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Hühner

Das Leben als Huhn ist richtig beschissen

Wenn mehrere Hühner in Massentierhaltung zusammengepfercht werden, haben sie die Neigung, sich gegenseitig zu picken, manchmal bis in den Tod. Was bereits dagegen unternommen wurde, und was die einzig vernünftige Lösung ist, erfährst du hier.

von Emelyn Rude
15 September 2015, 8:00am

Foto via Flickr-gebruiker Ajari

Wenn sich mehrere Hühner an einem Ort befinden, neigen sie dazu, sich gegenseitig zu picken. So stellen sie eine soziale Hierarchie in ihrer Herde her. Manchmal übertreiben sie es mit dem Picken und immer wieder passiert es, dass sie einen Artgenossen zu Tode picken. Dieses Verhalten lernen sie durch die Beobachtung anderer Hühner und durch überfüllte Gehege, mangelhafte Ernährung und Langeweile wird das „Federn ziehen, das Federn fressen und Kannibalismus" verstärkt. Noch schlimmer wird es dadurch, dass Hühner beim Anblick von Blut durchdrehen. Wenn man sie alleine lässt, pickt eine Gruppe von Hühnern solange den Anus eines Vogels, bis seine inneren Organe aus seiner klaffenden Wunde herausragen—und dann stirbt der Vogel.

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Wo sind die Chicken Wings?

Wenn tausende von Hühnern auf engsten Raum zusammengepfercht werden, besonders bei groß angelegten Legebetrieben, wird die Neigung, sich gegenseitig den Garaus zu machen, ins Extreme getrieben. Experten der Branche sehen Kannibalismus unter Geflügel, der in manchen Herden zu einer Sterblichkeitsrate von bis zu 25 Prozent führt, als den größten Mangel von Hühnern an. Es ist ein immer wiederkehrendes Problem in der Geschichte der Geflügelzucht und Bauern haben schon alle möglichen Methoden ausprobiert, um gegen die Gewalt unter dem Gefieder anzukämpfen. Die modischste war—und wird es für immer sein—Hühnerbrillen.

Das erste Patent für Hühnerbrillen wurde 1903 von einem gewissen Herr Andrew Jackson, Jr. aus Munich, Tennessee angemeldet. Offiziell nannte er sie „Eye-Protector for Chickens" [Augenschutz für Hühner] und die Zeitung Spokane Daily Chronicle beschrieb deren Funktion 1910 folgendermaßen: „[Die Brillen] wurden entworfen, um Hühner davon abzuhalten, sich gegenseitig die Augen auszustechen." Die Brillen hatten ein simples Design mit rundem Rahmen, „die Nasenauflage vergrößert, damit sie über den Kopf des Huhns passt, während die Bügel …hinten verbunden sind". Obwohl die wenigen Hühner, die sie trugen, wahrscheinlich wahnsinnig hip waren, nicht verstanden wurden und ihre Zeit damit verbrachten, über Foucault zu diskutieren, scheiterte der Versuch des Erfinders, die Brillen in ganz Kansas verpflichtend zu machen und folglich stagnierte das Hühnerbrillengeschäft und die Verbreitung des Produkts mehrere Jahrzehnte.

In den späten 1930er-Jahren, während des Geflügelbooms nach der Großen Depression, erlebten Hühnersonnenbrillen eine Wiederauferstehung, aber dieses Mal in gewagtem blutroten Farbton. 1939 erfand der Gründer der National Band & Tag Company ein Produkt mit dem Namen „Anti-Pix". Diese roten Kunststoffgläser waren an einem Rahmen befestigt und sollten „aus dem härtesten Vogel ein Weichei" machen, indem die Hühner die Welt rosa wahrnahmen, wenn sie geradeaus schauten. Wenn das Huhn seinen Kopf senkte, schwang die Brille nach oben und so kontte der Vogel Wasser und Futter normal sehen. Um zu verhindern, dass die Hühner beim Anblick von Blut ausflippten, sorgte die Brille durch die roten Gläser dafür, dass „Rot im Grunde [aus der Wahrnehmung] verschwindet und so den Kannabalismus verringert". Laut des Verkäufers der National Farm Equipment Company of Brooklyn hatte das Unternehmen bis 1955 zwei bis drei Millionen Brillen an amerikanische Bauern verkauft.

Es ist aber nicht immer ganz einfach, die Brillen funktionstüchtig zu halten, besonders wenn sie von Hühnern getragen werden, die eigentlich gar keine Brillen tragen wollen. Der nächste Schritt in der Saga der Hühnerbrillen war deshalb, von Brillen auf Linsen umzusteigen—ein Stück gefärbter Kunststoff, der direkt auf das Auge des Huhns platziert wurde. Die Geschichte, die mittlerweile oft als Case Study in elitären Wirtschaftsunis dient, besagt, dass ein Verkäufer von medizinischem Bedarf in den 60er-Jahren dazu inspiriert wurde, die Sehkraft beeinträchtigenden Linsen herzustellen, nachdem er mehrere Hühner mit Grauem Star traf, die sich ihren Artgenossen gegenüber viel weniger gewalttätig verhielten als die normal sehenden Tiere. Obwohl sein Unternehmen, Vision Control Inc., einen kleinen Beitrag leistete, um die Plage von Hühnermorden in der ganzen Nation einzudämmen, waren die Polymer- und Linsentechnologien noch nicht fortschrittlich genug und das Unternehmen steckte in der (finanziellen) Hühnerscheiße und dank der schlechten Passform auf die meisten ihrer Brillen.

Aber manchen Ideen kann auch ein Bankrott nichts anhaben und der Traum, alle amerikanischen Hühner mit Linsen zu versorgen, wurde vom Sohn einer der Gründer von Vision Control Inc. weitergeführt, dem jungen Randall Wise. Wise, ein Absolvent der Harvard Business School und ein ehemaliger Berater in der Transportbranche, steckte 1989 Millionen, die er durch den Verkauf seiner Softwarefirma einnahm, in Animalens, Inc. Wie der Konzern seines Vaters war Animalens, Inc. in der Hühnerkontaktlinsenbranche, ein Konzept, von dem Wise behauptete, dass es zu „einer Vervierfachung der Gewinnmargen von Hühnerfarmen" führen würde. Laut Studien, die von der Firma finanziert wurden, verursachen die Linsen—rot, um den Anblick von Blut zu verschleiern—einen dramatischen Wandel im Verhalten der Vögel: „Die Hühner sind ruhiger und neigen weniger zum Picken und zu Kannibalismus, die Sterblichkeitsrate ist niedriger. Aus mehreren Gründen, von denen wir nicht alle zu hundert Prozent verstehen, scheinen sie, weniger Nahrung zu sich zu nehmen, während sich die durchschnittliche Anzahl und Größe ihrer Eier nicht von denen der anderen Hühner unterscheidet (sogar ein bisschen mehr)."

Während die Argumente für die Linsen vielsprechend klangen, machten die Linsen selbst „das bereits elende Leben eines Huhns noch deprimierender". Anstatt sich gegenseitig zu picken (Erfolg!), pickten die Hühner jetzt in die Luft, rieben ihre Augen ständig an ihren Flügen und litten an kornealen Geschwüren und zerrissenen Augen. Fast keine Züchter kauften die winzigen roten Plastikstücke und stattdessen avancierte das 24-Millionen-Dollar-Unternehmen zum größten Feind der amerikanischen Hühnerschutzgorgansiationen und warf schließlich das Handtuch.

Ohne eine zukunftsfähige und brauchbare Lösung für die rosarote Brille der Hühner (in Hühnerställen mit ausschließlich rotem Licht können Menschen nicht arbeiten) griffen die Großbauern in der industriellen Landwirtschaft zur heute beliebtesten Form der Kannibalismus-Eindämmung, zum Schnabelkürzen. Bei dieser Methode wird ein heißes Messer verwendet, um dem Huhn den Schnabel abzuschneiden. Die Folgen sind extreme Schmerzen, Schwierigkeiten bei der Futteraufnahme und niedriges Körpergewicht.

Das Leben als Huhn in Massentierhaltung, mit oder ohne augenzerstörende Brille, ist ziemlich beschissen. Die einzig vernünftige Lösung ist Freilandhaltung und viel, viel Platz auf dem die Hühner glücklich herumgackern können. Das Fleisch schmeckt dann auch viel besser und wir können ohne ein mulmiges Gefühl im Bauch in den Chickenburger beißen.

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