fußball-Überdosis

„Ich hätte gar keinen Bock, da zu spielen"—Ewald Lienen erklärt, was mit dem Fußball gerade falsch läuft

In einer Pressekonferenz erklärt der St. Pauli-Coach, warum er von der EM gelangweilt ist und was er damit meint, wenn er sagt, dass das Produkt Fußball verwässert wird.
1.7.16

Die EM 2016 ist die größte aller Zeiten. Natürlich soll es auch die aufregendste und spektakulärste sein. Spielerisch war sie das bisher jedoch nicht. Viele Mannschaften parkten hinten den Bus und hofften vorne auf den Lucky Punch. Das Ergebnis: Die EM ist so torarm wie lange nicht mehr. Im Schnitt fielen bisher zwei Tore pro Spiel—der drittschlechteste Wert aller Zeiten—und Portugal schaffte es ohne einen einzigen Sieg innerhalb der regulären Spielzeit bis ins Halbfinale.

Anzeige

Was — Borstel Plumpbeutler (@Franko_Wombat)30. Juni 2016

Ewald Lienen wundert das nicht. Auf einer Pressekonferenz zeigte sich der Trainer von St. Pauli gelangweilt und war froh, dass er im Urlaub nicht täglich mit der EM konfrontiert wurde. Urlaub würde er auch den Spielern wünschen, doch Regenerationszeiten sind im heutigen Fußballbusiness rar. „Wenn ich einen Bastian Schweinsteiger sehe—wie alt ist der? 31? Der hat gefühlt die Karriere eines 37-Jährigen hinter sich", erklärt Lienen. „Weil er jedes zweite Jahr WM oder EM spielt. Manchmal haben sie sogar noch Quali-Spiele oder irgendein Freundschaftsspiel im Urlaub gehabt. Und diese Leute können sich fast nie wieder regenerieren und erholen."

Für Lienen werde das Produkt Fußball immer mehr verwässert. Die Champions League wurde zunehmend größer, die Europa League bedeutet seit 2009 mehr Spiele pro Saison und die EM hat in diesem Jahr mitgezogen. Die Zuschauer sitzen dann vor dem Fernseher und erwarten Höchstleistungen und Spektakel, aber laut Lienen gehe es einfach nicht, 60 bis 70 Spiele auf hohem Niveau zu spielen. Irgendwann sei der Sättigungspunkt erreicht, er selbst hätte „gar keinen Bock, da (bei der EM; Anm. d. Red.) zu spielen."

Allerdings sei diese Entwicklung—des „aufgebauschten" Fußballs—keine Überraschung für ihn. „Ich halte das für schwachsinnig. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet, bei den Leuten, die an der Spitze der internationalen Organisationen stehen, bei dem, wie die sich ansonsten im Leben verhalten haben. Man kann ihm nur zu diesen Aussagen gratulieren. Trotzdem lässt er die Spieler aus ihrer eigenen Verantwortung. Man kann es sich aussuchen, ob man bei Turnieren spielt, wo man hinwechselt und ob man jeden Sponsoren-Termin wahrnimmt. Am Ende verdienen sie am großen Kuchen mit.