The VICE Guide to Grindr

Wir helfen dir dabei, dich im Dschungel der Penisbilder, Enttäuschungen und sexy Algorithmen zurechtzufinden.

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12 Dezember 2016, 5:15am

Nachdem ich mir den VICE Guide to Tinder für Männer durchgelesen hatte, beschloss ich spontan, meinen Mitmenschen in Bezug auf Grindr den gleichen Dienst zu erweisen. Mir ist klar, dass jeder Nutzer von Dating-Apps andere Ziele verfolgt, und deshalb sollten die folgenden Tipps und Ratschläge nicht für bare Münze genommen und ganz individuell an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Und für die Heteros unter euch, denen Grindr kein Begriff ist, dient dieser Guide hoffentlich als eine Art Erläuterung. Und jetzt anschnallen, bitte!

Grindr ist nicht Tinder

Wenn man die Tinder-Benutzeroberfläche als Filtersystem ansieht, dann ist Grindr eher mit einem Tag der offenen Tür vergleichbar. Dort kann dir nämlich jeder Nutzer einfach so ungefragt Schwanzbilder als Eisbrecher zukommen lassen. JEDER. So etwas wie einen Auswahlprozess sucht man bei Grindr vergebens. Die App wird eigentlich nur von spitzen Jungs genutzt, die sich in einem gewissen geografischen Umkreis nachjagen.

Wegen dieses Unterschieds solltest du dein Grindr-Profil auch nicht wie ein Tinder-Profil aufbauen. Bei Tinder kannst du guten Gewissens ein Urlaubsfotos hochladen, auf dem vielleicht auch ein Verwandter oder eine beste Freundin zu sehen ist—denn das lässt dich wie einen angenehmen und funktionierenden Menschen wirken. So etwas kannst du bei Grindr aber gleich sein lassen, denn dort geht es um Sex, ohne vorher die ganze langweilige "Wie heißt du?"- oder "Was machst du so den ganzen Tag lang?"-Routine durchlaufen zu müssen.

Das richtige Profil

Klar, du kannst auf Grindr auch nach deinem persönlichen Traumprinzen suchen, aber im Kontext meines Guides ist das der falsche Ansatz. Meiner Erfahrung nach gibt es zwei verschiede Grindr-Profile, mit denen du gut ankommst: einmal das sexy und geheimnisvolle Profil, durch das du wie ein cooler, etwas apathischer und nicht allzu verzweifelter Typ rüberkommst, und dann noch das direkte Profil. Beim direkten Ansatz lädst du nur ein normales Selfie (vielleicht oben ohne) hoch und verlinkst deine Social-Media-Accounts.

Ich persönlich bevorzuge die zweite Variante, denn im heutzutage gehen Online-Dating und Online-Stalken meiner Meinung nach schon fast Hand in Hand.

Hier noch ein wichtiger, allgemeingültiger Hinweis: Diskriminierende Ansagen sparst du dir besser! Wenn du Sachen wie etwa "Keine Tunten" oder "Nur Weiße erwünscht" schreibst, dann hast du es nicht verdient, dir auch nur einen Typen zu angeln, und ich hoffe, du verlierst dein Handy in einem Taxi.

Nachdem du dich für ein Foto und den Vibe deines Profils entschieden hast, ist es an der Zeit, die Grindr-Community darüber in Kenntnis zu setzen, was du eigentlich willst.

Mache keinen Hehl um deine Intentionen

Bei Grindr ist es wichtig, ganz klar anzugeben, was du willst und auf was du stehst. Niemand hat nämlich Bock darauf, mit der Erwartung von einmaligem Standardsex zu einem Date zu gehen und dann auf einen Typen im Meth-Rausch zu treffen, der vier Freunde im Schlepptau hat oder fragt, ob man sich nochmals treffen will. Es gibt aber Typen, die wirklich auf so was aus sind—und das ist auch vollkommen in Ordnung, so lange sie das klar und deutlich sagen. Angebot und Nachfrage. Es folgen nun einige Beispiele, wie ich meinen Grindr-Kollegen aufzeige, wie sie den Weg in meine Hose finden:

Grindr steckt voller (meistens unerwünschter) Überraschungen und es lohnt sich auf jeden Fall, die Nutzer über deine Erwartungen aufzuklären. Apropos Erwartungen ...

Je niedriger die Erwartungen, desto besser

Meiner Meinung nach sollte diese Faustregel nicht nur für Grindr, sondern für die gesamte Dating-Welt gelten. Wenn du dich in die Grindr-Welt stürzt und darauf hoffst, einen superheißen Typen zu treffen, der die gleichen Interessen hat wie du, keinen emotionalen Ballast mit sich rumschleppt, den perfekten Schwanz hat und dir keine "wertvollen" Lebenstipps mit auf den Weg gibt, dann wirst du garantiert enttäuscht. Ich habe dank Grindr zwar schon viele gute One-Night-Stands erlebt, aber die kamen eher zufällig zustande und nicht, weil ich auf der Suche nach dem perfekten Partner war.

Des Weiteren schreibe ich manchmal Typen an, bei denen ich garantiert keine Chance habe. Einen Versuch ist es allemal wert. In den meisten Fällen geht diese Taktik natürlich nicht auf, was für mich aber vollkommen OK ist. Ich weiß nämlich, dass ich nicht gerade ein heißer Fang bin.

Wenn mich jemand anschreibt, dann gehe ich reflexartig davon aus, dass es sich entweder um einen Bot oder um einen Blender handelt—die beiden überflüssigsten Kreaturen des Grindr-Universums. Wenn mich ein sexy Typ zu sich einlädt, dann ist wahrscheinlich nicht er auf den Fotos zu sehen. Oder ich wurde von einem sexy Algorithmus reingelegt, der mir bei meiner Einsamkeit garantiert keine Abhilfe schafft.

Hier redet mein Kumpel Brent mit einem Bot

Gewöhne dich daran, zurückgewiesen zu werden

Wenn ich einen Kerl sehen, mit dem ich ins Bett steigen will, dann schreibe ich ihn normalerweise direkt an. Ein Phänomen, das ich auch bei Tinder beobachten kann, ist nämlich, dass die Leute oftmals zu stolz sind, um den ersten Schritt zu machen. Ist mir doch egal, wie cool oder uncool ich wirke. Im echten Leben gehe ich auch direkt ran, warum sollte ich mich also gerade auf Grindr zurückhalten?

Ich rate dir, dich schon mal an Abweisungen zu gewöhnen. Da ich Grindr jetzt nicht wirklich ernst nehme, macht mir das nichts aus. Normalerweise treibe ich mich auch erst immer relativ spät auf der Plattform rum und treffe deshalb vor allem auf Betrunkene und Druffis—quasi wie in einer echten Bar! Ich nehme aber keine Drogen und habe keinen "Jagdtrieb". Das führt oftmals zu brenzligen Situationen. Grindr in der Nacht ist dennoch besser als Grindr bei Tag.

Tagsüber besteht die Grindr-Community nämlich fast ausschließlich aus Geschäftsmännern, die vom Büroklo aus Dick-Pics verschicken. Abends geht dann die richtige Action los. Meiner Erfahrung nach gibt es eine "magische Stunde", in der alle Bock auf Sex haben und noch nicht zu faul sind, aus dem Haus zu gehen. Faulheit spielt auch bei meinem Lieblings-Grindr-Aspekt eine wichtige Rolle: Potenzielle Bettpartner werden mir aufgrund ihrer Nähe zu meinem Schlafzimmer angezeigt. Leute, die die App noch nie benutzt haben, stellen sich das Ganze ungefähr so wie Tinders "Weniger als einen Kilometer entfernt"-Einstellung vor. Das trifft aber nicht ganz zu. Hier heißt es eher: "Hey, ich stehe drei Meter neben dir, du hast hübsche Augen!" Man kann seinen Standort zwar auch verbergen, aber ich stehe auf den Thrill.

Grindr kann schnell unheimlich werden

Sicherheit ist mir beim Nutzen der App unglaublich wichtig. Wenn ich mitten in der Nacht noch mal losziehe, um mit einem Typen zu kuscheln, dann sage ich meiner Mitbewohnerin Bescheid und schicke ihr einen Screenshot des Standorts und des Gesichts meines Dates. Der eben erwähnte Thrill kann manchmal nämlich auch ziemlich nervenaufreibend sein. Einmal befand ich mich zum Beispiel auf dem Bauernhof meiner Eltern mitten im Nirgendwo und plötzlich zeigte mir die App an, dass sich jemand nur 15 Meter von mit entfernt befände. Ich bekam richtig Panik und schaute schnell, ob auch alle Türen und Fenster verschlossen waren. Vielleicht bin ich auch paranoid, wenn es darum geht, nachts alleine zu einem Fremden zu gehen, um Sex zu haben. Ich finde einfach, dass man hier nicht vorsichtig genug sein kann. Ein wenig Skepsis hat so einem Fall noch nie geschadet.

Die nichtsexuelle Seite von Grindr

Selbst wenn ich nicht gerade auf der Suche nach einem Schwanz bin, bietet Grindr großartige Unterhaltung. Mir macht es zum Beispiel sehr viel Spaß zu schauen, wer sich an außergewöhnlicheren Orten auf Grindr rumtreibt—zum Beispiel an Urlaubszielen, in Einkaufszentren oder in ländlichen Dörfern. Mein persönlicher Favorit sind Flughäfen: Warum sollte ich ein Buch lesen, wenn ich auch die App öffnen und nachsehen kann, welche Grindr-User gerade auf ihren Anschlussflug warten. Und manchmal stoße ich sogar auf Flugbegleiter oder den Hauptpreis, einen Piloten.

Ich hoffe, dass dir dieser Guide nun etwas weiterhilft. Ich lösche Grindr übrigens alle paar Wochen und installiere die App später neu, wenn mir langweilig ist und ich ficken will. Bei Tinder habe ich im Allgemeinen zwar mehr Glück, aber machmal ist es eben gut zu wissen, dass sich andere einsame und spitze Typen nur einen Katzensprung entfernt befinden.