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Wenn du gute Freunde hast, kann auch Billigwein super schmecken

Du musst keinen Wein toll finden, nur weil ihn irgendein Robert Parker feiert. Geschmäcker sind verschieden und in guter Gesellschaft schmeckt auch mal ein Scheißwein ganz gut.
25.11.14
Photo via Flickr user Paul Goyette

Wer das Tor in die Welt der Weine aufstößt, fühlt sich oft überschwemmt von Informationen, Meinungen, Empfehlungen und Parker-Punkten und vergisst dabei glatt, sich und seine Vorlieben zu berücksichtigen. Schließlich ist auch der beste Wein nicht für jedermann die richtige Wahl (was in vielen Fällen schon am Preisschild liegt). Außerdem sollte man bei allen Experten und Laudationen auch den ökologischen Aspekt nicht aus den Augen verlieren. Denn auch bei Weinen sollte es nicht nur um Geschmack gehen.

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Die meisten Menschen haben einen sehr breiten Musikgeschmack. Welche Musik läuft bei dir nach einem harten Arbeitstag? Kommst du nach Hause und legst erstmal ein paar knackige Speed-Metal-Songs auf? Wahrscheinlich eher nicht. Viele Menschen brauchen zum Feierabend hin ruhige Töne. Und auch bei deiner Weinauswahl sollte deine aktuelle Stimmung ein Teil der Gleichung sein.

Vor Kurzem hatte ich ein Abendessen mit einer Gruppe von Weinsammlern. Getrunken wurden ganz traditionelle—lies: sündhaft teure—Weine wie ein '75er Dom Perignon Rosé. Ich muss zugeben, dass mir diese Weine in fast allen denkbaren Situationen verdammt gut schmecken würden—andererseits hatte ich schon ähnlich schöne Momente mit weitaus weniger glamourösen Tropfen. Denn wie du Qualität empfindest, wird stark von deinem Umfeld mitbestimmt. Schmeckt derselbe Wein anders, wenn du ihn bei dir zu Hause mit einem guten Freund trinkst, mit dem du tolle Gespräche führen kannst? Natürlich.

Um es ganz unwissenschaftlich auszudrücken: Mir haben es Weine angetan, die aufregend schmecken und trotzdem leicht zugänglich sind. Ich mag ehrliche Weine. Mit Charakter, genauso wie bei Menschen. Übrigens ist auch nicht jeder Bio-Wein eine geschmackliche Offenbarung. Doch klar: Das wirklich Wichtige ist am Ende vor allem, dass der Wein auf verantwortungsbewusste Weise hergestellt wird. Ansonsten gilt das uralte Prinzip „suum cuique"—jedem das Seine.

Ich gehe übrigens an Weine ran, als wären es Bücher, Musik oder Kunst. Auch da hängt deine Lesart stark von deiner jeweiligen Perspektive sowie deinem Hintergrund ab. Es bleibt eben ein subjektives Thema, auch wenn es objektive Bewertungskriterien geben soll.

Hier in New York haben wir so einige großartige Weinläden. Als ich noch jünger war und mich beim Schallplattenkauf beraten lassen wollte, waren die Verkäufer in meinem Lieblingsladen stets mein erster Ansprechpartner. So habe ich mich von Platte zu Platte gehangelt und mit jedem Kauf verstanden die Verkäufer dank meines Feedbacks immer besser, worauf ich musikalisch abfahre. Bei (guten) Weinläden ist es das gleiche. Je häufiger du hingehst, desto besser können sie dich und deinen Weingeschmack einschätzen. Dialog ist nun mal alles.

Fazit: Du musst keinen Wein toll finden, nur weil ihn irgendwelche Weinweisen feiern. Hör lieber auf dein Bauch- und Bacchus-Gefühl.

Oberes Foto: Paul Goyette | Flickr | CC BY 2.0