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DIE FASHION ISSUE 2014

Das Genie hinter David Bowies Kostümen

Kansai Yamamoto hat mit uns über seine erste Begegnung mit Bowie gesprochen, und über den durch Stoffe aus Zentralasien inspirierten Mantel, der Autounfälle verursachen kann.

von Kazumi Asamura Hayashi
10 März 2014, 12:17am

Porträt von Kazumi Asamura Hayashi

Im Januar 1972 gingen David Bowie und seine Band auf ihre Ziggy Stardust Tour. Über 18 Monate wollten sie auf drei Kontinenten die Alben The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars und Aladdin Sane promoten. So maßgeblich die Songs für jene Epoche auch waren, Bowies Persona, Ziggy Stardust, hatte möglicherweise einen noch größeren Einfluss auf Sex, Mode und den vom Gender-Bending-Pomp geprägten Glam-Rock der 70er-Jahre, der darauf folgte. Viele von Ziggys schrillsten Outfits—avantgardistische Kimonos und wallende Hosenanzüge aus Strukturstoffen—wurden von Kansai Yamamoto gefertigt, einem Designer aus Tokio, der damals noch nicht ahnte, dass seine Kreationen zu derart bedeutenden visuellen Markern der Geschichte des Rock ’n’ Roll werden sollten.

Der japanische Fotograf und Herausgeber Kazumi Asamura Hayashi hat Kansai—der in den Jahrzehnten nach Ziggy weiterhin richtungsweisende Mode entworfen hat—aufgespürt und ihn über seine erste Begegnung mit Bowie befragt, und über den durch Stoffe aus Zentralasien inspirierten Mantel, der Autounfälle verursachen kann.

Foto von Masayoshi Sukita

VICE: Ich habe gehört, David Bowie hätte so sehr gewollt, dass du die Anzüge für ihn entwirfst, dass er mit seinem Privatjet angeflogen kam, um dich persönlich darum zu bitten. Wie war eure erste Begegnung?
Kansai Yamamoto:
Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, wer David Bowie war, bis ich ihn auf der Bühne der Radio City Music Hall in New York meine Kleider tragen sah. Meine Stylistin, Yasuko Hayashi, hat damals für David Bowie gearbeitet und ihm einige meiner Sachen gegeben. Es war das erste Mal, dass ich einen Künstler traf, der meine Entwürfe trug. Ich hatte keine Ahnung, wie ungeheuer talentiert er war. (Etwas Ähnliches ist mir mit Lady Gaga passiert. Ihre Begabung wurde mir erst bewusst, als ich zehn Minuten vor unserem Treffen schnell noch im Internet recherchierte). Damals hat David Bowie viel mit Geschlechterrollen gespielt. Solche Ideen waren mir fremd und ich weiß noch, wie verblüfft ich war, als ich ihn in Kleidern sah, die ich für Frauen entworfen hatte. Beeinflusst waren meine Entwürfe von Hikinuki, der Methode, mit der man beim Kabuki auf der Bühne schnell die Kostüme wechselt. Und so wurde das New Yorker Publikum Zeuge, wie sich die Kostüme während der Show mehrmals wechselten. Als die Leute aufsprangen und applaudierten wurde mir bewusst, dass ich etwas echt Cooles geschaffen hatte. Über David habe ich viele Leute aus der westlichen Musikwelt kennengelernt, und eins kann ich mit Sicherheit sagen: Die beeindruckendsten Menschen auf der Welt sind mit einer einzigartigen Persönlichkeit gesegnet, die aus dem Rahmen des Üblichen komplett herausfällt.

Du hast gesagt, deine Arbeit besitzt „japanische Schönheit“. Wie ist das gemeint?
Warum war Andy Warhol besessen von Konservendosen? Bei mir ist es genauso, nur, dass ich mich mit japanischen Themen beschäftige. So hat jeder Künstler sein eigenes Ding. Ich verwende viele japanische Motive und frage mich manchmal, ob ich das nur tue, weil ich Japaner bin. Ich war schon in der ganzen Welt und habe viele Länder mit den unterschiedlichsten religiösen Hintergründen bereist, ich frage mich manchmal, wo ich wirklich herkomme. Ich bin Japaner, von daher empfinde ich mich natürlich auch als Japaner. Ich esse meistens japanisch. Westliches Essen eher selten. Nichtsdestotrotz sind die selbst gemachten Spaghetti meiner Tochter Mirai echt lecker! Wobei ich natürlich mit Stäbchen esse. Es wäre sehr ungehobelt, auf cool zu machen und mit der Gabel zu essen.

Sind irgendwelche neuen Projekte in Planung?
Ich kann noch keine Details nennen, aber ich denke über eine „Super-Show“ in Istanbul nach. Es gibt so viele Orte auf der Welt, die „-stan“ im Namen tragen, von Afghanistan bis Istanbul, aber ich habe mir bisher von keinem dieser Orte irgendwelche Ideen geholt. Ich habe mich ausgiebig mit Materialien aus Indien, China und Tibet beschäftigt, aber noch nie wirklich mit Zentralasien. Der Stoff der Hose, die ich trage, stammt aus einem dieser „-stan“-Länder. Ich finde, das Material ist für Kleidung ziemlich stark. Es ist ein Gewebe, bei dem der Stoff innen und außen unterschiedlich wirkt. Ich habe auch einen Mantel aus einem „-stan“-Stoff gemacht, und der ist echt toll geworden. So toll, dass er Unfälle verursacht, wenn ich damit durch die Stadt laufe, weil die Leute mich so anstarren.

Du giltst als sehr willensstark. Stimmt das?
Ich habe alles, was ich machen wollte, gemacht. Alles. Und das wird sich auch nicht ändern, bis ich sterbe. Ich möchte, dass die Leute mich als jemanden in Erinnerung behalten, der all seinen großen Worten Ehre gemacht hat. Das beinhaltet manchmal auch, dass ich von anderen zu viel verlange. Ich bin mit allem sehr pingelig, alles muss bis ins kleinste Detail stimmen. Dennoch würde ich mich nicht als Perfektionisten bezeichnen. Wenn es mir um Perfektion ginge, würde jede noch so kleine Niederlage mich dazu bringen, die Schultern hängen zu lassen. Und dann würden alle Nähte auseinanderfallen. Allein der Gedanke macht mich unendlich traurig! Manchmal frage ich mich, welche Zeit die schlimmste für mich war. Die Antwort ist immer: als ich noch nicht genug Geld hatte, um mich richtig zu stylen. Mein größter Wunsch ist es, weit und breit immer der auffälligste Typ zu bleiben, ganz egal, wie alt ich bin.

Fotos von Tajima Kazunali

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fashion issue 2014
Jahrgang 10 Ausgabe 2