Wie ich vom Gymnasiasten zum Vollzeitjunkie wurde
Drogen

Wie ich vom Gymnasiasten zum Vollzeitjunkie wurde

Das Abitur bestand ich mit 2,6 – kurz vorher hatte ich allerdings die große und verhängnisvolle Liebe meines Lebens kennengelernt: Heroin.
10 Januar 2017, 4:00am

Mit 13 Jahren habe ich meinem Vater noch mit Tränen der Empörung in den Augen eine Standpauke gehalten, weil er so viel rauchte. Ein Jahr später klaute ich mir bei Edeka zwei Dosen Billigbier und ein Päckchen Roth-Händle, setzte mich aufs Klo der Schülernachhilfe, in der meine Mutter arbeitete, und initiierte mich selber als einer, der zur Welt der Erwachsenen gehört.

"Säuferleber, Raucherlunge, ich bin ein Straßenjunge", sangen die Deutschpunklegenden Normahl, und das wollte ich auch sein: einer von den harten Jungs, nicht so ein Streber und Gymnasiastenkiddie wie die anderen. Deshalb mussten es auch Karlskrone und Roth-Händle sein, statt MiXery und Lucky Strike.

Das Problem war nur: Wie sollte ich bei den bei 18-, 19-jährigen Heimkindern gut ankommen? Bei denen, die am meisten dem Bild entsprachen, das ich mir von Punk gemacht hatte, anhand der "Schlachtrufe BRD"-Sampler und der Alben von Terrorgruppe, Vorkriegsjugend und Razzia? Bei denen, die wirklich anders waren als die Spießer, die unsere Eltern waren und zu denen wir einst werden sollten. Jene, die kompromisslos mit dieser Gesellschaft gebrochen hatten, indem sie seit Jahren auf der Straße und vom Schnorren lebten, jeden Tag Bier soffen und Drogen nahmen und mit ihren Hunden die Normalos der Stadt in Angst und Schrecken versetzten? Ich, ein 14-jähriges Milchbübchen, das aufs "Gymmi" ging, gute Noten schrieb, meist auf seine Mutti hörte und sich gerade seinen ersten Iro beim Friseur hatte schneiden lassen! Die Antwort war einfach: Bier.

Gaston heute | Foto: privat

Zusammen mit einem Kumpel aus meiner Klasse kaufte ich einen Kasten Billigbier, lud ihn auf einen Einkaufswagen, den wir mit Anarchiezeichen beflaggt hatten, und liefen nach Aufmerksamkeit fischend in Richtung Fußgängerzone. Und, wer hätte es gedacht, tatsächlich kamen wir damit gut an, in diesem Fall bei "Schäferhund", einer 17-jährigen Punkrockerin, obdachlos und trinkfreudig und glücklicherweise bekannt mit der gesamten Straßenkinderszene unserer kleinen Stadt.

Über Schäferhund lernte ich meinen zukünftigen "Bestie" und Mentor in Drogenfragen kennen: "Pälzer", damals gerade 20 und somit in meinen Augen unendlich reif und erfahren, ein stolzer Schwuler, Skinhead und Speedfreak, der seit jenem Abend, an dem wir mit Schäferhund bei ihm aufschlugen, einen Narren an mir gefressen hatte. Es war der erste Abend, an dem ich ohne Erlaubnis von zu Hause fort blieb. Und es war der Abend, an dem Pälzer mir das Kiffen beibrachte.


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Die coolen Kids rauchten nämlich keine Joints oder Bongs, sondern Eimer: und genau damit fing ich dann auch an. Vom ersten so platt, dass mein krampfhaftes Grinsen mir Gesichtsmuskelkater verursachte, ließ ich mir einen zweiten aufschwatzen mit der Begründung, der würde mich "wieder runterbringen", so dass ich meinen Eltern unter die Augen treten könnte. Runter brachte er mich tatsächlich, und zwar auf den Boden direkt neben der Toilette, wo ich dann auch die halbe Nacht verbrachte, ungeachtet des Umstandes, dass alle fünf Minuten jemand reinkam, um zu pinkeln. Dafür sorgte mein Gastgeschenk, der Kasten Billigbier.

Nach diesem Abend fühlte ich mich zugehörig zur "echten Punkszene", und mit dem Kumpel aus meiner Klasse, der mich begleitet hatte, warf ich mir wissende Blicke zu im Unterricht. Wir gehörten aus unserer Sicht jetzt einer höheren Ordnung an als unsere unwissenden Mitschüler, die für uns Kinder waren oder stumpfe Spießer oder beides. Rückblickend betrachtet waren Schäferhund, Pälzer, Leiche, Ratte, Syph und alle Anderen, die ich noch kennenlernte sollte, Drop-Outs, die bloß zur Punkszene gehörten, weil sie sonst niemand haben wollte, meist nicht einmal ihre eigenen Eltern. Ich wusste, dass ich nicht so war, aber ich wollte so sein, ein Misfit und Versager, bloß eben freiwillig.

Denn ich hatte Eltern, die mich liebten, ich hatte die Möglichkeit, "etwas aus mir zu machen", ich hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein—aber ich hasste Zufriedenheit und verachtete Menschen, die sich in ihrem Leben eingerichtet hatten, ich setzte ihre Leben gleich mit Stumpfheit und mangelnder Reflexion. Es waren die 90er, und in den 90ern nahm man eben Drogen, um seine grundsätzliche Ablehnung der Welt und den Menschen gegenüber auszudrücken. Hoffnungslos, aber krass. Und so ging ich eben zu den Straßenkindern.

Meine erste Line Speed bekam ich ebenfalls von Pälzer, und es war Liebe auf den ersten Kick. Die Jahre '97 bis '99 verbrachte ich dann so gut wie jeden Tag high, kiffend, oft auf Speed und Alkohol, und ab und zu auch auf LSD und Pilzen. Ich hing zwar immer noch häufig mit den Straßenpunks rum, aber nach und nach wurde mir klar, dass mich außer den Vorlieben für Schnorren und Konsumieren wenig mit diesen verwahrlosten Jugendlichen verbindet. Es bildete sich eine neue Clique, größtenteils mit Jugendlichen wie mir, Gymnasiasten, die cooler sein wollten als ihre Mitschüler.

Wir hörten jetzt nicht mehr Punk, sondern Black Metal, und wir wohnten bei unseren Eltern und gingen zur Schule, ansonsten taten wir aber das, was die obdachlosen, harten Jungs auch taten. Wir fühlten uns ziemlich cool. Der Gedanke, dass es eines Tages massive Probleme mitsichbringen könnte, jeden Tag high zu sein, kam uns nicht. Ich dachte, wie Donnie Azoff in The Wolf of Wall Street: Ich verstand einfach nicht, wie irgendwer NICHT dauernd drauf sein wollte.

Als diese Fotos aufgenommen wurden, nahm Gaston regelmäßig Heroin | Fotos: privat

Eine Zeit lang hat das funktioniert. Meine Noten waren gut, es reichte, wenn ich mich vor Prüfungen zwei Nachmittage mit meiner Bong (mittlerweile war mir Eimerrauchen doch zu asselig geworden) und einem Schulbuch hinsetzte. Ab einem gewissen Punkt konnte ich meine Leistungen aber nur halten, weil ich die Technik des Spickens so weit perfektioniert hatte, dass ich mir die entsprechenden Kapitel des Lehrbuches auf die Größe der Konstruktionsanleitung des Spielzeuges in einem Überraschungsei kopierte.

Wir waren damals von der 11. bis zur 13. Klasse eine Clique von fünf, sechs Kiffern. In einer Ecke des Schulhofes hatten wir eine Bong versteckt und in jeder großen Pause, oftmals auch noch in den Kleinen, gingen wir alle zusammen einen "durchrüsseln". Manchmal rollten wir während der Stunde Joints unter der Schulbank.

Dann, eines Morgens, wachte ich mit schwerem Schädel, unheilvollen Ahnungen und vollgekotzter Wollmütze inmitten eines völlig chaotischen WG-Wohnzimmers auf. Kurz danach fiel mir meine mündliche Abiprüfung im Fach Biologie ein, die an diesem Morgen stattfinden sollte. Ich schaffte es gerade noch so, rechtzeitig zu erscheinen. Den meisten anderen Kiffern aus meiner Stufe ging es ähnlich—aber irgendwie schafften sie früher oder später den Absprung und verzichteten auf eine ernsthafte Drogenkarriere. Was bei mir anders werden sollte. Das Abitur bestand ich ganz leidlich mit 2,6. Kurz vorher hatte ich allerdings die große und verhängnisvolle Liebe meines Lebens kennengelernt: Heroin.

Neben den Gymnasiastenkreisen bewegte ich mich auch unter Leuten, deren Lebensentwürfe weitaus destruktiver und kriminalitätsorientierter waren, und einer von ihnen, ein Heroinabhängiger, hatte mich eines Abends unvermittelt gefragt: "Willste auch 'ne Line?" Ohne groß zu überlegen, antwortete ich "Ja, warum nicht?", und von den folgenden fünf, sechs Stunden weiß ich nur noch, dass sie zu den angenehmsten meines Lebens gehörten. Ich lag auf einer dreckigen Matratze in einem spärlich und billig möblierten, völlig chaotischen Zimmer, das nicht aus Gründen der Atmosphäre mit Kerzenlicht beleuchtet wurde, sondern einfach deshalb, weil der Strom schon seit Längerem abgeschaltet war. Ich lauschte dem inhaltslosen Drogengesabbel zweier kaputter Gestalten—und konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Ich hatte endlich die Droge gefunden, nach der ich so lange gesucht hatte.

Falls ihr euch fragt, wie ich als einigermaßen intelligenter Mensch auch vor harten und selbst vor Heroin, der berüchtigsten Droge (damals gab es in Deutschland kaum Crystal) nicht zurückgeschreckt bin; falls ihr euch vielleicht denkt, euch hätte das nie passieren können, weil ihr ja schon in der siebten Klasse Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen habt: Ihr müsst euch von zwei typischen Vorurteilen verabschieden. Zum einen hat Drogensucht nichts mit Intelligenz zu tun. Hans Fallada, William Burroughs und Jim Carroll waren auf Heroin, und Sigmund Freud hat sich Koks gespritzt. Die kaputten Gestalten, die ihr am Kottbusser Tor oder sonstwo rumstehen seht, sind eben einfach nur die Junkies, die es nicht schaffen, ihrer Sucht sozial angepasster zu frönen, oder denen alles egal geworden ist. Und die zweite Sache ist: Diese Leute zu sehen und zu wissen, dass Drogen das mit einem machen können, schreckt nicht ab. Es gibt buchstäblich niemanden, der nicht weiß, dass Drogen schädlich sind, und dass die Drogenszene regelmäßig Nachwuchs bekommt, liegt ganz einfach daran, dass jeder Konsument denkt, so weit könne es mit ihm niemals kommen.

Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass man sich je so gehen lassen könnte, und diese Menschen haben ja meistens auch schlimme Vorgeschichten, kaputte Elternhäuser all sowas; das trifft auf einen selbst nicht zu, und bevor es so weit kommt, hört man eben auf. Noch während meiner ersten Therapie, die ich gezwungenermaßen antrat, weil ich ansonsten in den Knast gewandert wäre, dachte ich mir: Mensch, was sind das doch alles für derangierte Typen, ich habe gerade noch studiert, und jetzt muss ich mit denen hier sitzen? Ich habe fünf Jahre, zwei Therapien und ungezählte Entgiftungen gebraucht, um einzusehen, dass ich tatsächlich ein massives Drogenproblem habe, und 2002, als ich mit meinem Lehramtsstudium (Germanistik, Anglistik, Geschichte) begann, war ich alles andere als bereit, das einzusehen. Dafür war ich bereit, drogenmäßig den nächsten Gang einzulegen.

Jeden Tag kiffen, OK, am Wochenende Alkohol- und Speedexzesse, kein Problem, hier und da auch mal Pilze oder gar LSD—machte das nicht jede/r? Aber ich nahm nebenbei auch noch Heroin und kam trotzdem klar, machte mein Studium, reüssierte bei Poetry Slams mit meinen lustigen Gedichten. Ich war klüger als die anderen Junkies, die außer den Drogen keine Interessen mehr hatten; und die anderen Studenten, wer waren die denn überhaupt? Mit solch einem Ego durch die Gegend zu rennen und gleichzeitig zu jeder BtM-Sünde bereit—es konnte eigentlich nicht gut gehen.

Vorerst aber ging es gut.

Vorerst machte ich ein Praktikum als Lehrer, sowohl auf dem Gymnasium als auch auf der Grundschule; vorerst veranstaltete ich meine eigenen Poetry Slams, trat wöchentlich zusammen mit einer Free-Jazz-Combo auf; vorerst veröffentlichte ich meine ersten Kurztexte in der Titanic; und vorerst konnte ich meinen immer häufiger stattfindenden Heroinkonsum ganz gut finanzieren, da ich jetzt größere Mengen einkaufte und anfing, selber zu dealen.

Mein eigentlicher Dealer lag im Krankenhaus, das Geschäft musste aber weitergehen, und so kamen ihn eben ungewöhnlich viele Leute besuchen. Darunter anfangs auch sein Dealer, ein 22-jähriger Deutschrusse aus Kasachstan. "Sergej" trank zwar Alkohol, hatte aber noch nie im Leben Heroin genommen. Ein eindeutiger geschäftlicher Vorteil, wenn man dealt.

Obwohl er mit 22 Jahren noch mit seiner Mutter zusammen in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbau lebte, fuhr er bereits drei Sportwagen, darunter ein massiver, schwarzer Chrysler, mit dem er auch zwei-, dreimal am Krankenhaus vorgefahren kam, bis er Rico, meinem deutschen Dealer, ausrichten ließ, dass er das nicht mehr machen würde. Was wiederum dazu führte, dass Rico irgendjemanden zu Sergej schicken musste, um Nachschub zu holen, und hier kam ich ins Spiel. Ich hatte es tatsächlich geschafft, zur rechten Zeit da zu sein, und so bekam ich Sergejs Nummer. Ich konnte das Geschäft übernehmen, einzige Bedingung war, dass ich dafür 300 Euro von Ricos Schulden übernahm. Kein Problem, das tat ich gern, ich hatte das Geld, da ich gerade 20.000 geerbt hatte, und so fuhr ich mit 1.000 Euro in der Tasche zu der Plattenbausiedlung, wo Sergej mit seiner Mutter wohnte.

Zurück in die Innenstadt fuhr ich mit einem 30-Gramm-Beutel Heroin in der Tasche. Immer wieder zog ich ihn hervor, befühlte ihn, roch daran. Jetzt würde ich immer genug Material haben, und dementsprechend konsumierte ich.

Eines schönen Sommertages fühlte ich mich stark erkältet, ich fror und mir die lief Nase—aus einer Ahnung heraus googelte ich "Heroin Entzugserscheinungen", und welche Überraschung, die meisten der beschriebenen Phänomene erfuhr ich gerade am eigenen Leib. Nicht viel später war es dann soweit, dass ich aufgab und anfing, einfach jeden Tag Heroin zu rauchen. Am gleichen Tag sollte ich dem Stadtmagazin ein Interview geben, auf dessen Cover ich dann erscheinen sollte, zusammen mit Nora Tschirner! Und so ein Rockstar, wie ich es damit erwiesenermaßen war, konnte es sich doch wohl auch locker erlauben, jeden Tag Heroin zu nehmen, oder?

Von da an ging es relativ rapide bergab. Die 20.000 Euro waren innerhalb eines Jahres ausgegeben, obwohl ich jetzt wirklich Vollzeit dealte, zeitweise sogar Leute hatte, die für mich auf der Straße verkauften; ich nahm soviel, dass es trotzdem nicht reichte—zwei bis drei Gramm pro Tag. Das Studium begann zu leiden, manchmal musste ich eine Vorlesung verlassen, um einen Kunden bedienen, und wieder zurückgehen. Ich begann auch, gegen den ganzen Stress Valium zu nehmen, und da wir mit gefälschten Rezepten nach Frankreich fuhren, wo die Pillen unglaublich billig waren, hatte ich mich schnell gesteigert von zwei bis drei Stück pro Tag auf 20 bis 30. Ich hatte immer längere Blackouts, und ein Höhepunkt war erreicht, als ich eines Nachts erwachte und meine Freundin verschwunden war. Ich machte mir furchtbare Sorgen, schwitzte Blut und Wasser—bis mir einfiel, dass wir schon seit zwei Wochen getrennt waren.

Ich schlief völlig zugeballert mit brennender Zigarette ein, und wären nicht zwei Kunden von mir auf gut Glück vorbeigekommen, weil sie mich telefonisch nicht erreichen konnten, und hätte ich nicht im Erdgeschoss gewohnt und wäre mein Fenster nicht offen gewesen, da ich damals keinen Schlüssel zu meiner eigenen Wohnung hatte; ja, wäre all das zufälligerweise nicht der Fall gewesen, wäre ich mit meiner Matratze verbrannt, oder zumindest am Rauch erstickt.

Ich hatte nach der Trennung von meiner Freundin angefangen zu spritzen, ich nahm jeden Tag Heroin, Kokain, Valium, Alkohol, Methadon, und was mir eben noch so in die Finger kam, ich schrieb kaum noch was, meine letzten Auftritte waren erbärmlich, das Studium hatte ich schließlich geschmissen—kurz, ich war bereit, völlig ins Junkieleben abzutauchen, und das tat ich dann auch, um erst zehn Jahre später, als anderer Mensch, in einer anderen Stadt, wieder einigermaßen an die Oberfläche zu kommen. Wo ich mich, jedenfalls im Augenblick, einigermaßen halten kann. Wer weiß, für wie lange.

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