens durch Rechtsextreme gedacht ist. Der Verein "Arche Nova" sammelt im Rahmen des Gedenkens Geld für die Opfer in Syrien. Und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) zog Parallelen zur Situation dort und sagte mit Bezug auf Geflüchtete: "Die Auswirkungen des Krieges in Syrien spüren wir auch in unserer Stadt." Für einige der Betroffenheitsbürger wäre das alles wahrscheinlich schon zu viel Ablenkung von den deutschen Opfern gewesen. Aber Hilbert machte weiter: "Dresden war keine unschuldige Stadt, das wurde wissenschaftlich ausgewertet." Und nun erhält Hilbert Morddrohungen.

Fakten kommen bei Wutbürgern nämlich bekanntlich nicht so gut an. Die Junge Alternative, die Jugendorganisation der AfD, springt begeistert auf den Zug auf und will auf Facebook den Bürgermeister "aus der Stadt jagen". Sie fordert "Ehre für unsere Opfer". Das lassen sich die Kommentatoren nicht zweimal sagen, weil: Wie könnte man die deutschen Opfer besser ehren, als den Bürgermeister aufzuhängen?

Der Oberbürgermeister Dirk Hilbert steht mittlerweile unter Polizeischutz.

Der Versuch, eine Parallele zwischen Syrien und Dresden zu ziehen, bleibt aber nicht nur bei Worten. Vor der Frauenkirche wurde eine Skulptur mit dem Titel "Monument" errichtet: Drei Busse stehen senkrecht auf dem Platz, genauso wie Busse in Aleppo, mit denen Bewohner versuchten, Barrieren zu errichten und ihre Viertel zu verteidigen.

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Am Dienstag wurde die Skulptur des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Albouni an die Stadt übergeben und – Überraschung – es lief nicht ohne Zwischenfälle ab. Martin Dulig (SPD), Sachsens Wirtschaftsminister, versuchte, mit einigen der Gegendemonstranten ins Gespräch zu kommen. Eher erfolglos.

Die pöbelnden Vertreter des christlichen Abendlandes ließen die Redner, darunter auch einen Pfarrer, kaum zu Wort kommen: "Die haben einfach nur sinnlos geschrien. Wenn man gegen etwas ist – womit ich grundsätzlich kein Problem habe –, muss man erstmal verstehen, worum es geht. Wenn man die ganze Zeit nur schreit und den Gegner nicht ausreden lässt, bringt das nichts. Niemand hat was davon", sagte der Künstler Albouni zu VICE.

Ohnehin sind die Argumente der Kritiker eher dünn und lassen sich der Einfachheit halber gut mit "Diese Kunst ist blöd" zusammenfassen:

"Ich frage mich ernsthaft, was wir mit Aleppo zu tun haben." Gerade diese Frage ist es, die Albouni umtreibt: "Über Kunst kann man sich immer streiten. Für mich geht es bei der Arbeit um den Kontrast zur Frauenkirche, weil sie so schön wiederaufgebaut worden ist. Ich kenne die Frauenkirche auch noch als Ruine. Es geht darum, darüber nachzudenken, dass hier auch mal alles zerstört war."

Die Dresdner und vor allem die lautstarke Pegida-Fraktion wollen ihren Opferstatus aber nicht in einem Zusammenhang sehen. Und dann auch noch in einem, der durch Kunst hergestellt wird. Die pittoreske Frauenkirche soll doch bitte nicht durch unpittoreske Busse direkt davor verschandelt werden, die auch noch zu allem Überfluss an einen Krieg erinnern, in dem keine Dresdner zu Tode kommen.

Albouni geht es auch darum, das Gedenken nicht mehr nur denen zu überlassen, die die Bombenopfer von Dresden für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren: "Das ist nicht das Gedenken von denen. Sondern das Gedenken von uns allen. Es geht um die Parallelen, wie es damals war und wie es jetzt ist."

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