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Unkrautjäten statt Knast

Wir waren mit ein paar jungen Ausweisfälschern und Schlägern unterwegs, die Unkraut jäten und Fugen säubern, damit sie nicht in den Jugendknast müssen.

von Elena Ochoa Lamiño
13 August 2013, 4:40pm

Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines kleinen VW-Buses. Gleich hinter mir sitzt der 20-jährige Mehmet*, sein Vergehen: schwere Körperverletzung. Ein Mitschüler hat ihn provoziert, da hat er zugeschlagen. Jetzt muss er 12 Tage Sozialstunden abarbeiten, um nicht in den Arrest zu gehen.

„Ich weiß, ihr mögt diese Arbeit nicht“, verkündet Sozialpädagogin Isabel Rosenburg, als sie in den Bus einsteigt, „aber wir werden heute in den Botanischen Garten fahren und die Fugen der Gehwegplatten säubern.“ Es bricht großes Gestöhne aus.

Isabel ist für den Verein Ambulante Maßnahmen Altona e.V. (AMA) in Hamburg tätig, der die Jugendgerichtshilfe bei der Umsetzung von erzieherischen Auflagen für jugendliche Straftäter unterstützt. Sie betreut also die Arbeitsleistungen der Jungs, die sie verrichten, um Geldstrafen abzuarbeiten. 

Mit uns sitzen drei weitere Straftäter im Bus: Der 15-jährige Süleyman* hat seinem Mitschüler mit dem Kopf zweimal hart gegen die Wand gehauen, bis dieser seine Zähne verlor. Süleyman muss nun 10.000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Einen kleinen Teil kann er sich durch seine Sozialstunden erarbeiten. 

Mohammed* sitzt hinter ihm im Bus. Er ist 17 Jahre und hat diverse Pässe gefälscht. Für jeden Ausweis bekam er etwa 600 bis 700 Euro. Das hat er bei YouTube gelernt, erzählt er mir. Er muss jetzt drei Tage Arbeitsleistungen erbringen. 

Außerdem ist da noch Achmed*: Eigentlich sollte er für einen Bekannten Drogen kaufen, hat das Geld dann aber lieber für sich behalten. Sein Geldgeber war natürlich sauer, Beleidigungen folgten, die Achmed nicht auf sich sitzen lassen wollte. „Ich habe ihm über Facebook geschrieben, dass ich jetzt zu ihm komme—alleine. Und er sollte auch alleine sein. Als ich da aber ankam, waren zwei seiner Freunde dabei. Ich habe ihm dann zwei Dinger verpasst und seinen beiden Freunden auch. Der Eine trug auch noch eine Brille, die dabei kaputt gegangen ist“, erzählt er mir. Dafür muss er nun 19 Tage arbeiten. 

Trotz Murren steigen alle vor dem Botanischen Garten aus, schultern die Gartengeräte und Sitzkissen, nehmen die Proviantbox mit und gehen an die Arbeit. „Wenn man Scheiße baut, muss man eben dafür geradestehen“, sagt Mehmet. „Ja, die Arbeit nervt, aber: Wat mutt, dat mutt“, sagt Achmed im Hamburger Plattdeutsch. Da sind sich alle einig. 

Mit diesen Arbeitsleistungen sollen die Jugendlichen etwas an die Gesellschaft zurückgeben. In der Regel sind sie wegen leichter Delikte, wie etwa Ladendiebstahl und Sachbeschädigung, zum AMA e.V. gekommen. „Es ist eine Art Wiedergutmachung“, erzählt mir Kolja Ronneberger, Geschäftsführer des Vereins. „Gleichzeitig wollen wir die Teilnehmer aber auch unterstützen, ihnen respektvollen Umgang beibringen und auch zeigen, dass wir ihnen nicht ein Etikett aufdrücken, sie nicht abstempeln.“ 

Während wir uns alle Handschuhe anziehen und einen Fugenkratzer nehmen, erzählt Achmed, dass sein Vater vor zwei Jahren an Lungenkrebs gestorben ist: „Er war auch Alkoholiker. Ich glaube, das hat ihn am Ende auch das Leben gekostet. Nicht nur der Krebs.“ 

Dann fangen alle an, von ihren Leben und vorherigen Taten zu reden. Der Eine hat ein Fahrrad geklaut, der Andere nur ein Kaugummi, Achmed ist noch angeklagt wegen räuberischer Erpressung. „Aber das war gar nicht so“, erklärt er. (Sondern ein Missverständnis wie er meint.)

Ich komme mir vor wie ein Pastor, der die Beichte abnimmt. Anfangs waren die Jungs noch recht zurückhaltend, doch jetzt scheint der Knoten geplatzt zu sein. Die Atmosphäre ist entspannt und als die Jungs ins Plaudern kommen, vergessen sie auch mal, dass sie eigentlich arbeiten sollen. 

Isabel treibt die Jungs hin und wieder an. „Wir sind jetzt nicht streng, aber ich muss schon hinterher erklären, warum wir mit sechs Leuten nur so wenig geschafft haben“, sagt sie. Ohne großen Druck zu arbeiten, ist auch im Sinne von Ronneberger: „Viel Druck funktioniert, aber er macht die Seele der Jugendlichen noch weiter kaputt. Deshalb arbeiten wir nur mit dem Notwendigsten. Wir hören lieber zu und helfen ihnen, voran zu kommen.“

Jemanden, der ihnen zuhört, brauchen die jungen Leute offensichtlich. Das merke ich, als ich mich später mit Mehmet etwas abseits von den Anderen hinsetze, um mich mit ihm zu unterhalten—lange bleiben wir nicht alleine. Achmed und Süleyman setzen sich zu uns, sie möchten auch reden. 

Mehmet erzählt, wieso er mit 15 Jahren für zwei Wochen im Jugendarrest gesessen hat: „Ich habe mich mit einem Jungen gestritten. Irgendwann habe ich mein Springmesser genommen und zweimal zugestochen. Ich weiß nicht, warum ich das dabei hatte. Es war nicht mal mein eigenes.“ Als jüngstes von fünf Kindern musste er sich immer durchsetzen—und sei es mit Gewalt. Mir kommt er sehr ruhig vor, nicht wie jemand, der gleich losprescht, wenn ich ihn beleidigen würde. In Zukunft will er sich aber nur um seinen kleinen Kiosk kümmern, den er seit ein paar Monaten führt. „Es lohnt sich nicht, wegen so einer Scheiße in den Knast zu gehen“, sagt er.

Achmed hat mich am Morgen noch vorwurfsvoll gefragt, was ich denn so interessant finde an ihm und den anderen Jungs. Nun redet er am meisten. „Ich hatte keine guten Vorbilder“, sagt er: „Mein Vater war im Knast, mein Onkel war im Knast. Mein Onkel zweimal wegen Totschlags und einmal wegen eines Banküberfalls.“ Dass sein Vater im Knast war, erfuhr er erst, nachdem er letztes Jahr gestorben war. Achmed hatte also keine Gelegenheit, mit seinem Vater darüber zu reden. Seine Eltern trennten sich, als er elf Jahre alt war. Und seine Mutter hatte einen neuen Mann, mit dem Achmed nicht zurechtkam. 

Also schoben sie ihn mit 15 Jahren ins Heim ab, in dem er lernte, sich richtig zu prügeln. „Die Lippe von dem anderen Jungen war aufgerissen, bis zum Kinn runter. Ich habe seinen Kopf genommen und ihn gegen den Kantstein gehauen. Ich hatte keine Kontrolle. Wenn ich zuschlage und meine Haut seine Haut berührt, dann will ich das nochmal machen“, sagt er, nachdem ich wissen wollte, wie das passiert ist. Seitdem sei alles irgendwie schiefgelaufen. Und nach zwei Jahren hatte er keinen Bock mehr auf das Heim, lief weg und durfte dann wieder bei seiner Mutter wohnen.

Wir unterhalten uns eine Weile, auch über aktuelle Nachrichten, wie Erdoğan oder die NSA. Achmed hat nur seinen Hauptschulabschluss, kommt mir aber so vor, als könnte er akademisch einiges mehr leisten, als in der Schule von ihm abverlangt wurde. Nach der Schule hat er eine Lehre als Raumausstatter abgeschlossen. Seine zweite Lehre zum Maler und Lackierer hat er nach dem Tod seines Vaters abgebrochen. Das war für ihn eine schwere Zeit, in der er auch therapeutische Hilfe hatte. Jetzt hat er die Lehre wieder aufgenommen. „Danach hole ich mein Fachabi nach. Ich möchte mich nicht mehr prügeln. Damit leg ich mir nur selber Steine in den Weg.“ Er würde gerne studieren: „Politikwissenschaften finde ich interessant.“ 

Zwei Tage später sitze ich wieder in einem kleinen Bus. Diesmal begleite ich die Sozialpädagogen Patrick Koeppen und Lothar Kulle mit – Jacek*, Laura* und auch Mehmet ist wieder dabei. Heute wird ein Haus abgeschliffen und der Rest von der Grundierungsfarbe entfernt, der auf Gehwegplatten und Fenstern gekleckert ist. 

Patrick hat zwei Jungs als Praktikanten dabei, die hier beide vorher selber Arbeitsleistungen erbracht haben. „Wir testen gerade ein neues Angebot, mit dem wir den jungen Leuten die Chance geben wollen, ein berufsvorbereitendes Praktikum bei uns zu machen“, erklärt der 36-Jährige. 

Einer davon ist Jacek, dessen größtes Problem ist der Alkohol, der ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Er wird bald 21 Jahre, was seine Situation nur verschlimmert, da jedes Delikt dann vor ein Erwachsenengericht kommt und nicht mehr vor das Jugendgericht, warnt Patrick. „Wenn ich trinke, vor allem Wodka, dann hab ich mich nicht unter Kontrolle“, erzählt Jacek. Die Knöchel von Jaceks linker Hand sind vernarbt, vermutlich von früheren Auseinandersetzungen. Jacek kommt schon seit vier Jahren immer mal wieder vorbei, um Arbeitsleistungen anzutreten und immer wegen Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss. 

Sein Vater ist gestorben, als er gerade in die Pubertät kam—er hatte Lungenkrebs. Weil seine Mutter nicht mit Jacek alleine zurechtkam, wurde er im Kinderheim in der Feuerbergstraße in Hamburg untergebracht. „Das ist eine geschlossene Anstalt gewesen. Übel“, erinnert sich der Pole. Dieses Kinderheim war aufgrund seiner Methoden schwer umstritten, Einzelunterbringung, Ausgangssperre, vier Meter hohe Mauern. Anfang 2009 wurde das Heim dann geschlossen. Wenn er Pech hat, muss er für seine letzten Taten in den Knast. „Ich hoffe auf eine Geldstrafe. Das würde ich irgendwie hinbekommen. Auch wenn es ein paar tausend wären“, sagt er. Denn eigentlich hat er schon ein Kind, das bei seiner Ex-Freundin lebt. „Mein Sohn ist jetzt eineinhalb Jahre“, erzählt er mir: „Wenn ich rauskomme, dann ist er vielleicht schon vier und er kennt mich dann nicht. Mein Sohn geht mir über alles.“  

Ich nehme mir eine Klinge und helfe Laura dabei, die Farbe von den Scheiben zu kratzen. Wegen ihrer künstlichen Fingernägel wollte sie nicht streichen oder schleifen. Morgens war ich mir noch nicht sicher, ob die 18-Jährige überhaupt mit mir reden möchte. Doch jetzt will sie sogar mit mir zusammenarbeiten. Das Arbeitsamt bezahlte sie doppelt. Das war Betrug und jetzt ist sie hier. Mit 15 Jahren wurde sie das erste Mal straffällig—Urkundenfälschung wegen Prostitution. 

Während meiner Zeit hier habe ich vor allem eins gemerkt—die Straftaten klingen schlimmer, als die Jungs hier drauf sind. Und das Wichtigste ist das Reden. Dass sich jemand für sie ernsthaft interessiert, ihnen zuhört, ohne Wertung und Ratschläge, wie sie alles besser machen können. Denn was ich in den zwei Tagen feststellen konnte, ist: All diese jungen Leute haben sehr viel zu sagen. Sie brauchen nur ein gutes Ohr.

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