aus dem leben eines profis

Wie konnte die Gala ein so authentisches Interview mit Manuel Neuer führen?

Neuer wurde wegen seiner unbeholfenen High-Heels-Aussagen belächelt. Dabei wird er nicht nur als perfekter Schwiegersohn in Szene gesetzt, sondern offenbart unaufgeregt die Bürde als Idol im Goldkäfig.
20.5.16
Illustration: Sarah Schmitt

„Ich bin froh, dass ich keine High Heels tragen muss", erklärte Welttorhüter Manuel Neuer in der gestern erschienenen Gala. Boulevardblätter nutzten diese (scheinbar kontroverseste) Aussage von ihm natürlich als Aufhänger. „High Heels und Duschen—National-Keeper Manuel Neuer gibt merkwürdiges Interview", titelte der Express. Die TZ nannte das Interview einfach nur „seltsam".

Von einem Fußballerinterview im selbst ernannten People-Magazin Gala erwartet man natürlich recht wenig Informationsgehalt. Die ganz großen Fußballstars wie Manuel Neuer geben schließlich nicht mal hochdekorierten Blättern wie dem Spiegel oder der SZ tiefe Einblicke in ihren Alltag. Doch schon Neuers Ergänzung zur High-Heels-Aussage lässt tief blicken: „Wir Männer können Schuhe tragen, die bequem sind und trotzdem gut aussehen." Dass Frauen keine High Heels tragen müssen, lassen wir mal so stehen. In Neuers Welt scheinen die einfach an den weiblichen Fuß zu gehören…

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Die weiteren Neuer-Aussagen wirken zunächst wie die, die man in einem Frauenklatschmagazin erwartet: „Meine Haare müssen immer schön kurz sein—längere oder lange Haare mag ich an mir nicht. Und ich achte darauf, dass ich keinen Vollbart habe", erzählt er. Sauber ist er auch: „Ich gehe auf jeden Fall gerne duschen." Der anständige Manuel von nebenan lässt die Schwiegermütterherzen jedoch noch höher schlagen: Er spricht von Abiturplänen und seiner Verantwortung als Vorbild „dem Verein, mir selbst, den Kindern und Jugendlichen und deren Eltern" gegenüber. Neuer gibt den perfekten Schwiegersohn—so eroberte er schließlich schon die Schland-Fanherzen und stieg als dieser zum Testimonial in der Werbelandschaft auf. Den Gala-Lesern, von denen laut Angaben des Magazins 73 Prozent Frauen sind, könnte man—ganz ganz oberflächlich gesehen—ja auch vorwerfen, dass sie von einem Manuel Neuer als perfekten Schwiegersohn träumen.

Die Gala sorgt jedoch für Überraschungen, obwohl das Interview sicherlich von mindestens 200 Medienmenschen des FC Bayern zu Tode redigiert wurde. Die interessantesten Aussagen befinden sich im vermeintlich langweiligen Teil über den Alltag des Welttorhüters. „Mittlerweile weiß ich aber genau, wo ich hingehen kann, um unentdeckt zu bleiben. Ich habe mir quasi mein eigenes Quartier aufgebaut", erzählt Neuer. „Restaurants gefunden, in denen ich essen gehe oder Wege, auf denen ich gerne spaziere." Das hört sich nicht nach Abwechslung an. Ein goldener Käfig, die Bürde eines Weltstars. „Und was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?", fragte das Magazin. Playstation spielen? Geld verprassen? Mit dem Jetpack herumfliegen? Weit gefehlt. „Ich schlafe gerne aus, ohne mir den Wecker zu stellen. Außerdem gehe ich gerne frühstücken… ", erklärt Neuer. Wahrer Luxus, wenn man den durchgeplanten Tag eines Leistungssportlers hat.

Die Gala entlockt Neuer Dinge, die wir uns so auch ausmalen würden und die der normale Sportjournalist gar nicht mehr wissen will. Zu öde, zu allgemein und zu vorausahnend—aber eben auch aufschlussreich. Neuer muss nun mal immer der brave Schwiegersohn sein, weil er anders gar nicht darf. „Sie haben mich als Idol ausgesucht, und da ist es nicht gut, negativ aufzufallen oder über die Stränge zu schlagen", erzählt er. Party machen oder spontan mal saufen gehen ist da eher selten drin. „Zweimal im Jahr haben wir Urlaub und eine kurze Winterpause—dann dürfen wir auch mal feiern." Seine Worte, ob nun nur ein wenig oder etwas mehr offen, sind bodenständig-schön und ein bisschen traurig zugleich. In seinen Zeilen lässt sich ganz nüchtern der Preis von Ruhm, Geld und Prominenz—ein ziemlich asketisches Leben—herauslesen. Hedonismus sieht anders aus.

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Sein Interview hat kaum einen wirklichen Nachrichtenwert für eine reißerische Überschrift. Neuer führt uns jedoch erneut den manchmal tristen Profialltag eines perfekten Schwiegersohns vor Augen. Und das mit wesentlich leiseren Tönen als etwa Sandro Wagner mit seinen Millionengehälter-Forderungen. Manuel Neuer auf Seite 44 in der Gala ist dann doch irgendwie ein Highlight—und gar nicht so merkwürdig oder seltsam. Anders als auf Seite 28, wo Cathy Hummels über den „spektakulären" Umzug nach München spricht.

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