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Musik

Medienwirkungsforschung leicht gemacht mit Mount Kimbie

21.7.10

Mal wieder die Neuauflage des britischen Märchens: ein paar Typen haben in ihrem tristen Alltag die Laune am Leben verloren und beginnen deshalb Musik zu produzieren. Ein angesagtes Label (Hotflush) entdeckt sie und schickt sie in die weite Welt. Sogar den Part, dass sie nicht gleich abheben, weil sie mal ein paar Indiebands geremixt haben und ihnen von allen Seiten nur Lob entgegen kommt, halten Mount Kimbie ein.Kai und Dom spielen jedoch keine Instrumente, sie machen Dubstep. Erst kürzlich sind neben ihrem Album zwei Remix-Vinyls erschienen, auf denen u.a. auch die Berghain-Instanzen Prosumer und Tama Sumo als Remix-Gäste zu finden sind. Was wiederum ganz gut in dieses Intro passt, denn kurz vor ihrem Auftritt im Berghain haben wir uns mit Kai und Dom in einem Berliner Café getroffen.

Vice: Hi. Habt ihr Fußball geguckt?
Kai: Wir als Engländer sind ja quasi verpflichtet. Aber meine Mutter kommt aus Spanien, deshalb bin ich für die.

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Bei der WM hat sich ja gezeigt, dass die Teams mit einem einzelnen Spielmacher weniger Erfolg hatten, als die mit einer guten Moral und Geschlossenheit. Glaubt ihr, dass es in der Musik einen ähnlichen Trend gibt, was Hörgewohnheiten angeht?
Kai: Klar, die Leute haben keine Lust mehr nur noch die fünf marktführenden Bands zu hören, sie hören sich lieber jeden Tag tausend verschiedene Sachen an und wählen dabei nach Labels oder zusammengehörigen Bands aus.

So wie ihr und The XX?
Kai: Ja, ich glaube das ist die Zukunft. Man macht einfach viel zusammen und versucht nach und nach ein Publikum zu erreichen. Das ist viel einfacher und eleganter als auf irgendwelche Stadion-Auftritte zu warten. Es hat auch mehr Stil.

Geht das dann noch weiter, dass man zum Beispiel anfängt mehr zu machen als "nur" Musik?
Dom: Auch wenn wir noch nicht über die Musik hinausgelangt sind, glaube ich doch, dass wir kreative Leute sind. Ich könnte mir halt auch gut vorstellen irgendwann unsere eigenen Musikvideos zu produzieren.
Kai: Der multitalentierte Künstler ist heutzutage sehr gefragt.

Wie viele Instrumente spielt ihr denn zum Beispiel?
Kai: Ähm, keins so richtig gut.

Besser an den Midi-Controllern, oder?
Kai: Exakt. Spuren am Computer geschickt übereinander zu legen, Samples auszuwählen—das ist eher das, was uns liegt.

Ihr seid ja aus Brighton.
Kai: Er ist aus Brighton, ich aus London.

Ok, Dom. Wenn ich Brighton höre, dann denke ich sofort an tausend Sachen. Vor allem aber an Big Beat, also Fatboy Slim und den ganzen Kram und an The Kooks. Fühlst du dich als Teil einer dieser Szenen?
Dom: Nicht wirklich. Ich gehe in Brighton auch nicht wirklich viel aus. Den Großteil der Musikszene bilden tatsächlich ein paar unglaublich schreckliche Clubs, mit billigen Drinks und schlimmer Musik. Klar, die Szene kann vielfältig sein, aber durch die kulturelle Verdummung, ausgehend von diesen Schlagerclubs kann ich mich nicht wirklich öffnen und von den guten Sachen beeinflussen lassen. Du kannst dir ja nicht aussuchen was dich prägt.
Kai: Also Jugendsünden begeht bekanntlich jeder und früher sind wir auch ausgegangen. Am Wochenende waren wir immer mal in diesen schlimmen Hip-Hop Clubs in Brighton. Die haben aber einfach überhaupt keine Substanz, das ist tödliches Zeug. Man hat immer die ganze Woche gespart und ist dann am Wochenende ausgegangen.

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Das ist wirklich so? So wie in diesem Hard-Fi-Song?
Dom: "Living For The Weekend" war das, ja, die Jungs haben doch in ihren ganzen Interviews immer gejammert, wie sehr man in England doch nur für das Wochenende lebt…
Kai: Die Leute in England hassen ihr Leben. Es ist so verdammt hart, einen Job zu finden, der dir gefällt und auch noch Geld bringt. Die ganze Woche über hast du nur Stress, dann lässt du natürlich am Freitagabend die ganze Scheiße raus. Anstatt mal darüber nachzudenken, wie man es vielleicht besser machen könnte.

Ich wollte mit euch noch ein bisschen über eure Internetpräsenz reden, aber ich habe keine Frage gefunden, die nicht schon tausendmal irgendeiner Band gestellt wurde. Also habe ich euch mein derzeitiges Lieblings YouTube-Video mitgebracht, wollt ihr es sehen?
Klar.

Die beiden prusten los und kriegen sich nicht wieder ein.
Kai: Das ist Megageil
Hinter uns beginnt sich ein Typ aufzuregen "Ich bin extra in dieses Café gekommen und jetzt dieser Lärm. Könnt ihr das mal ausmachen? Kriegt ihr das vielleicht hin?"
Dom: Das ist mit Sicherheit das Beste, was ich in letzter Zeit gesehen habe. Es ist erst seit wenigen Tagen Online, hat aber schon eine Viertelmillion Views.
Kai: Unglaublich. Aber es ist auch einfach verdammt lustig.
Dom: Und kompletter Nonsense.
Der Typ verlässt das Café.
Dom: Hat er sich über uns aufgeregt?

Ganz genau.
Dom: Mann, Deutsche sind vielleicht nervig.

Da hast du leider Recht… Aber glaubt ihr, dass die Macht des Internet, die wir allein an den Zahlen hier sehen, einfach nur im kompletten Nonsense, wie solchen Videos enden wird?
Kai: Na ja, es ist dumm, aber leider die Wahrheit, dass solches Zeug einfach das ist, was die meisten Menschen begeistert und beeinflusst. Das Fernsehen ist ja noch schlimmer. Allerdings ist es auch einfach ein Zeichen dafür, dass wir Menschen uns frei aussuchen können, womit wir uns beschäftigen wollen, woher wir unsere Einflüsse nehmen. Und das ist ja ganz gut.

Glaubt ihr eigentlich, dass die Meinungen von Musikern zu solchen Themen und anderen überbewertet werden?
Kai: (lacht) Ja, mit Sicherheit. Die Journalisten sprechen mit den Bands und machen eine ganze Philosophie aus den Dingen, die sie gesagt haben. Sie nehmen jedes Wort auseinander, das ist grauenhaft.

Habt ihr eigentlich neben der ganzen Musiksache überhaupt noch Zeit für andere Dinge?
Dom: Mein Lieblingsfilm ist "There Will Be Blood" und der lief vor drei Jahren, das sagt eigentlich alles.
Kai: Ich glaube diese Musiksache ist eben auch viel mehr für uns als nur ein Job. Du lebst diese Sache, die du schon immer wolltest. Klar kann das auch stressig sein, guck dir nur mal den Scheiß hier an. (zeigt mir seinen Terminplan, wo verschiedene Interviewtermine und Besprechungen mit ihren Managern aufgelistet sind.) Aber da muss man wohl einfach durch.

Mount Kimbies Album Crooks & Lovers ist bei Hotflush erschienen.