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Kranker Scheiß aus dem Leben zweier Fanbus-Fahrer

Wenn Fußball-Fans auswärts fahren, dann bleibt es häufig nicht nur beim Alkohol-Exzess. Dabei sind Fans von der Gnade ihres Busfahrers abhängig. Wir haben uns von zwei Hamburger Fahrern erklären lassen, warum Fans wilder sind als Ultras.
27.9.16
Andreas und Volkmar; Foto: Privat

Die Stimmung im Fanbus auf Auswärtsfahrten ist meistens gut. Es wird ausgelassen gefeiert, ein Fanlied nach dem anderen gegrölt und Schnaps bis zum Erbrechen gestürzt. Zwischen den grölenden, besoffenen Fußballfans ist aber auch immer einer mit an Bord, der sich das nüchtern antut: der Fanbusfahrer. Von keinem sind die Fans abhängiger als von ihrem Fahrer, der sie quer durch die Republik karrt. Weil wir wissen wollten, welche Geschichten Busfahrer von Ultras auf Lager haben, haben wir beim Auswärtsspiel des FC St. Pauli in Berlin mit gleich zwei von ihnen gesprochen. Von Schulklassen bis Senioren fahren die beiden Hamburger Nordlichter Volkmar und Andreas seit Jahren alles und jeden durch die Gegend. Oder eben Ultras, wie sie sagen. Ob Fans von St. Pauli, dem HSV oder der Nationalmannschaft, pro Jahr legen sie rund 40.000 bis 50.000 Kilometer mit Fußballfans an Bord hinter sich. Auch wenn die beiden selbst Fans sind, Andreas vom HSV und Volkmar im Allgemeinen, haben sie uns verraten, dass sie nicht immer nur Verständnis für „ihre" Ultras haben:

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VICE Sports: Was unterscheidet sich beim Fanbusfahren ganz grundlegend von anderen Busfahrten?
Andreas: Der Geräuschpegel und der Alkoholkonsum.
Volkmar: Und wie der Bus danach aussieht.

Macht der Job euch Spaß?
Volkmar: Wir beide als Fußballfans brauchen uns keine Sorgen machen. Wir kommen immer mit ins Stadion rein, weil die für uns immer eine Karte haben.

Was ist denn am nervigsten am Fanbusfahren?
Andreas: Wenn die Besoffenen neben einem sitzen und einen vollquatschen. Die erzählen dann wirklich nur Müll. Das hat in den seltensten Fällen noch was mit Fußball zu tun. Beim HSV ist das schlimm.

Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag von einem Fanbusfahrer aus?
Volkmar: Das kommt darauf an, wen wir fahren. Bei St. Pauli ist das eigentlich immer ganz einfach. Wir wundern uns zwar oft über die Abfahrtszeiten, weil die meistens schon zwei Stunden früher losfahren wollen. Aber dann haben die auch meistens etwas organisiert. Ob das jetzt am Baggersee baden gehen oder ein Schnitzelbuffet auf der Strecke ist. Wir beide fahren allerdings hauptsächlich auch nur die Ultras. Die holen wir morgens am Millerntor-Stadion ab und bringen sie da nachts auch wieder hin. Oder zur Kneipe.

Das heißt aber, dass ihr manchmal zu unmenschlichen Uhrzeiten losfahren müsst und nach Hause kommt.
Andreas: Klar, zum Beispiel wenn du morgens um eins losfährst nach Karlsruhe und auch erst morgens um drei oder vier Uhr wieder nach Hause kommst.

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Bekommt ihr während der Fahrt denn mit, was sich im Bus abspielt?
Volkmar: Leider ja.

Was sind das für typische Szenen?
Andreas: Völlig unterschiedlich. Die angeblich ach so schlimmen Ultras sind eigentlich sehr ruhig im Auto. Die St.Pauli-Fans heute sind sehr leise. Beim HSV ist es dahingegen oftmals sehr laut. Die grölen und saufen viel mehr. Das hält sich bei denen hier in Grenzen, die sind eigentlich sehr organisiert und ruhig.
Volkmar: Bei St. Pauli finde ich es auch angenehm. Die wollen alles Mögliche an Musik hören und variieren dabei auch mal die Lautstärke. Beim HSV ist das anders. Ich kenne die CDs mittlerweile auswendig und ich bin erst zwei Jahre dabei. Das sind NUR Ballermann-Hits. „Dicke Titten, Kartoffelsalat" und wie die Songs alle heißen. Bei St. Pauli ist es ausgewogener.

Gibt es irgendein Lied, das euch komplett zu den Ohren raushängt? Bei dem ihr am liebsten den Bus anhalten würdet, wenn es noch einmal gespielt wird?
Andreas: Alle Lieder der Gruppe „Abschlach". Und beim HSV gibt es eben einige Gruppen, die nur ihre Fanlieder hören, das nervt schon auf Dauer.

Das heißt, ihr könnt die mittlerweile auch auswendig…
Volkmar: Ja definitiv. Am besten sind aber die, die zu dir kommen und sagen: „Ich habe eine neue CD gemacht". Dabei ist es nur eine neue Reihenfolge, aber trotzdem die gleichen Lieder. Frech.

Wenn ihr sagt, dass ihr leider mitbekommt, was sich im Bus abspielt, kriegt ihr dann auch mit, ob die Leute bei euch im Bus andere Sachen als Alkohol konsumieren?
Volkmar: Nein! (lacht) Schon nach einem Kilometer in Hamburg habe ich einen leicht pelzigen, süßlichen Geschmack auf der Zunge.
Andreas: Aber nachdem heute beispielsweise durchgesickert ist, dass hier auch auf Drogen kontrolliert wird, war es ruhig (lacht).
Volkmar: Da fahren wir noch ganz andere Touren, bei denen das anders ist. Hardcore-Technotouren nach Holland zum Beispiel.
Andreas: Dagegen ist das hier echt noch okay. Die drücken sich jetzt hier keine Spritzen rein.

Foto: Imago

Wie fühlt man sich denn generell, wenn man mit einer Horde alkoholisierter oder auch mehr als nur alkoholisierter Fußballfans in einem Bus sitzt und das irgendwie aushalten muss, auch wenn man wahrscheinlich der einzige Nüchterne an Bord ist?
Volkmar: Ich muss sagen, dass es geht. Irgendwie haben wir die immer im Griff. Bei mir ist es noch nie extrem ausgeartet.
Andreas: In der Regel werden wir auch in Ruhe gelassen. Die sind friedlich zu uns, weil die ja auch wieder nach Hause wollen.
Volkmar: Wir gehören ja dazu und die Fans sind auch ein bisschen abhängig von uns. Deshalb sind die sehr darauf bedacht, dass es ihren Busfahrern gut geht. Es kommt in der Regel auch immer direkt ein Getränk zu uns nach vorne. Die sind da sehr sozial, würde ich sagen.

Wird im Bus viel gegrölt?
Volkmar: Man merkt im Bus eigentlich nicht, ob die gewonnen oder verloren haben. Die Stimmung ist eigentlich immer gut. Wobei die Paulianer Ultras gesitteter sind als beim HSV. Dieses richtige Rumgegröle hat man eher bei denen.

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Wie gehen die Fans mit euch um im Bus? Sind die dankbar, dass ihr sie durch die Gegend kutschiert? Oder wurde auch schon mal jemand beleidigend?
Andreas: Bei St. Pauli eh nicht. Aber auch sonst ging es bis jetzt immer noch.
Volkmar: Es ist ja auch immer so: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder raus. Wenn ich mich morgens als Erster hinstelle und sage: „Das dürft ihr nicht, dies dürft ihr nicht", dann muss ich mich nicht wundern.

Gibt es bei euch im Bus aber Verhaltensregeln?
Andreas: Schon, die sollen das Ding sauber hinterlassen und nichts kaputt machen. Außerdem sollen sie keine Aufkleber an den Bus kleben. Das ist heilig. Ansonsten nur flüssige Sachen in die Toilette, sprich nicht reinkacken. Daran halten sich aber auch alle.
Volkmar: Eigentlich können gerade wir beide, die ja die Ultras fahren, sagen: Wir gehören dazu.

Gibt es denn irgendetwas, was ihr überhaupt nicht verstehen könnt? Randale zum Beispiel?
Andreas: Manchmal benehmen sie sich auf Raststätten daneben. Das kommt aber ganz selten vor. Vor ein paar Jahren gab es da mal so eine Geschichte, bei der sich Frankfurter etwas verschätzt hatten. Ultras von Frankfurt wollten den Hamburgern auflauern. Ich hatte damals den Hardcore-Kern der HSV-Ultras an Bord. Auf einer Raststätte bei Frankfurt kamen zehn Vermummte angerannt und wollten auf die Hamburger los, hatten aber nicht damit gerechnet, dass gleich 150 von den schlimmsten Hamburgern am Start sind. Die haben sich dann mitten auf der dritten Überholspur der Autobahn geprügelt. Über das Video lacht die Polizei heute noch. Ein paar Autos wurden zerlegt und am Ende ging es nicht zu Gunsten der Frankfurter aus. Unsere durften auch nicht mehr ins Stadion, sondern sind mit 20 Streifenwagen wieder nach Hamburg begleitet worden, inklusive der Übergabe von Bundesland zu Bundesland. Das war 'ne zähe Sache.

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Habt ihr denn schon jemanden aus dem Bus geschmissen, weil er sich daneben benommen hat?
Volkmar: Ja. Derjenige fing an, mit meiner Busleitung zu diskutieren. Der hatte auf einem Rastplatz einen Böller gezündet und sie wollte ihn zur Rede stellen. Er fing dann an zu erklären, dass er das nicht gewesen sei. In dem Moment hast du ja 50 andere Leute im Bus sitzen, von denen 49 noch ins Stadion wollen. Da habe ich von meinem Hausrecht Gebrauch gemacht und ihn rausgeschmissen. Ich muss mich ja auch an meine Zeit halten und wir wollten ja zum Fußball.
Andreas: Ich hatte mal einen, der war von Hamburg nach Hannover schon so betrunken, dass nichts mehr ging. Als er anfing, die Mädchen zu belästigen, habe ich ihn kurzerhand entsorgt. Trotzdem hat er es irgendwie geschafft, vor uns im Stadion zu sein.

Habt ihr schon mal Vandalismus rund um den Bus mitbekommen?
Andreas: Ein paar Mal habe ich erlebt, dass wir auf einem Rastplatz die Falschen getroffen haben. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn du mit Pauli durch die Gegend fährst und da stehen auf einmal zwei Busse von Hansa Rostock. Der Rastplatz ist nach so einem Treffen nicht wiederzuerkennen und überall steht Polizei. Alle ein, zwei, drei Jahre kommt so etwas vor.

Gibt es irgendetwas Besonderes an euren Bussen oder sind das ganz gewöhnliche Busse?
Andreas: Das sind eigentlich viel zu gute Reisebusse. (lacht)

Was waren denn die merkwürdigsten Gegenstände, die ihr je in eurem Bus transportiert habt?
Volkmar: Riesen-Gummipimmel (lacht) bei einer Verkleidungsfahrt. Einmal sollte auch eine Gummipuppe vorne neben mir Platz nehmen. So ein Quatsch (lacht).

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Gibt es Auswärtsspiele, zu denen man lieber fährt als zu anderen?
Volkmar: Mir gefallen die, die am weitesten weg sind, nicht so. Dazu zählen Freiburg oder Augsburg. Das ist eine Tortur für uns. Wir haben gerade erst Stuttgart und Karlsruhe hinter uns.
Andreas: Es gibt Auswärtsspiele, wo ich nicht gerne hinfahre, weil es einfach stressig ist. Zum Beispiel mit dem HSV nach Bremen. Mit St. Pauli nach Rostock. Generell mit St. Pauli in den Osten ist unangenehm.

Welches Auswärtsspiel war denn das spektakulärste?
Volkmar: Das spektakulärste war das Relegationsspiel in Karlsruhe mit dem HSV. Da hat man Typen im Stadion gesehen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Aber es waren auch erwachsene Männer dabei, die ihre Karte wegschmeißen und bei denen Tränen kullern, obwohl die gewonnen haben. Das war schon genial.
Andreas: Ich hatte bei dem Spiel irgendwie die Geschäftsleitung gefahren. Das war ganz lustig, weil ich mir immer dachte: „Na? Hängt da nicht ein bisschen euer Job von ab?" (lacht).

Was waren denn eure lustigsten Erlebnisse mit dem Fanbus?
Volkmar: Lustig ist es mit den Ultras generell schon, weil die immer ihre Aktionen machen. Einmal waren wir in Kaiserslautern. Da hatten die Ultras morgens um neun noch ein Grillen organisiert ein paar Kilometer außerhalb. Wir kamen da um neun Uhr morgens an und haben mit den Bussen erstmal das ganze Dorf aufgeweckt. Das waren so enge Straßen, dass wir kaum durchkamen. Neben einem Fußballplatz gab es eine riesige Grillhütte, wo die Paulianer erstmal ihre Steaks geschwenkt haben und unsere gleich mit.
Andreas: Ich fand auch das Schnitzelbuffet auf dem Weg nach Karlsruhe in Heidelberg witzig. Wir waren als „ostdeutsche Reisegruppe" unterwegs mit drei Bussen. Du kannst ja nicht beim Wirt anrufen und sagen: „Wir kommen mit drei Bussen voller Fußballfans. Da legt der direkt den Hörer auf. Aber ostdeutsche Reisegruppe ist immer gut. Der Gastwirt hat ein bisschen komisch geguckt, als wir da angehalten haben und die ganzen tätowierten, mit Eisen behängten Leute ausgestiegen sind. Aber in den drei Stunden hat er wahrscheinlich das Geschäft seines Lebens gemacht. Die Kneipe blieb heil, es wurde alles bezahlt, von daher keine Probleme.

Mehr lesen: Die Chronologie einer Auswärtsfahrt

Welche Eigenschaften muss ein guter Fanbusfahrer mitbringen?
Volkmar: Nerven wie Drahtseile. Ein ruhiger Charakter ist auf jeden Fall von Vorteil. Ein bisschen Ahnung von Fußball kann auch nicht schaden. Ich wiederhole mich, aber ich glaube, wenn wir ein Problem hätten, würden direkt hundert Leute von denen hinter uns stehen. Das muss ich klipp und klar sagen. Mittlerweile ist man fast Teil der „Familie".
Andreas: Vor allem bei St. Pauli kann man sagen, dass die dermaßen zusammenhalten. Wir hatten mal ein kleines Problem auf einem Rastplatz, ein leichtes Gerangel zwischen einem LKW-Fahrer und einem Ultra. Dreieinhalb Stunden standen wir mit drei Bussen da. Nicht einer von denen ist gegangen. Das hat keine Viertelstunde gedauert, bis die ihren eigenen Anwalt vorweisen konnten. Man darf auch nicht unterschätzen, wie manche hier aussehen. Auch völlig tätowierte Leute können Anwalt sein.

Was funktioniert immer und was funktioniert nie im Fanbus?
Andreas: Bei St. Pauli und beim HSV funktioniert in der Regel immer die Organisation. Das klappt immer sehr gut, weil die Leute haben, die sich extra um die Reisen kümmern. Der HSV hat sogar ein eigenes Reisebüro. Die Pauli-Ultras sind von sich aus perfekt organisiert. Auf der Hinfahrt heute haben die zum Beispiel direkt beim Sportdirektor angerufen und wollten das Spiel verlegen, weil wir im Stau standen. Wegen der Fernsehübertragung ging das natürlich nicht, aber die hatten ganz schnell jemanden am Apparat. Die kennen sich alle.

Was denkt ihr denn allgemein über Ultras? Könnt ihr nachvollziehen, dass die sich jedes Wochenende in den Bus setzen und tausende Kilometer auf sich nehmen?
Andreas: Nein (lacht). Geisteskranke Verrückte.
Volkmar: Ganz klares „Nein".
Andreas: Ich kenne einige vom HSV und auch von denen, die ich heute im Bus habe, die nicht nur Spiele ihrer Mannschaft angucken. Die fliegen um die ganze Welt für den Fußball. Der eine, der den Fanklub ‚Nationalmannschaft Hamburg' organisiert, der guckt sich nächstes Jahr Spiele in Nordkorea und China an. Ein anderer vom HSV ist zu einem Vorbereitungsspiel nach Saudi Arabien geflogen letztes Jahr und in die Ukraine, eine Woche nachdem das Flugzeug dort abgeschossen wurde. Die sind wirklich auf der ganzen Welt unterwegs, um Fußball zu gucken. Pauli ist zum Beispiel ganz dick befreundet mit der Schickeria von den Bayern. Es sind regelmäßig auch Leute von der Schickeria dabei, so wie heute.
Volkmar: Das ist ein großer Zusammenhalt, muss ich sagen. Wenn da jemand keine Kohle für die Eintrittskarte hat, wird erstmal im Bus gesammelt und das Geld kommt dann auch. Für die 1-2 Mitglieder von der Schickeria, die heute zu Besuch sind, ist da auch einer mit seiner Mütze durchgelaufen. Das kostet ja auch alles Geld.
Andreas: Aber es gibt auch manche Ansichten, mit denen man manchmal nicht so klarkommt. Die Ultras werden ja auch „Besser-Fans" genannt. Im Bus wird komischerweise aber eher wenig über Fußball geredet. Das wundert mich schon manchmal.