30 Jahre Opernballdemos: Ein geklauter Mercedes, Straßenschlachten und eine Neuauflage 2017
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30 Jahre Opernballdemos: Ein geklauter Mercedes, Straßenschlachten und eine Neuauflage 2017

1989 spekulierten Medien, ob die Opernball-Gegner einen Bagger gestohlen haben könnten und gegen die Polizei einsetzen würden. Regelmäßig kam es zu massiven Straßenschlachten während der Proteste. Aber was erwartet uns 2017?
22 Februar 2017, 4:00am

Titelfoto: Opernballdemo 2004 | Mit freundlicher Genehmigung von Flö Rastbichler

Jedes Jahr, wenn sich der Fasching dem Ende zuneigt und schon fast alle Tanzveranstaltungen über die Bühnen gegangen sind, kommt es in der Wiener Oper zum eigentlichen gesellschaftlichen Höhepunkt der Faschingssaison, dem Ball aller Bälle, dem Opernball.

Mehr als 800 Flaschen Sekt und Champagner, 900 Bouteillen Wein, 1.800 Paar Würstel, 800 Gulaschsuppen und etwa 1.000 Stück Petit Fours rinnen die mit Fliegen und Perlen besetzten Speiseröhren der mehr als 5.000 Ballgäste hinab.

Laut Presse liegen die Ausgaben für den Ball bei rund 3,5 Millionen Euro. Allerdings nimmt die Wiener Staatsoper am Abend des Balls bis zu 4,6 Millionen Euro ein und verdient damit über eine Million Euro mit dem Society-Event. Hinzu kommt der kaum bezahlbare Werbeeffekt für den österreichischen Tourismus, den der Ball abwirft. Immerhin kommt knapp die Hälfte der Ballgäste aus dem Ausland und es gibt einen regelrechten "Opernball-Export". So fanden in den letzten Jahren "Wiener Opernbälle" unter anderem in New York, Zagreb, Dubai, oder Kuala Lumpur statt.

Opernballdemo 1987 | Foto: Polizeiarchiv Wien

Der Opernball ist traditionell der Ball der Reichen und Schönen – oder zumindest der Reichen. Das verwundert nicht weiter bei Kartenpreisen von fast 300 Euro (ohne Sitzplatz) und Logenkarten, die zwischen 10.500 und 20.500 Euro kosten. Dass der Opernball dadurch auch zu einem Treffpunkt des Establishments und von Menschen mit politischer und ökonomischer Macht wird, provoziert.

Deshalb mobilisiert die Kommunistische Jugend (KJÖ) heuer zum Protest gegen den Opernball und versucht damit den Mythos der Opernballdemos wieder aufleben zu lassen. Tatsächlich demonstrierte die KJÖ auch die Jahre davor immer wieder gegen den Ball, wenn auch manchmal mit nur sechs Personen.

Opernballdemo 1987 | Foto: Polizeiarchiv Wien

Dass sich die KJÖ von 2017 ein größeres Mobilisierungspotential verspricht, dürfte wohl auch mit der generell zunehmenden Rückbesinnung der Linken auf Verteilungsgerechtigkeit und den Klassenkampf sein. Denn während sich linke und soziale Bewegungen im Millennium nach dem Niedergang der großen Antiglobaliserungsbewegungen zu einem wesentlichen Teil auf die Erkämpfung von Sozialstandards und Political Correctness konzentrierten und von einer umfassenden Kapitalismuskritik Abstand nahmen, scheint es seit einigen Jahren eine Renaissance der Diskussion um die Soziale Frage zu geben. Das zeigte sich auch bei der Pressekonferenz von Richard Lugner, die mit dem Ruf "Für den Sozialismus! Widerstand!" gestört wurde, wie Markus Sulzbacher auf Twitter berichtet.

Wie viele Menschen sich vor diesem Hintergrund auch wieder für eine Demo gegen die High Society begeistern können, wird sich am Donnerstagabend zeigen. Auf Facebook haben sich immerhin zwischen 200 und 500 Menschen angemeldet.

Opernballdemo 1987 | Foto: Polizeiarchiv Wien

Feststeht, dass sich 2017 die erste große Opernballdemo zum 30. Mal jährt. Zwar gab es bereits 1968 eine kleine Sitzblockade auf den Rampen vor der Oper und 1982 wurden zwei Transparente mit den Aufschriften "Menschenrechte für alle" und "Arsch im Mund – Kein krummer Hund" entrollt. Zur ersten organisierten Demo gegen den Opernball kam es aber erst 1987.

Hintergrund für die Demo 1987 war vor allem der Besuch des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß, den die Demonstranten für die brutale Repression gegen den Widerstand gegen eine atomare Aufbereitungsanlage in Wackersdorf verantwortlich machten. Zwei Menschen starben damals, hunderte wurden zum Teil schwer verletzt. Symbolisch wurde von einer Salzburger Bürgerinitiative ein Zaun aus Wackersdorf zum Wiener Opernball gebracht. Als die Polizei versuchte, den Zaun zu entfernen, eskalierte die Situation. Die von der "Grünen Alternativen Partei" angemeldete erste Opernballdemo endete in nächtlichen Krawallen.

Die Schlagzeilen nach der ersten Opernballdemo 1987 fielen unterschiedlich aus. Fotos: Paul Donnerbauer / VICE Media

Im folgenden Jahr untersagte die Polizei die Demo von vornherein, nachdem Medien über mögliche Krawalle berichtet hatten. Bereits am Nachmittag wurde aber die Ringstraße blockiert und bis zum Abend versammelten sich über 3.000 Menschen in der Wiener Innenstadt. Die Polizei ließ die Demonstranten gewähren und bis 22 Uhr blieb alles friedlich. Dann fuhr jedoch ein Polizeiauto unter ungeklärten Umständen in eine Gruppe von Protestierenden. Eine Frau blieb verletzt unter dem Auto liegen. Daraufhin flogen vereinzelt Flaschen und Steine in Richtung der Einsatzkräfte.

Schlagzeile des Kurier vor der Opernballdemo 1988 | Foto: Paul Donnerbauer / VICE Media

1989 entstand schließlich der "Mythos der Opernballdemos" durch die heftige Militanz der Proteste. Ein halbes Jahr zuvor war eine Besetzung in der Aegidigasse unter massivem Widerstand geräumt worden, indem ein Bagger ein großes Loch in die Außenmauer riss und Polizisten das Haus stürmten.

Die Räumung der Aegidigasse 1988

Während der Opernballdemo 1989 wurde mit Parolen wie "Oper räumen!" und "Bringt Bagger mit!" auf die Räumung der Aegidigasse Bezug genommen. Drei Wochen vor dem Wiener Opernball wurde in der Wiener Südstadt außerdem ein Bagger gestohlen – manche Medien spekulierten, dass der Diebstahl auf das Konto der Hausbesetzer gehen könnte und der Bagger womöglich bei den Protesten gegen den Opernball wieder auftauchen würde.

Der Bagger kam nicht zum Einsatz. In ganz Wien waren aber klassenkämpferische Parolen und der Demotermin an Hauswände gesprüht worden und am Abend des Opernballs versammelten sich unter dem Motto "Eat the Rich" tausende Demonstranten in der Innenstadt.

Klassenkämpferische Parolen in der U-Bahn-Station Burggasse | Foto: Bericht der AZ vom 22.02.1990

Als die Demo in der Operngasse auf eine Polizeisperre traf, kam es zu den berühmten Straßenschlachten, die seither den Mythos der militanten Opernballdemos begründen: Steine wurden ausgegraben, Verkehrsschilder abmontiert, Gehwegplatten zerschlagen und auch Blumenkisten als Wurfgeschossen genützt. Zuvor waren bereits mehrere Hydranten in der Stadt geöffnet worden, um die Einsatzkräfte auf Trab zu halten. Gegen Ende wurde einem Ballgast sogar sein Mercedes geklaut und als Rammbock gegen die Polizei verwendet.

Ein Mercedes wird von Demonstranten als Rammbock benutzt | Fotos: Bericht der Kronenzeitung vom 07.03.1989

Tatsächlich stand die organisierte Linke bei diesen Krawallen eher als Zuschauer daneben. "Es waren Jugendliche aus den Hochhausblocks der Vorstadt, die die Gunst der Stunde nutzten, um ihren angestauten Klassenhass zu artikulieren", heißt es in einer Analyse der linken Zeitschrift malmoe. Die Polizei antwortete ebenfalls mit massiver Gewalt: 60 Demonstranten mussten im Krankenhaus behandelt werden, es gab zahlreiche Verhaftungen, ein Demonstrant saß mehrere Wochen in U-Haft. Die Grünen wurden im Nachhinein als "demokratische Partei die mit den Gewalttätern sympathisiert und sie verteidigt" kritisiert.

1990 kam es erneut zu Gewalt, nachdem rechtsextreme Hooligans mehrfach versucht hatten, die Opernballdemo mit Schlagstöcken, Leuchtraketen und Messern anzugreifen. Die Polizei versuchten nach den Angriffen die Demo gewaltsam aufzulösen. Wieder kam es zu stundenlangen Straßenschlachten, 30 Festnahmen und dutzenden Verletzten.

Rechtsextreme gehen auf Demonstranten los | Foto: Bericht des Standard vom 23.02.1990

1991 wurde der Opernball wegen des Golfkrieges abgesagt. Die Gegenproteste fanden trotzdem statt, allerdings mit deutlich weniger Teilnehmern als die Jahre zuvor. Bis Ende der 90er sollten die Teilnehmerzahlen auf unter 200 Demonstranten fallen, beziehungsweise überhaupt keine Gegenproteste stattfinden. Erst nach der Jahrtausendwende flammte der Protest unter der schwarz-blauen Regierung wieder auf.

Drei Wochen nach der Angelobung der schwarz-blauen Regierung beteiligten sich zwischen 12.000 und 20.000 Menschen an den Protesten gegen den Opernball. Allerdings fiel die Opernballdemo mit den sogenannten Donnerstagsdemos zusammen, weshalb die hohe Teilnehmerzahl wohl vor allem auf den Widerstand gegen die rechte Regierung zurückzuführen ist.

Für großes Aufsehen sorgte der Auftritt des Schauspielers Hubsi Kramer, der sich als Adolf Hitler verkleidet in einer Limousine zur Oper fahren ließ und dort die "Volksgenossen" darüber in Kenntnis setzte, dass er, Hitler, zurück in Österreich sei. Kramer soll dabei von Ballgästen mit "Heil Hitler" begrüßt worden sein, bevor er von der anwesenden Polizei verhaftet wurde.

Schlagzeile der AZ zur Opernballdemo 1990 | Foto: Paul Donnerbauer / VICE Media

2001 erinnerten die Proteste noch einmal an jene der späten 80er Jahre: Brennende Barrikaden wurden errichtet und die Fensterscheiben von Banken und Geschäften zerstört. Die Polizei setzte erneut auf massiven Schlagstockeinsatz und verhaftete rund 40 Menschen. Außerdem wurde noch in der Nacht das EKH gestürmt, nach Waffen durchsucht und mehrere Computer der _TATblatt_-Redaktion (der damals wichtigsten Zeitschrift der Autonomen) zerstört.

Die Opernballdemo 2001 stellte das letzte Aufbäumen der Gegenbewegung zu Schwarz-Blau und der Proteste gegen den Opernball dar. Zwar fanden auch in den Jahren danach noch Opernballdemos statt, allerdings wurden diese mehrheitlich vom antiimerpialistischen Lager und nicht von Autonomen organisiert und besucht, und zu Aufmärschen gegen den Irak-Krieg umfunktioniert. Ab 2008 verlagerte sich das Hauptziel linken Protests außerdem auf den rechten WKR-Ball in der Hofburg.

Für die KJÖ gibt es jedenfalls genug Gründe für den Versuch, die Opernballdemos erneut wieder zu beleben. "Der Reichtum der einen führt zur Armut der anderen", so die Jungkommunisten, weshalb auch heuer das Motto der Demo wieder "Eat the Rich!" heißt.

Demonstriert werden soll gegen Rekordarbeitslosigkeit, zunehmenden Druck am Arbeitsplatz, Kürzungen von Sozialleistungen, fehlende Mittel für Gesundheitsversorgung und Bildung und gegen den Opernball, der "stellvertretend für all diese und noch viele weitere Umstände" stehe. Ob das Konzept einer Wiederbelebung der Opernballdemos das richtige ist, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen, wird sich zeigen.

Paul auf Twitter: @gewitterland

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Opernballdemo 1987 | Foto: Polizeiarchiv Wien

Opernballdemo 1987 | Foto: Polizeiarchiv Wien

Schlagzeile des Kurier nach der Demo 1988 | Foto: Paul Donnerbauer, VICE Media

Schlagzeile der AZ nach der Demo 1989 | Foto: Paul Donnerbauer, VICE Media

Schlagzeile des Kurier nach der Demo 1990 | Foto: Paul Donnerbauer / VICE Media

Opernballdemo 2003 | Foto: Flö Rastbichler

Opernballdemo 2003 | Foto: Flö Rastbichler

Opernballdemo 2003 | Foto: Flö Rastbichler

Opernballdemo 2003 | Foto: Flö Rastbichler