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Wissenschaft

Deine Hormone könnten hinter deinen nächtlichen Fressattacken stecken

Wir alle geben uns gerne mal dem späten Heißhunger hin. Für Betroffene des Night Eating Syndrome hingegen hat der nächtliche Gang zum Kühlschrank mit Spaß und Genuss nichts zu tun.
24.6.14

Wie so viele andere Menschen auch bin ich leider nicht immun gegen gelegentliche Fressattacken mitten in der Nacht. Spätestens dann, wenn mein Magengrummeln jedem Jumbostart Konkurrenz machen könnte, nimmt das Unheil seinen Lauf. Ich kapituliere und schleiche mich im Dunkeln in die Küche, um den Kühlschrank zu plündern. Wer mich dann, in meine Bettdecke eingehüllt und ikonenhaft in Licht getaucht, vor dem Kühlschrank stehen sieht, dem wird wohl zwangsläufig ein Name in den Sinn kommen: Jesus. Nur dass ich nicht vorhabe, 5.000 hungrige Münder zu stopfen, sondern nur an eine Person denke, die von ihrem Hunger befreit werden muss: ich.

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Wir alle kennen das. Und einige von uns haben bei geistreichen TV-Formaten wie The Biggest Loser Teilnehmer bei ihrem Kampf gegen die nächtlichen Exkursionen zum Kühlschrank begleiten dürfen. Doch eine Sache sei hier klar gestellt: Bei mir basiert der nächtliche Küchengang auf einer freien Entscheidung und ist keinen Zwängen geschuldet. Wenn ich mich dazu entscheide, mir morgens um zwei ein herrliches Sandwich zu machen, dann nur, weil ich Lust darauf verspüre, nicht weil ich befürchte, dass mein Hunger zu groß sein könnte, um weiterzuschlafen.

Doch für alle, die unter dem Night Eating Syndrome („Nächtliches Esssyndrom", NES) leiden, sind nächtliche Kühlschrankplünderungen zwanghaft. Die Krankheit wurde zum ersten Mal 1955 von Albert Stunkard, Professor für Psychologie an der University of Pennsylvania, beobachtet und wurde in der aktuellen Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders („Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen") im Kapitel Other Specified Feeding or Eating Disorder („Andere spezifische Fütter- und Essstörungen") eingeordnet. Die Erkrankung ist aber nicht mit dem Nocturnal Eating Syndrome, in der deutschen Fachliteratur auch unter schlafbezogenes Essen bekannt, zu verwechseln, bei dem die Patienten schlafwandelnd Essen zu sich nehmen und deswegen auch keine Erinnerung an die Vorfälle haben. Denn Menschen, die an NES erkrankt sind, sind hellwach und sich ihrer nächtlichen Fressattacken voll bewusst.

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NES-Patienten haben typischerweise am Morgen danach keinen Appetit und lassen deswegen oft das Frühstück ausfallen. Das führt dazu, dass sie bis sechs Uhr abends gerade einmal ein Drittel ihrer täglichen Kalorienmenge aufnehmen (gegenüber fast 75 Prozent bei Kontrollgruppen). Wenn dann der Abend anbricht, beginnen NES-Patienten gewöhnlich mit dem großen Fressen, sodass sie bis sechs Uhr früh oft schon die Hälfte ihres täglichen Kalorienbedarfs gedeckt haben. Ziemlich viel für einen nächtlichen Snack vor dem Kühlschrank.

Betroffene von NES leiden gewöhnlich unter Schlafstörungen sowie der Überzeugung, dass sie nicht weiterschlafen werden, wenn sie sich nicht umgehend ein Käsesandwich machen. Wohingegen aber NES-Patienten im Schnitt rund 400 Kalorien pro nächtlichem Raubzug zu sich nehmen, verschlingen Menschen, die unter der sogenannten Binge-Eating-Störung leiden, bis zu 2.000 oder 3.000 Kalorien pro Fressattacke. Gleichwohl scheinen dieselben Gehirnmuster hinter beiden Erkrankungen zu liegen, die zu einem temporären Kontrollverlust führen, der in manchen Fällen in Schuld- und Schamgefühlen mündet.

Was ist also der Auslöser für die nächtliche Hungerheimsuchung? Hormone scheinen dabei eine große Rolle zu spielen. Denn Studien haben gezeigt, dass bei NES-Patienten deutlich geringere Melatoninwerte als bei gesunden Kontrollprobanden gemessen werden. Da die Melatoninwerte bei gesunden Menschen im Laufe der Nacht ansteigen, was für einen tiefen und durchgehenden Schlaf sorgt, scheint ein Melatoninmangel somit Schlafstörungen erklären zu können. Darüber hinaus wurden bei Betroffenen niedrige Werte eines anderen Hormons, das für das Sättigungsgefühl verantwortliche Leptin, nachgewiesen, was deutlich darauf hinweist, dass Hormonstörungen bei NES ihre Finger mit im Spiel haben könnten.

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Es könnte aber auch genetische Ursachen geben. Neuste Studien haben nämlich gezeigt, dass sich NES dann entwickeln könnte, wenn das Gen, das für die Regulierung und Harmonisierung der Essens- und Schlafmuster zuständig ist (PER1), beschädigt ist. In Tierversuchen mit Mäusen hat man beobachten können, wie nach Ausschaltung dieses Gens die Mäuse damit begannen, sich zur Schlafenszeit mit Sonnenblumenkernen vollzustopfen.

Wie jede andere kognitive Störung auch ist NES mit großer Sicherheit das Produkt verschiedener Faktoren. Deswegen ist es auch unerlässlich, die Resultate stets in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Wie Sheri Jacobsen, Psychotherapeutin und Klinikdirektorin von Harley Therapy betont: „Essstörungen sind normalerweise eng mit emotionalen Problemen verbunden. Es handelt sich in den seltensten Fällen um ein isoliertes Phänomen. Stattdessen liegen fast immer ältere emotionale Probleme, oft aus der Kindheit stammend, vor.

Andere Theorien, die zur Entstehung von NES vorgebracht wurden, unterstützen diese Meinung. Dr. Stunkards Theorie aus dem Jahre 1955 geht davon aus, dass sich NES-Patienten mit ihren Fressattacken gewissermaßen selbst behandeln, wenn sie unter Stress, Depressionen, Angstzuständen oder allen drei Krankheitsbildern gleichzeitig leiden. Aus diesem Grund weisen die nächtlichen Snacks gewöhnlich einen hohen Kohlenhydrat- bzw. Zuckergehalt auf (denkt in diesem Zusammenhang nur an Donuts, Kuchen, Toastbrot oder Chips). Diese Inhaltsstoffe enthalten große Mengen des Wohlfühlhormons Serotonin. Dr. Kelly Allison, Psychologin an der University of Pennsylvania, ergänzt: „Ich denke, dass Stress der eigentliche Auslöser ist. Es muss aber zudem die richtige ‚Beschaffenheit' beim Patienten vorliegen, um auf diese Art und Weise zu reagieren, und ich glaube, dass wir es in diesem Fall mit einer genetischen Determinierung zu tun haben.

Obwohl sie sich seit 15 Jahren mit dem Krankheitsbild beschäftigt, ist Dr. Jacobsen noch nicht auf eine klinische Darstellung von NES gestoßen. „Ich hatte schon mit den unterschiedlichsten Formen von Essstörungen zu tun, die sich teilweise auch als nächtliche Fressattacken manifestierten. Diese waren aber immer Teil eines breiten Spektrums essensbezogener Fragestellungen. Anscheinend ist NES, wie andere Essstörungen auch, mit einem Stigma behaftet, weswegen Betroffene davor zurückschrecken, sich psychologische Hilfe zu suchen. Das überrascht aber nur wenig. Schließlich wurde diese Störung in der Vergangenheit oft belächelt. Dabei sind Kommentare wie ‚Hör halt auf, nachts den Kühlschrank zu plündern' ähnlich hilfreich wie einer unter Depression leidenden Person den Ratschlag zu geben, ‚sich einfach nur zusammenzureißen.'

Hoffentlich werden die neusten Untersuchungsergebnisse den Weg für weitere Forschungsreihen zum Thema NES ebnen. Und ebenso dabei helfen, dass dieses Krankheitsbild in der Bevölkerung endlich auf weniger Skepsis stößt. Schließlich geht es hier nicht um Fressgier, sondern um eine reale Erkrankung.

Oberstes Foto: Michelle Tribe | Flickr | CC BY 2.0