FYI.

This story is over 5 years old.

Eiswürfel

Mit Eis zum Multimillionär–anstatt in Harvard studieren, Eis exportieren

Dass wir Eiswürfel heute als selbstverständlich ansehen, haben wir einem extrem hartnäckigen Typen zu verdanken, der vor vielen Jahren ein Unternehmen mit Millionenumsätzen aufzog.
6.7.15
Photo via Flickr user Raul Lieberwirth

Wir schreiben das Jahr 1833. Ganz Kalkutta ist in Schweiß gebadet.

Permanent zu schwitzen, gehört genauso zum täglichen Leben wie safranfarbene Curries und Reis. Die Hitze ist unerträglich, aber ein Gerücht, das Erlösung versprechen könnte, hat sich wie ein Lauffeuer im Hafen verbreitet: Ein Frachtschiff mit mehr als 100 Tonnen Eis soll bald anlegen.

ARTIKEL: Warum indisches Essen so lecker ist

Das ging in den Köpfen der indischen Hafenmeister und ihren noch durstigeren Arbeitern vor, als Frederic Tudors allererste Ladung Eis aus Massachusetts nach Kalkutta verschifft wurde. Bis dahin mussten sich die Bewohner Indiens mit einer dreckigeren Eispampe begnügen, die jedes Jahr einige Wochen lang verfügbar war. Der „Eiskönig" Tudor hat darin eine große Geschäftsidee gesehen und damit großen Reibach gemacht. Zwar musste er während der viermonatigen Reise fast 80 Prozent seines Ladeguts als Kollateralschaden einbüßen, dennoch schaffte er es, mehr als hundert Tonnen intaktem „pures" Eis nach Indien zu schicken.

Die lukrativen Profite, die Tudors Eisexportgeschäfte nach Indien einfuhren, festigten den Erfolg seines Unternehmens. The Indian Gazette veröffentlichte sogar eine offizielle Danksagung an Tudor, dass er diesen Luxus verfügbar gemacht habe, in solcher Menge und vor allem so günstig.

Anzeige

Im Nachhinein ist leicht, Tudors Unternehmen als Riesenerfolg zu beschreiben, wenn man bedenkt, dass er zum Zeitpunkt seines Todes ein Vermögen von umgerechnet knapp 11 Millionen Euro besaß. Der scheinbare Irrsinn dieses Unterfangens machte ihn jedoch zum regelmäßigen Ziel von Spott. Als ein Schiff mit einer Fracht Eis das Zollhaus in Massachusetts passierte, schrieb die Boston Gazette spöttisch: „Kein Witz!" und prophezeite Tudor das Scheitern.

Die Idee, das im Überfluss vorhandene Eis aus Massachusetts zu exportieren, kam Tudor als er in die Karibik reiste. Um sein eigenes Geschäft aufzuziehen, beschloss der ewige Eigenbrötler schon früh, auf eine universitäre Ausbildung in Harvard zu verzichten.

Vor Tudor und seinen Eisexporten war es beinahe unmöglich, sich in der brühenden Hitze des Sommers mit einem kühlen Getränk zu erfrischen. Er verschiffte seine Ware überallhin: nach Indien, in die Karibik, bis tief in den Süden.

Das Geschäftsmodell von Tudor war dem der heutigen Drogendealer nicht ganz unähnlich: Im ersten Jahr verteilte er sein Eis gratis an die Barkeeper und sobald sich die Einheimischen an die kalten Drinks gewöhnt hatten, fing er an, Geld dafür zu kassieren.

Was gerade noch ein undenkbarer Luxus war, wurde zur täglichen Notwendigkeit. Als Eis das ganze Jahr über für die Kunden verfügbar war, bekamen es die Eisunternehmer in warmen Wintern mit der Angst zu tun, sodass sie in die Arktis fuhren, um dort Eis zu holen und die fehlenden Mengen auszugleichen.

Anzeige

Während das heute vielleicht klingen mag, als wäre der Erfolg vorprogrammiert gewesen, scheiterte Tudor mit seinem Eisexportgeschäft jedoch mehrere Male in erheblichem Ausmaß. Es dauerte elf Jahre, in denen immer wieder Konkurs ging und von Geldgebern verfolgt wurde, bis er den Weltmarkt in den Händen hatte.

REZEPT: Slush-Cocktail

Obwohl die napoleonischen Kriege in Europa sein Geschäft fast vollständig auslöschten, gab er nicht auf und kämpfte sich immer wieder durch Versuch und Irrtum zurück. Er ließ Eishäuser bauen und experimentierte mit verschiedenen Methoden, das Eis haltbar zu machen. Die Entwicklung eines von Pferden gezogenen Eispflugs durch seinen Industriemeister Nathaniel Wyeth markierte eine Wende für Tudors Unternehmen. Dieser Pflug machte die Massenproduktion von Eis möglich und setzte dem mühevollen Schneiden von Eis mit der Säge ein Ende.

Tudor revolutionierte nicht nur die Art, wie Bars ihre Cocktails servieren, sondern er half der gesamten Lebensmittelindustrie, die Konservierung von Essen zu überdenken.

Wenn du also versuchst, die Sommerhitze mit Slush-Cocktails oder kaltem Bier zu bekämpfen, halt dir eine kalte Dose an deine Backe und dank der Hartnäckigkeit von Frederic Tudor und seinem unantastbaren Traum vom Eis.