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Schnecken

Wir sollten anfangen diese gigantischen Schnecken zu essen, bevor sie das Ökosystem zerstören

Am Los Angeles International Airport stellten Zollbedienstete 67 afrikanische Riesenschnecken sicher, die ihn Westafrika gegessen werden und wohl als Abendessen bestimmt waren. Die US-Bediensteten fürchteten, dass diese afrikanischen Schnecken eine...

von Matthew Zuras
17 Juli 2014, 4:00pm

Am Montag stellten Bedienstete der US Custom and Border Protection (CBP) am Los Angeles International Airport zwei Picknickkörbe mit äußerst kostbarer Fracht sicher: ein Haufen lebendiger afrikanischer Riesenschnecken aus Lagos, Nigeria, mit einem Gesamtgewicht von über 16kg.

Diese speziellen Weichtiere waren scheinbar als Abendessen von irgendjemanden in Sam Dimas vorgesehen, aber die CBP ließ die 67 Tiere einäschern, weil sie in den USA als invasive Art klassifiziert sind.

Die Schnecken, die bis zu zehn Jahre leben und eine Länge von 20cm erreichen können, sind besonders gefräßig. Deshalb verabscheut das US Department of Agriculture (USDA) diese schleimigen Kerle auch. Als sie 1966 das erste Mal in die USA kamen, wurden diese faustgroßen Schnecken zu einer riesigen Plage in Florida. Eine ursprüngliche Familie von drei Schnecken entwickelte sich zu einer Plage von 18.000 Tieren. Das USDA behauptet, dass sie über 500 verschiedene Pflanzenarten fressen können und falls diese nicht verfügbar sein sollten, fressen sie den Verputz von Häusern runter.

Warum essen wir sie also nicht?

Schnecken-Farmen haben besondere Vorteile gegenüber anderen Nutztierbetrieben, weil Schnecken leise, gebärfreudig und billig sind.

Deshalb machen das Leute in Westafrika schon seit Jahren. In Nigeria sind sie auch als „Kongo-Fleisch" bekannt und werden als Delikatessen teuer verkauft. Manche werden in der Wildnis gesammelt, doch der Bestand ist in den letzten Jahren aufgrund von Abholzung, der Verwendung von Pestiziden und der Ausbeutung von Ressourcen geschrumpft. Andere werden in Schnecken-Farmen gezüchtet, was einige besondere Vorteile gegenüber anderen Nutztierbetrieben hat. Schnecken sind leise, gebärfreudig und billig und die Gründungskosten einer Schnecken-Farm sind weitaus geringer als für Kühe oder Schweine. Nigerianische Schneckenzüchter füttern ihre Tiere normalerweise mit Gemüse, Pflanzenblättern und Essensresten, die die Schnecken in leckeres, essbares Eiweiß verwandeln.

Aber es handelt sich hier nicht um irgendwelche gewöhnlichen Weinbergschnecken. Sie sind zäher und fleischiger als ihre europäischen Cousins, was eine aggressivere Zubereitungsart verlangt. Zuerst werden sie blanchiert und mit einer Stock oder einem Hammer ihren Häusern entnommen. Dann werden sie entweder mit Alaum oder mit Limettensaft gewaschen, ein bisschen für den Geschmack, aber hauptsächlich um ihren Schleim zu entfernen. (Scheinbar schmecken Schnecken besser, die sich von Papayablättern ernährt haben.) Dann werden sie aufgeschnitten, angebraten bis sie knusprig sind und schließlich als Barsnack auf einem Zahnstocher oder als Eintopf mit Paprika und Reis als Beilage serviert.

In Afrika werden den Schnecken verschiedene heilende Eigenschaften zugeschrieben—ihr blauer Schleim unterstützt angeblich die Kindesentwicklung—und sie sind äußerst nährstoffreich. Sie sind reich an Eiweiß, Eisen, Kalium, Phosphor, essentiellen Aminosäuren und verschiedenen Vitamine und außerdem fettarm.

Die Schnecken können einen Nematodenparasiten beherbergen, den „Ratten-Lungenwurm"—und keiner will einen Ratten-Lungenwurm.

Was hält uns also davon ab, sie zu essen? Die Schmuggelware am Los Angeles International Airport war als Achatina fulica gekennzeichnet, obwohl es sich um Archachatina marginata handelte. Beide gelten aber für das Ökosystem als genau gleich bedrohlich. Die größere Sorge ist aber, dass die Schnecken den Nematodenparasiten, den Angiostrongylus cantonensis—aka „Ratten-Lungenwurm"— beherbergen können. Dieser gilt als Überträger der eosinophilen Hirnhaunentzündung und somit läuft jeder Gefahr sich anzustecken, der sie verzehrt oder mit ihrer schleimigen Spur in Kontakt gerät, in der sich die lebendigen Nematoden befinden. Und keiner will einen Ratten-Lungewurm.

Das betrifft jedoch nicht nur die afrikanischen Riesenschnecken. Viele Land- und Wasserschnecken, unter anderem auch Weinbergschnecken, können sich mit dem Parasit infizieren, wenn sie etwas fressen, das mit Rattenkot kontaminiert wurde. Bisher gab es in den USA noch keinen bestätigten Fall von Meningitis, die durch eine afrikanische Schnecke hervorgerufen wurde. Und wenn sie unter angemessenen Bedingungen gezüchtet werden, wäre das eine viel kleinere Sorge—oder zumindest nicht bedeutender, als die durch Essen übertragenen Krankheitserreger, mit denen die Fleischindustrie regelmäßig zu kämpfen hat.

Afrikanische Farmer haben es noch nicht geschafft, die Schneckenzucht über das Existenzlevel hinaus zu vergrößern, trotz der niedrigen Kosten und deren Status als Delikatesse. Im Ausland könnte die afrikanische Riesenschnecke aber möglicherweise auf recycelten Landwirtschaftsabfällen bestens gedeihen und so kiloweise methanfreies Fleisch produzieren.

Aber könnten die Westländer ihre Angst vor Dingen, die auf einem schleimigen Fuß dahingleiten, beiseite legen und sich diese in den Mund stecken? Vielleicht. Schließlich isst man in Frankreich schon immer Weinbergschnecken und die westindischen Spitzschnecken haben es über die englischen Grenzen hinweg bis auf die Teller der Amerikaner geschafft. Tim Hayward vom Guardian probierte die afrikanischen Schnecken und bezeichnete ihre Konsistenz als „irgendwo zwischen einem zu wenig gekochten Artischockenherz und dem Knieknorpel eines Premier League-Spielers", was scheinbar als Kompliment gemeint war.

Scheiß drauf, mich hat das überzeugt.

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