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Diarrhoe, Zöllner, und gerade so der Hölle entkommen - Teil 2

Dies ist der zweite Teil unseres Interviews mit James Brabazon, Fotograf und Dokumentarfilmer, und der einzige ausländische Korrespondent, der den blutigen Bürgerkrieg in Liberia aus nächster Nähe miterlebt hat. Während...
16.6.10

Dies ist der zweite Teil unseres Interviews mit James Brabazon, Fotograf und Dokumentarfilmer, und der einzige ausländische Korrespondent, der den blutigen Bürgerkrieg in Liberia aus nächster Nähe miterlebt hat. Während dieser Zeit hatte er viel damit zu tun Kugeln, Todesschwadronen und tropischen Krankheiten auszuweichen (den letzteren oft weniger erfolgreich), und sich mit dem Söldner Nick du Toit anzufreunden. Diese Freundschaft führte dazu, dass James um Haaresbreite gemeinsam mit der berüchtigten Söldnerarmee von Simon Mann bei einem versuchten Putsch in Äquatorialguinea 2004 im Black Beach Prison inhaftiert wurde. Diesen Artikel zu lesen ohne den ersten Teil zu kennen wird wenig Sinn ergeben, wir empfehlen dir erst den ersten Teil hier zu lesen.

Vice: Du warst also das Ziel der Todesschwadronen unter Taylors Regime? Warum warst gerade du ein besonderes Zielobjekt?

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James Brabazon: Naja, ich ging denen wohl wirklich ordentlich auf den Sack. Da gab es keine anderen Journalisten an der Front. Taylor sagte etwas wie „Ich annektiere dieses Terriorium“ und ich nahm einen Moment später mein Satellitentelefon raus, rief BBC World an und sagte denen, dass er das nicht getan hat. Ich machte ihn wahnsinnig. Jemand den ich kenne, ein Typ vom amerikanischen Geheimdienst, war im gleichen Raum mit Taylor, als dieser den Film nach seiner Fertigstellung gesehen hat, er hat ihn anscheinend rasend gemacht. Wir fingen an Radioübertragungsabschnitte von Truppen der Regierung abzufangen in denen es hieß, „Lasst den weißen Mann nicht entkommen“. Die GCHQ hat ein Telefonat zwischen Taylor und einen seiner Kommandeure abgefangen, in dem unsere Exekution in Auftrag gegeben wurde und ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt wurde. Dies wurde dann an meherere Vermittler weitergegeben und mir dann vom amerikanischen Geheimdienst übermittelt. Ich hatte einen sehr guten Kontakt beim amerikanischen Geheimdienst, der sagte mir dann, „Es ist Zeit dich zurückzuziehen, es ist keine Frage des Überlebens an der Front. Es gibt zwei Gruppen die alleinig damit beauftragt sind dich zu töten. Du musst abhauen.“ An diesem Punkt musste ich nicht nur die Verantwortung für mich selber übernehmen, sondern auch für den Film, und , am wichtigsten, die für Tim. Wir wurden gerade erst 24 Stunden beschossen. Allein die Idee noch einmal zu diesen Todestruppen zurück zu kehren war wahnsinnig, ich konnte Tim beim besten Willen nicht fragen es mit mir durchzuziehen, insbesondere nicht, weil er vermutlich zugestimmt hätte. Der Schlüssel zum Spiel ist es zu wissen wann man besser aufhören sollte.

Du und Nick bliebt aber im Kontakt nach deiner Rückkehr aus Liberia?

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Ja klar. Nick wollte die Diamantenquellen der Rebellen ausbeuten. Es war ein heiß diskutiertes Thema in unserer Freundschaft. Blooddiamonds sind im internationalen Recht gleichzusetzen mit Opium. Es ist nichts worin man involviert sein möchte. Er wollte Geld damit machen. Nick hatte schon immer diese etwas liebenswerte – und auf gefährliche Art deplazierte – Idee, dass er den Leuten helfen kann, und gleichzeitig auch sich selbst. Er dachte, dass das Mienenprojekt Arbeitsplätze für die Locals schaffen würde, ohne wirklich über die zerstörerischen Effekte die der unkontrollierte Diamantenabbau mit sich bringt, nachzudenken. Ich glaube, er hat ernsthaft daran geglaubt, dass es funktionieren könnte. Ich bin sehr froh darüber, dass dieses Vorhaben nie wirklich umgesetzt wurde. Es war aber nun so, dass seine erfolglosen Geschäftsverhandlungen, ihn mit einer unsagbaren Menge an Informationen über ihre Organisation ausstatte, die er nur zu gerne an mich weitergab.

LURD Rebellen in Liberia. © James Brabazon

Wie lief dieser Putsch ab? Ich habe dieses Bild von dir im Kopf, du sitzt zu Hause und Nick ruft an und sagt, „ Hi, ich habe einen Putsch für nächsten Dienstag geplant. Bock mit zu kommen?“, aber ich glaube es war nicht ganz so.

Es war ein multi-stage Event. Zu ersteinmal befand ich mich zu der Zeit in der Republik Guinea, ich saß gerade mit Nick in einer Bar und wartete darauf Ende des Jahres 2003 wieder nach Liberia zurückkehren zu können. Er erzählte mir, dass Geschäftspartner von ihm auf ihn zukamen, die planen eine „nahgelegende Regierung“ zu stürzen, weil der Präsident nicht in den gewünschten Maßen mit der Öl-Industrie kooperierte. Sie wollten das Land zu einer Art „Afrikanische Schweiz“ umfunktionieren. Es wurden keine Namen genannt, aber es war nicht allzu schwer sich zu denken, um welches Land es hier ging – es wurde schnell klar, dass es hier um Äquatorialguinea ging. Zu diesem Zeitpunkt war der Plan, mit Hilfe Liberianischer Rebellen einen Seeangriff zu starten, und den Strand der Insel Malabo zu stürmen. Es sollte ein typischer Strandangriff werden – kleine Truppen, dafür aber mit viel Feuerwaffen.

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Warum Liberianische Rebellen? Und warum würden die das mitmachen?

Sie wollten es aussehen lassen wie einen Aufstand der Locals, nicht wie eine Wiedervereinigung einen südafrikanischen Sondereinsatztruppe der Arpartheid Ära – die wären noch ein ganzen Stück unbeliebter gewesen. Sie wollten, dass ich es filme, nur die Gesichter der Schwarzen zeigend, und das Material dann veröffentliche, so dass dann alles lokal geplant erscheinen würde. Ich konnte aber keiner im Fernseh übertragenden Propaganda zustimmen. Ich musste mich mit folgenden Dilemma auseinandersetzen: Einerseits wurde mir dieser unglaubliche Insider Zugang angeboten und damit ein wahnsinniger Exklusivbericht zu dem kein anderer hätte zugang gehabt hätte. Andererseits wurde ich gefragt, etwas für einen Journalisten undenkbares zu tun. Ich entschloss mich dazu Ja zu sagen mit dem Wissen, dass ich ja später immer noch Nein sagen könnte. Das ist das Beste um im Spiel zu bleiben.

Also hast du dazu zugestimmt an einen Putsch mit der Söldnerarmee im Äquatorialguniea teilzunehmen? Hört sich soweit gut an, wie ging es weiter?

Um ehrlich zu sein, Ich ging nicht davon aus, dass Nick dieses Vorhaben finanziert kriegen würde. Ich dachte die Chancen dafür wären so klein, dass es nicht einmal etwas war, das man ernsthaft bedenken musste. Aber als ich gerade, nach dem ich für einige Tage in London war, nach Liberia zurückkehrte, rief Nick mich an und meinte, ich solle sofort nach Paris kommen um dort jemanden zu treffen. Dieser „jemand“ war Simon Mann, an diesem Punkt realisierte ich, dass dieses Vorhaben stattfinden wird, und dass es ernst war. Sie sprachen darüber zwei Kampfhubschrauber für den Angriff zu nutzen. Simon und ich blieben im Kontakt, wir sprachen aber nie über den Putsch – es war alles sehr subtil. Nick stellte einige Alibi-Geschäfte in Äquatorialguinea auf die Beine, hauptsächlich um die Insel auszukundschaften. Die Geschäfte die er mit dem Geld von Simons  aufgebaute erwiesen sich auch als überaus lohnenswert. Er glaubte, dass er finanziell das auf der Insel erreichen könnte, was er sich erhofft hatte, ohne die Regierung physisch stürzen zu müssen. Er fing an mit dem Bruder des Präsidenten Geschäfte zu machen. Aber Simon hatte einen anderen Plan, seine eigenen Hintermänner setzten ihn unter Druck. Nick beschloss schlussendlich mitzumachen, entgegen seiner Überzeugung.

Nick du Toit nach einem langen Marsch. © James Brabazon

Warum warst du nicht dabei, als sie loslegten?

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Ich war 48 Stunden standby, ein ständiges hin und her, und dann starb mein Großvater.  Er hatte mich großgezogen und war eine sehr wichtige Person in meinem Leben. Ich habe Nick gesagt, dass ich für einige Wochen aus der Geschichte raus bin. Ich hatte meine Trauerphase – ohne Emails, ohne Radio, alles sehr ruhig. Ich kam nach London und machte die Nachrichten an, um dort dann zu sehen, dass Nick und Simon verhaftet wurden. Ich versuchte Nick über sein Handy zu erreichen, der Anruf wurde angenommen, es gab eine Rauferei und dann war die Verbindung tot. Ich rief noch einmal an, und der Anruf wurde von einem Beamten angenommen, der wissen wollte wer ich bin und warum ich anrief. Sehr lange glaubte ich daran, dass der Tod meines Großvaters mich gerettet hatte. Die ursprüngliche Idee war, dass ich bei der ersten Welle des Angriffs dabei bin, aber Nick dachte es sei vielleicht besser für mich, mit den neuen Typen später rein zu kommen. Wäre ich bei der ersten Angriffstruppe dabei gewesen, wäre ich mit den anderen direkt in das Black Beach Gefängins geschickt worden.

Wie lange war Nick in Black Beach?

Fünf Jahre und acht Monate.

Hattest du während dieser Zeit Kontakt zu ihm?

Nein, seine Frau hat ihn ein paar Mal besucht, und ich konnte ihm so Nachrichten vermitteln. Als Nick im November 2009 entlassen wurde, sagte ich ihm, dass ich immer den Eindruck hatte, dass der Tod meines Großvaters mich gerettet hat. Ich fragte ihn ob das wahr sei, und er sagte: „Ich bin nicht so eine große Fotze wie die Leute denken, ich passe auf meine Freunde auf.“ Was er damit wohl sagen wollte war, dass wenn es eine gut organisierte Operation gewesen wäre, ich auch dort gewesen wäre. Aber das war es nicht, und deshalb war ich nicht mit dabei.

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Hast du dich schon einmal dabei ertappt wie ein Söldner zu denken? Wolltest du zurückkehren und am Kampf teilnehmen? Oder hat es dir gereicht?

Als ich damit anfing hatte ich dieses starke Verlangen, es mir selbst zu beweisen, dass ich es kann. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich dem Erbe des Lebens meines Großvaters, von dem ich denke, dass er es erschreckend gefunden hätte, gerecht werden konnte. Ich war keine große Hilfe, weil dieses egoistische Denken meiner Arbeit als Journalist im Weg stand. Nach dem was in Liberia geschah, hatte ich nie mehr das Verlangen es mir selbst beweisen zu müssen, ich wusste zu was ich fähig war. Jeder Krieg in dem du bist ist anders. Es ist sehr überraschend, es geht nicht darum in einem bewaffneten Kampf zu sein, es geht um die Totalität der Kriegserfahrung – entweder es zerfrisst deine Persönlichkeit, oder es lässt sie wachsen, je nachdem wie du es siehst. Für mich ist es jetzt kein Problem mehr zurück in den Kampf zu gehen, das ist nun einmal das was ich mache.

Brauche ich den Adrenalin Kick?

Nein, brauche ich nicht. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass der Krieg an einigen Punkten nicht auch ein Genuß war. Es ist ein sehr dunkler Ort, aber da findet ein fundamentaler Entwicklungsrückschlag statt. Es ist unabdingbar zu verstehen das Atavismus der Knackpunkt ist. Ich bin einfach kein Adrenalin Junkie. Ich habe zwei kleine Kinder und mir fest vorgenommen, dass die beiden mit einem Vater aufwachsen.

Gibt es momentan irgendwelche Konflikte über die du gerne berichten würdest, oder welche , die deiner Meinung nach  nicht im angemessenen Umfang berichtet wird?

Also, ich glaube stark daran, dass die Dinge in der Republik Guinea noch sehr interessant werden. Ich bin mir sicher, dass eine neue Generation furchtloser, junger Reporter gerade in West Afrika heranwächst. Gleiche Scheiße, anderer Tag. Es gibt so viele Konflikte über die nicht berichtet wird. Was zum Beispiel wissen wir über den Krieg der gerade in Nordjemen am Laufen ist? Es gibt eine Maoisten Rebellion in Nordindien, die Maoisten kontrollieren einen ganzen Landstreifen bis hoch zu Hyderabad. Dort existiert ein Maoisten Staat, große Territorien durch die die Indischen Sicherheitskräfte nicht durch können. Es gibt so viel über das wir nichts wissen, weil die Medien nicht genug Geld oder Zeit aufbringen Leute in die entsprechende Gebiete zu schicken um darüber zu berichten. Die Zeiten in denen ein Don McCullin für Monate von der Sunday Times nach Vietnam geschickt wurde sind vorbei. Im Gegenzug dazu, gibt es anscheinend Konflikte über die angemessen und viel berichtet wird, wie beispielsweise über die Situation in Israel, aber wenn du mal genau darauf achtest, und versuchst alle Stücke zusammen zu bringen, das heißt Monate, sogar Jahre an Reportagen darüber wirst du nicht wirklich weit kommen und die Situation immer noch nicht korrekt analysieren können.