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Wie eine britische Studentin zu einer Heiratsvermittlerin für den IS wurde

Früher rauchte und feierte sie. Heute nennt sie sich Umm Muthanna al-Britannia, ist mit einem IS-Kämpfer in Syrien verheiratet und posiert mit Kalaschnikow.

von Simon Cottee
03 Januar 2017, 5:00am

Im März letzten Jahres, keine zwei Monate nach ihrer Ankunft in Syrien, postete Umm Muthanna al-Britannia ein Foto von sich bei Twitter: in Burka und mit einer Kalaschnikow. Die Bildunterschrift lautete: "Die wahre Freiheit leben." Nicht lange zuvor hatte sie noch andere Freiheiten genossen. Sie bändelte mit Jungs an, trug Make-up und zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehörten laut Onlineprofil: "Jamin wid my gyalsz, Sleepin, Munchin, & SmoOkiin."

Umm Muthannas echter Name lautet Tooba Gondal. Sie ist 22, in Frankreich geborene Britisch-Pakistanerin und in Ostlondon aufgewachsen. Bis Ende 2014 studierte sie an der Goldsmiths University Englisch. Heute lebt sie im nordsyrischen ar-Raqqa und ist Witwe. Ihr Mann starb letztes Jahr als Kämpfer des IS. Ihr Vater, Mohamed Bashir Gondal, sagte zu Journalisten, dass seine Tochter lebe und sich in Syrien befinde. Auf Interviewanfragen zu diesem Artikel antwortete er nicht.

Die einstmals aktive Twitter-Userin Umm Muthanna hat seit Mitte März nichts mehr gepostet. Einer ihrer letzten Tweets war eine Hommage an ihren verstorbenen Ehemann Abu Abbas al-Lubnani—einen libanesischen IS-Kämpfer und Leiter einer Rekrutierungsseite, mit der Frauen und Mädchen in Großbritannien angeworben werden sollten. Die Betreiber der Seite ermutigten sie, nach Syrien zu fliegen, um "Dschihadisten-Bräute" zu werden und die nächste Generation von IS-Kämpfern auf die Welt zu bringen. Wie ihre Landsfrau Sally Jones—bekannt als Umm Hussain, die Ex-Punkerin aus Kent, die 2013 nach Syrien ausreiste—betreibt auch Umm Muthanna Propaganda und Rekrutierungsarbeit für den IS. "Schwestern", schrieb sie letzten September bei Twitter: "Wenn es euch mit der Hidschra [Migration in denn Islamischen Staat] ernst ist, ihr aber aus welchen Gründen auch immer noch im Dar al-Kufr ["Land des Unglaubens"] festhängt, dann wisst, es gibt einen Weg für euch. Kontaktiert mich privat."

Anfang dieses Jahres schwärmte Umm Muthanna von ihrem Besuch eines Ausbildungslagers, in dem sie den Umgang mit Feuerwaffen trainiert habe. Da der IS mittlerweile seine Regeln zum Kampfeinsatz weiblicher Rekrutinnen überarbeitet hat, ist es gut möglich, dass sie ihr Training auch dem Praxistest unterzieht. Älteren Tweets von ihr zufolge kann sie es kaum abwarten. Am Abend der Pariser Anschläge im November 2015, nachdem IS-Anhänger 130 Menschen getötet hatten, verkündete sie bei Twitter: "Wünschte, ich hätte mit eigenen Augen dabei zuschauen können, wie die Geiseln letzte Nacht abgeschlachtet wurden. Das wäre einfach wunderschön gewesen."

Umm Muthanna al-Britannia ist also, diplomatisch gesagt, eine ziemlich unangenehme Zeitgenossin. Aber wer ist oder wer war Tooba Gondal?

Bis heute ist nicht endgültig klar, wie Tooba zu Umm Muthana al-Britannia wurde. Laut einer ehemaligen Klassenkameradin rauchte Tooba in der Schule, hatte heimliche Freunde und himmelte Boybands an, so zitiert sie die Mail on Sunday. Dann, vor etwa zwei Jahren, "begann sie Koran-Strophen bei Twitter zu posten und über Religion zu reden."

Tooba Gondal, Fotos via Gondals deaktiviertem Bebo-Account

Klar hingegen ist, dass Tooba wie viele IS-Rekruten und Rekrutinnen, eine Muslimin ist, die ein ziemlich säkulares Leben führte, bevor sie zum Islam zurückkehrte. "Alhamdulillah für den Islam", schrieb sie im November 2014 bei Twitter: "Wie verloren und verirrt ich war, bevor ich diesen Segen in meinem Leben hatte und wie alles Sinn ergibt ..." Ihre Facebook-Seite—die zum Veröffentlichungsdatum dieses Artikels noch aktiv ist—gibt das genaue Datum ihrer religiösen Erweckung oder "ihrer Wiedergeburt" an: "16. November, 2012: Der Tag, an dem mich Allah zum Islam geführt hat, Alhamdullilah."

Es gibt eine Audioaufnahme, in der sie versucht klarzumachen, was dieser Moment für sie bedeutete. 2013, zwei Jahre bevor sie nach Syrien ging, veröffentlichte sie die Aufnahme für ihre Twitter-Follower. Über 40 Minuten berichtet sie über ihre Verwandlung zu Umm Muthanna.

"Zuerst will ich ein paar Hintergründe dazu geben, wie ich früher gedacht und mich verhalten habe, ohne dabei meine Sünden zu sehr preiszugeben", fängt sie an. "Es war in der neunten Klasse [Alter 13 bis 14], als ich begann—du weißt schon—total vom Weg abzukommen. Ich begann zu rauchen—gewöhnte es mir so sehr an, dass es zur Sucht wurde. Und dann gab ich mich mit schlechten Menschen ab und Jungs und machte lauter haram [verbotenen] Sachen. Aber es war nicht so schlimm, bis ich zur Uni ging. Dort hatte ich diese Freiheit, verstehst du? Ich zog an, was immer ich wollte. Mit der Zeit wurde es immer schlimmer—Piercings—ohne überhaupt zu wissen, was ich tue. Verstehst du? Es gab kein Haya [Anstand], keine Grenzen."


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In der Aufnahme sagt sie, dass ihre Familie praktizierende Moslems seien. "Aber ich war nie zu Hause, um das zu merken; ich fand nie eine Verbindung zu ihnen", sagt sie. "Ich glaubte an Allah und das war's. Nicht ansatzweise eine Muslimin. Jetzt habe ich natürlich erkannt, dass ich verloren war. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, mich zu verhüllen, schob ich den Gedanken wieder nach hinten und dachte mir: 'Ne, das bin ich nicht, so bin ich nicht.'"

Erst an jenem Tag 2012, Tooba war 18, wandte sie sich dem Islam zu. Sie saß in einem Uni-Tutorium über Tierhaltung und Schlachten für die Fastfood-Industrie und geriet in eine Diskussion mit ihrem "atheistischen Dozenten", der Elektroschocks für die humanste Tötungsmethode hielt.

"Die Halal-Methode ist die Beste", sagte sie daraufhin. "Je weiter die Diskussion voranschritt, desto leidenschaftlicher wurden wir. [...] Es wurde so hitzig, dass er es auf eine andere Ebene brachte, Subhanallah. Er sagte diese Worte, die ich nicht vergessen werde. Niemals. Er sagte: 'Mit welchem Recht glauben Sie irgendetwas über den Islam sagen zu können, wenn Sie sich ihre Regeln beliebig aussuchen und alle anderen missachten?' Dann sagte er: 'Beten Sie fünfmal am Tag?' Vor der ganzen Klasse! Ich saß nur schockiert da. Und dann sagte ich: 'Was wagen Sie es, mir diese Frage zu stellen? Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich werde allein Allah am Tag des Gerichts antworten!'"

An dem Punkt in der Aufnahme bricht Tooba in Tränen aus. "Nie zuvor hatte ich diese Worte gesagt. Sobald diese Worte aus meinem Mund kamen, sank mein Herz hinab. Und in genau diesem Moment läutete die Klingel und ich verließ den Seminarraum schnell alleine. Ich schaute an mir herunter auf meine Kleidung und dachte mir: 'Wie soll ich so vor Allah stehen? Ich habe nie in meinem Leben etwas Gutes getan.'"

Am gleichen Tag ging sie zu einer vollverschleierten Muslimin aus ihrem Seminar und stellte ihr Fragen zu ihrem Glauben und ihrem Hidschab. Tooba gefiel, dass er "maßgeschneidert" war. Am nächsten Tag brachte ihre Freundin ihr einen zum Anprobieren vorbei, dazu noch ein Kopftuch. "Ich war buchstäblich verliebt", erinnert sie sich an den Augenblick, in dem sie sich im Spiegel betrachtete. "Ich fühlte mich wie eine neue Person ... Ich fühlte mich so unverfälscht und rein und glücklich."

Im Mai 2013 bemitleidete Tooba bei Twitter die "armen Atheisten-Seelen", Ende 2014 rechtfertige sie das Abschlachten nichtmuslimischer Zivilisten.

Bevor sie die Frauentoilette verließen, nahm sie die Zigaretten aus ihrer Tasche und schmiss sie in den Mülleimer. Dann nahm sie ihre Piercings raus und warf sie ebenfalls weg. Ihr erster Gang im Hidschab durch die Uni war nicht leicht. "Ich bekam so viele komische Blicke", erinnert sie sich. "Aber am Eingangstor sah ich meine beste Freundin. Sie ist das coolste Mädchen überhaupt. Mit ihr bin ich durch dick und dünn gegangen. Ich dachte mir: 'Moment, heute Morgen war ich noch wie sie, hing mit den Jungs ab, rauchte, war gekleidet wie sie. Wie wird sie reagieren, wenn sie mich sieht?' Aber ich dachte mir auch: 'Ich muss das tun, ich muss ihr entgegentreten.' Als sie mich sah, sagte sie: 'Was zum Teufel hast du an?' Ich wurde stumm. Ich hatte nichts zu entgegnen. Doch dann dachte ich mir: 'Wie kann sie es wagen, so etwas zu mir zu sagen. Sie soll doch meine Freundin sein.'"

Sie erzählt, einer der Jungs in der Gruppe meinte, sie würde keine zwei Tage durchhalten. "Ich sagte zu ihm: 'OK, das wollen wir sehen', und ging. Allah zeigte mir genau, wer meine wahren Freunde sind. Von diesem Tag an habe ich nichts mehr gemacht, was haram war."

Aber wann fing Tooba an, an die verdrehte Islamversion es IS zu glauben? Was war der Auslöser—wenn es denn so etwas gegeben hatte—, der sie zwei Jahre später dazu brachte, sich auf die Reise nach Syrien zu begeben? Die Aufnahme liefert dazu keine Anhaltspunkte. Feststeht, dass dies nicht über Nacht geschah. Im Mai 2013 bemitleidete Tooba bei Twitter die "armen Atheisten-Seelen", Ende 2014 rechtfertige sie das Abschlachten nichtmuslimischer Zivilisten. In den sechs Monaten vor ihrem Aufbruch ins Kalifat zeigt sich eine merkliche Veränderung bei den Themen und im Ton ihrer Tweets. Sie entschuldigt sogar öffentlich die Verbrechen des IS, wie die Enthauptung von Alan Henning im Oktober 2014.

Im Laufe des Jahres 2014 begann sie, den amerikanischen Dschihadistenprediger Anwar al-Awlaki zu verehren und verbreitete seine theologischen und politischen Aussagen per Twitter. Awlaki, der für al-Qaida im Jemen tätig gewesen war, wurde 2011 durch einen Drohnenangriff getötet. Durch ihre Awlaki-Bewunderung wurde auch das mittlerweile aufgelöste US State Department's Center for Strategic Counterterrorism Communications (CSCC) auf sie aufmerksam, dessen Aufgabe darin bestand, dem IS und seiner Online-Anhängerschaft eine Gegenmessage zu liefern. Am 29. Oktober 2014 sagte Tooba in einem Tweet über Awlaki: "Wir werden dich niemals vergessen! Amerika hat dich getötet, aber du befindest dich in den höchsten Rängen." Das CSCC twitterte zurück: "Awlaki—ein weiterer Heuchler, der als Vorbild der Frömmigkeit hochgehalten wird—ist mindestens siebenmal zu Prostituierten gegangen."

Ende 2014 hatte Tooba die IS-Ideologie dann vollends absorbiert. Unbekannt ist nur, was zuerst da war: die Entfremdung von ihrem Umfeld in Großbritannien oder die Ideologie. In einer ganzen Reihe von Tweets berichtete sie am 21. November von einem Vorfall in einem Uniseminar. Das Thema der Diskussion war Feminismus und als der Dozent die anwesenden Feministinnen darum bat, die Hand zu heben, richteten sich alle Augen auf Tooba. Ihre Hand war unten geblieben.

"Alle drehten sich zu mir um", schrieb sie. "Ich erklärte, wenn du deinen Platz als Frau kennen würdest, wenn die Scharia implementiert wäre ... Diese Feministinnen sind verblendet!" Weiter schrieb sie: "Die sehen mich bereits als Fremde, als die einzige Muslimin, die von Kopf bis Fuß bedeckt ist. Wen kümmert es also?" An solchen Tweets erkennt man, dass sie das Gefühl hatte, nicht nach Großbritannien zu passen.

Umm Muthanna al-Britannia in Syrien | Foto: via Twitter

Ein roter Faden, der sich durch Umm Muthannas Tweets zieht, ist die "weltliche Korruption". Im Februar 2013 lud sie eine neunminütige Audioaufnahme hoch, in der sie vor den, ihrer Meinung nach, Gefahren und Verführungen der "materialistischen Welt" warnt.

"Als Muslimin", sagt sie, "muss ich innerhalb gewisser Grenzen leben. Ich kann nicht einfach das machen, was ich will, oder was mir mein Verlangen sagt. Ich werde es nicht zulassen, dass die materialistische Welt mein einziger Quell des Glücks und der Zufriedenheit wird. […] Warum verstoßen so viele sündige Muslime gegen die Gebote Allahs, indem sie sich dem Rausch hingeben, Glücksspiel betreiben oder in Clubs gehen? Weil dieses Gefahren und Verführungen uns immer wichtiger werden? […] Wir müssen stark und unnachgiebig bleiben. Wir müssen Allah gehorchen—selbst dann, wenn wir uns damit selbst einschränken."

Ein weiteres wichtiges Thema in ihren Postings ist der sexuelle Anstand. So schrieb sie am 19. September 2014 auf Facebook: "Ich habe NULL männliche Facebook-Freunde und so wird es auch bleiben. Warum sollte ich es Männern ermöglichen, hier mein 'Freund' zu sein, mich zu kommentieren und mir zu schreiben? Wenn es sich vermeiden lässt, dann sollte man es auch vermeiden, anstatt sich dann später darüber zu beschweren, warum einem Männer immer wieder kontaktieren. #NoFreeMixing gilt im Internet genauso wie überall sonst auch." Sie zeigt, dass sie die Frau verabscheut, die sie einst war: eine junge Frau, die lieber Party machte und datete, als zu bekehren.

Im 1951 veröffentlichten Buch The True Believer schreibt der Philosoph und Autor Eric Hoffer, dass eine Massenbewegung nicht für die Menschen besonders anziehend wirkt, die sich in ihrer eigenen Haut wohlfühlen, sondern vor allem für jene, die nicht in sich ruhen und, die pessimistisch in die Zukunft blicken. Genau diese Funktion stellte der IS auch für Tooba dar: die Fluchtmöglichkeit vor einem ungeliebten Ich. Erlösung. Eine Wiedergeburt.

Man vermutet, dass Shamima Begum—eines der drei Londoner Schulmädchen, die im Februar 2015 nach Syrien gegangen sind—wenige Tage vor ihrer Abreise mit der berüchtigten IS-Rekruterin Aqsa Mahmood in Kontakt stand. Die Schottin gehört zu den 60 ersten britischen Frauen, die zum Islamischen Staat übergelaufen sind. Toobas Twitter-Feed lässt darauf schließen, dass sie in den Wochen vor ihrer Flucht ebenfalls mit Mahmood kommunizierte. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass sie Mahmood Tooba radikalisiert hat, aber sie könnte ihr bei der Reiseplanung geholfen haben. Des Weiteren ist man sich nicht sicher, welche Rolle der IS-Rekruter Abu Abbas al-Lubnani, den Tooba heiratete, bei ihrer Radikalisierung sowie bei ihrer Reise nach Syrien spielte.

Im September 2014 stellte Tooba einen Blog namens "From Darkness to Light" online. Auf der Startseite beschreibt sie sich in kunstvollen Buchstaben über einem Foto des Eifelturms als Studentin, Schwester und vor allem als Muslimin. Der erste Eintrag enthielt ein Versprechen: "Die einzigartige und sehr emotionale Geschichte meines Wegs zum Islam ist bald hier zu finden."

Dieses Versprechen wurde jedoch nie eingehalten. Tooba ließ den Blog bald links liegen und kehrte wenige Monate später als Umm Muthanna al-Britannia in die sozialen Netzwerke zurück—seitdem präsentiert sie sich als Vorzeigefrau des Islamischen Staats.

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