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bewusste Ernährung

Ring frei für Sandwich vs. Soylent!

Stell dir vor, du müsstest dir nie wieder um Essen Gedanken machen. Genau das ist das Versprechen von Soylent—ein Ernährungsdrink, der vorgibt, günstiger, schneller zubereitet und dabei nährreicher zu sein als das meiste von dem, was wir heutzutage in...
27.8.14
Foto: Jon Chonko

Stell dir vor, du müsstest dir nie wieder um Essen einen Kopf machen. Genau das ist das Versprechen von Soylent—ein Ernährungsdrink, der vorgibt, günstiger, schneller zubereitet und dabei nährreicher zu sein als das meiste von dem, was wir heutzutage in uns reinstopfen.

Die Presse stürzte sich förmlich auf Soylent, als das Produkt auf den Markt kam. Motherboard hat sogar einen seiner Redakteure auf eine 30-tägige Soylent-Diät gesetzt.

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Die ersten Bestellungen wurden Anfang des Sommers ausgeliefert, und die Nachfrage ist weiterhin hoch. Soylent hat vor Kurzem vermeldet, schon 100.000 Pakete seines Wundertrunks verschickt zu haben, die zusammengenommen ausreichen würden, „um einen 70 Kilo schweren Mann für über 250 Jahre zu ernähren."

Wie es der Zufall will, bin auch ich männlich, wiege um die 70 Kilo und habe oftmals nicht genügend Zeit, um meinem Essen die nötige Achtung entgegenzubringen. Ich mache viele Überstunden, lasse oft das Mittagessen ausfallen und könnte mich definitiv gesünder ernähren. Ich bin also der ideale Kandidat für Soylent. Ist aber ein geschmackloses, schmutzig weißes Klebezeug die Antwort auf meine Probleme? Schaffen es eine schnellere Zubereitung, niedrigere Kosten und erstklassige ernährungsphysiologische Werte wirklich, den geschmacklichen Aspekt vom Thron zu stoßen?

Die Vorstellung eines Nahrungsersatzes in Pulverform fühlte sich für mich irgendwie nicht richtig an. Also beschloss ich, Soylent auf die Probe zu stellen. Dafür kramte ich besonders tief in der Rezepte-Trickkiste und schickte mich an, ein Knallersandwich zu kreieren, das mit Soylent auch aus ernährungswissenschaftlicher Sicht in einer Liga spielen könnte. Das war also der Deal: Wenn mein Sandwich gewinnen würde, wäre ich für immer mit Soylent und Konsorten durch. Wenn jedoch mein Sandwich wider Erwarten den Kürzen zöge, würde auch ich eventuell auf den Soylent-Zug aufspringen. Vielleicht.

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INGREDIENTS_SOYLENT

Die Zubereitung von Soylent Noch bevor der Kampf beginnen konnte, tat sich leider schon ein Problem auf. Denn Original-Soylent™ kriegst du nur schwer in den Ring. Das hat einerseits damit zu tun, dass Neukunden mit längeren Wartezeiten rechnen müssen. Dazu kam noch, dass zur Zeit meines angesetzten Duells ein Soylent-Lieferstopp verhängt wurde, da sich einige Kunden über Kopfschmerzen und Verdauungsprobleme beschwert hatten.

Doch zu meiner Rettung gibt es im Internet eine emsige Soylent-Community, die den vollen Rückhalt des Unternehmens genießt. Da ich nicht so lange auf mein Blähpulver warten konnte, begab ich mich also auf die Website http://diy.soylent.me/, um mich bei den Tausenden von DIY-Rezepten—die allesamt das Werk von Soylent-Fanatikern sind—umzuschauen. Das Angebot dort haut dich echt um. Meine Wahl fiel auf das beliebteste Rezept mit den einfachsten Ingredienzen, das zudem versprach, auch noch „lecker" zu schmecken.

Im Zuge meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass DIY-Soylent im Grunde aus drei Zutaten besteht: einer kohlenhydrat- und kalorienhaltigen Grundlage, einem Proteinpulver sowie einem Multivitaminkomplex. Das hier war also mein Rezept:

—Masa harina: Der Grundstoff und die wichtigste Kalorienquelle meines Trunks.

—Molkenprotein-Isolat: Die reinste Form von Molkenproteinen entsteht bei der Käseherstellung und ist die Haupteiweißquelle im Drink.

—Multivitamin-/Proteinpulver: Sie stellen den Löwenanteil deiner Vitamin- und Nährstoffversorgung sicher.

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—Calcium/Magnesium, Kaliumcitrat, Jodsalz, Cholin: Mit diesen Pillen wird dein restlicher Vitamin- und Mineralienbedarf gedeckt.

—Sojabohnenöl: Ich fand es äußerst komisch, der eh schon merkwürdigen Mixtur Öl zuzugeben. Es steigerte nicht gerade das Gefühl, es mit etwas Essbarem zu tun zu haben. Aber wenigstens sollte ich so in den Genuss von ein paar zusätzlichen Kalorien, Fetten, Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren kommen.

INGREDIENTS_SANDWICH

*Die Zubereitung vom Sandwich* Ich musste ein Sandwich entwickeln, das es auch hinsichtlich des Nährstoffgehalts mit Soylent aufnehmen könnte. Wenn ich am Tag drei Sandwiches verdrücken würde, müsste ein jedes ein Drittel der täglich empfohlenen Menge an Kalorien, Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen, Mineralien und Aminosäuren enthalten. Gleichzeitig musste ich aber darauf achten, dass meine Kreation auch schön natrium- und cholesterinarm ausfällt. Und auf die Kalorien sollte ich ebenfalls tunlichst ein wachsames Auge werfen, schließlich wollte ich ja nicht fett werden.

Meine erste Reaktion war mein Glück bei echten Sandwich-Klassikern zu versuchen. Darum habe ich auch mit verschiedenen Variationen von Club-Sandwiches, BLT-Sandwiches und Käse-Schinken-Sandwiches herumexperimentiert.

Es ging gut los, doch als ich den jeweiligen Nährwert meiner potentiellen Ingredienzen unter die Lupe nahm, musste ich feststellen, dass die natürlichen Stärken von einem Sandwich (das Brot und das Fleisch) zwar eiweißreich sind und genügend Kalorien mitbringen, aber äußerst miserabel bei der Vitamin- und Mineralstoffversorgung abschneiden. Das Rezept für ein diätetisch vollständiges Sandwich erwies sich als schwieriger als erwartet. Da es die klassischen Rezepte nicht reißen würden, musste eine kluge Idee her.

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Nach langer und eingehender Sichtung der Nahrungsdatenbank des USDA entschied ich mich für ein besonders nährstoffreiches Thunfisch-Sandwich, das ich mit weiteren besonders nährstoffreichen und sandwichaffinen Ingredienzen verzieren würde. So entstand meine Kreation „Thunfisch komplett":

—2 Scheiben Sauerteigbrot: Vollkornbrote bieten die besten Nährwertprofile. Meine Wahl fiel auf Sauerteig, da es mehr Eisen und Eiweiß enthält als andere Vollkornbrote. Und außerdem mag ich den Geschmack.

—1 Dose Thunfischsalat mit Majo, Senf, Kapern, Zwiebeln und Zitronensaft: Vitamin-D-reiche Sandwich-Zutaten sind echt rar gesät. Da war Thunfisch eindeutig der beste Kandidat. Dank des Zitronensaftes konnte ich noch ein Extra an Vitamin C und Geschmack zugeben.

—1 mittelgekochtes Ei, in Scheiben geschnitten: Noch mehr Vitamin D, Eiweiß und viele Aminosäuren.

—1 Handvoll Spinat: Gemüsekohl ist besonders reich an Vitamin A. Ein Grünkohl-Sandwich war aber so gar nicht nach meinem Geschmack. Glücklicherweise ist auch in Spinat viel Vitamin A enthalten.

—2 große Tomatenscheiben: Ich habe für ein Extra an Geschmack, Vitamin C sowie anderen Nährstoffen Tomaten zugegeben. Außerdem peppen sie mein Thunfisch-Sandwich farblich auf.

—2 Scheiben Schweizer Käse: Calcium—ein absolutes Muss. Käse aus der schönen Schwiiz, weil er gut zum sauer-salzigen Aroma des Sandwiches passt.

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Jetzt hatte ich das Rezept für das perfekte Sandwich und war außerdem stolzer Besitzer von einer ordentlichen Portion Soylent. Zudem war Sonntagnachmittag und ich hatte nichts vor. Also hieß es: Ring frei!

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Runde 1: Zeit/Aufwand

Soylent Die Zutaten für Soylent waren relativ schwer aufzutreiben. Was die meisten Ingredienzen betraf, war ein Ausflug in mehrere Geschäfte für Sporternährung notwendig—als besonders harter Brocken erwies sich vor allem Masa. Darum wurde aus einem schnellen Einkauf am Ende eine recht ausgedehnte Shoppingtour. Natürlich hätte ich die einzelnen Zutaten auch bequem über das Internet bestellen können, doch dann hätte mir wieder die oben erwähnte Wartezeit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Spontane Soylent-Kreationen sind also nicht möglich. Doch als ich die nötigen Zutaten erst einmal besaß, ging der Rest superschnell. Das richtige Dosieren und das Mischen der einzelnen Pulver hat gerade einmal fünf Minuten in Anspruch genommen—und das Ganze anschließend mit Wasser zu vermischen sogar nur läppische 30 Sekunden. Deine fertige Soylent-Wasser-Mischung muss zwar gekühlt werden, das Pulver kann hingegen ein ganzes Jahr lang bei Zimmertemperatur gelagert werden.

Sandwich Die Zutaten für mein Sandwich waren schnell gefunden. Ich habe alles in einem einzigen Supermarkt aufgetrieben und dabei sogar die Schnellkasse benutzen können. Ich bin mir sicher, dass ich in so ziemlich allen (modernen) Städten dieser Welt meine Zutaten schnell beisammen hätte. Die Zubereitung gestaltete sich hingegen schon schwieriger. Das Kochen, Vermengen und Schneiden der Zutaten nahm über 30 Minuten in Anspruch—also deutlich länger als das Zubereiten meiner Soylent-Mixtur. Alle fertigen Sandwich-Ingredienzen gehören schließlich in den Kühlschrank.

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SOYLENT_WINNER

Gewinner: Soylent

Runde 2: Geld

Soylent Als ich aus dem Geschäft für Sporternährung kam, war ich nicht nur mit einem lebenslangen Vorrat an Molke und Multivitamin-Pulver, sondern auch mit einer Rechnung über umgerechnet mehr als 110 Euro ausgestattet. Das ist schon ein ordentliches Investment für jemanden, der nur mal den Soylent-Lifestyle ausprobieren will. Mein Soylent-Vorrat wird dafür aber eine ganze Weile ausreichen. Denn in meinem Einkaufskorb befand sich das Äquivalent von einem halben Monat Essen, was meine essensbezogenen Ausgaben auf rund 7,50 Euro pro Tag reduziert.

Sandwich Mein Sandwich war vom Gefühl her gar nicht so teuer. Der Einkauf hat alles in allem rund 30 Euro gekostet. Das sollte für zwei Tage reichen, wenn ich von drei Sandwiches pro Tag ausgehe. Aber klar: Das macht immer noch 15 Euro pro Tag. Nicht die Welt, aber deutlich teurer als Soylent.

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Gewinner: Soylent

Runde 3: Ernährung

Soylent Mein Soylent-Rezept will eine (mindestens) 100-prozentige Nährstoffversorgung garantieren und dabei genügend Kalorien mitbringen, um mein Gewicht zu halten, wenn ich mich hier und da sportlich betätige. Das will ich mal glauben.

Sandwich Mein Sandwich ist leider nicht zu 100 Prozent diätetisch vollständig. Es erfüllt alle Kriterien—mit Ausnahme von einigen wenigen Nährstoffen. Denn so sehr ich mich auch bemühte, habe ich es einfach nicht geschafft, mehr als 30 Prozent der empfohlenen Tagesdosis an Vitamin E in meinem Sandwich unterzubringen. Ähnlich erging es mir im Fall von Kalium und Magnesium, bei denen ich höchstens 80 Prozent der empfohlenen Tagesdosis durch meine Ingredienzen-Auswahl decken konnte. Auf sehr (!) lange Sicht könnte das zu Mangelerscheinungen führen.

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Und es lauert noch ein weiteres Problem hinter der Idee, jeden Tag das gleiche Sandwich zu verputzen. Natürliche Lebensmittel wie Eier, Spinat, Tomaten und Thunfisch können—aufgrund von Faktoren wie dem Wechsel der Jahreszeiten und variierenden Anbaubedingungen—keine gleich bleibenden Nährwerte garantieren. Deswegen kann ich beim Zubereiten meines Sandwiches nie mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, wie viele Nährstoffe mein Snack genau haben wird—ganz im Gegenteil zum Soylent-Pulver.

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Gewinner: Soylent

Runde 4: Geschmack

Soylent Auf diesen Teil des Duells habe ich mich echt gefreut. Denn bevor ich die beiden Kontrahenten in den Ring geschickt habe, hatte ich viele Testberichte gelesen, die allesamt eine vernichtende Kritik an dem Geschmack und der Textur von Soylent geübt haben. Brian Merchant von Motherboard drückte sich noch äußerst diplomatisch aus, als er den Geschmack als „recht unangenehm" beschrieb. Ein weiterer Rezensent verglich die Textur von Soylent dagegen mit Sperma. Alles, was ich über Soylent gelesen hatte, hat sich bewahrheitet. Es schmeckte wie roher Teig und seine Textur erinnerte mich an äußerst unschöne Dinge. Der Soylent-Gründer Rob Rhinehart ist der Auffassung, dass Geschmack nicht so wichtig sei. Je neutraler, desto besser. Für ihn muss Soylent so schmecken, dass du es über lange Zeit trinken kannst, ohne dass es dir aus den Ohren rauskommt. Ich tat mich schon mit einem Becher schwer, aber als der leer war, war ich—zu meiner Überraschung—dafür auch nicht mehr hungrig.

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Sandwich Ich bin für gewöhnlich kein großer Fan von Thunfisch und Eiern auf demselben Sandwich, aber zu meiner Überraschung erwies es sich als recht lecker. Es schmeckte schön frisch und salzig. OK, es wäre weiterhin nicht meine erste Wahl bei DIY-Sandwiches, aber ich habe jeden einzelnen Bissen davon genossen und hatte am Ende sogar so viel übrig, dass ich zum Abendessen das gleiche Sandwich noch einmal kredenzen konnte. Ich spürte aber schon bald, dass ich das Zeug schnell satt haben würde. Andererseits bliebe mir hier zumindest stets die Möglichkeit, meine Brotauswahl oder die Thunfischwürzung zu optimieren. Soylent aber ist und bleibt jeden Tag das gleiche.

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Gewinner: Sandwich

Bonusrunde: Aussehen Ich lasse die Bilder am besten für sich sprechen:

SOYLENT_SCAN

Soylent

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Sandwich

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Gewinner: Sandwich

Endresultat: Soylent 3, Sandwich 2 Der Sandwich-Liebhaber in mir hatte sich (vor)schnell über Soylent lustig gemacht. Doch am Ende empfand ich—wenn auch nicht ohne Widerwillen—Respekt vor dem, was sich die Firma vorgenommen hat. Ich habe die Schwierigkeit unterschätzt, ein günstiges und dabei trotzdem nährreiches Essen zuzubereiten und war so naiv zu glauben, dass auch ein Sandwich leicht und locker das leisten könnte, was Soylent aus ernährungswissenschaftlicher Sicht so auszeichnet.

Auf dem Papier geht der Sieg klar und deutlich an Soylent—vor allem in den Punkten, die dem Gründer und seinen Jüngern wichtig sind.

Aber Soylent verliert genau in dem Punkt, der mir mit Abstand am wichtigsten ist: der Geschmack.

Unter dem Strich ist die Philosophie von Soylent kalt und unpersönlich und dreht sich nur um Zahlen und Zutaten-Zwänge. Soylent geht von der These aus, dass Essen eine Last ist, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft im Ganzen. Eines der langfristigen Ziele von Soylent sieht vor, dem Welthunger durch Bereitstellung von kostengünstiger und schneller Kost Einhalt zu gebieten. Das ist natürlich in vielerlei Hinsicht ein äußerst hehres Ziel, zeichnet aber gleichzeitig auch eine Welt, in der wir alle dasselbe essen sollen, um auf diese Weise das Überleben unserer Spezies sicherzustellen—ein wiederkehrendes Motiv in vielen dystopischen Zukunftsvisionen und ein Motiv, das auch die Soylent-Verantwortlichen im Hinterkopf gehabt haben müssen, als es um die Namenswahl ging. Alles in allem eine Zukunftsvision, mit der ich mich mitnichten anfreunden will.

Soylent war keine schlechte Erfahrung, aber wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einwandfreier Gesundheit und einem Becher Soylent oder Vitamin-D-Mangel und einem guten alten Club-Sandwich, wird meine Wahl immer auf das Sandwich fallen.