Wenn Déjà-vus Symptome einer Krankheit sind

Mit der Selbstdiagnose Migräne ging ich zum Arzt. Auf dem Weg nach Hause habe ich im Auto geheult.

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27 September 2016, 4:00am

Foto mit freundlicher Genehmigung von Anna

Vermutlich weiß jeder, wie es sich anfühlt, ein Déjà-vu zu haben. Meistens lässt sich das Hirngespinst nicht enträtseln und irgendwann ist der Moment vorbei.

Anna war 21, als sie nach intensiven Déjà-vus sofort zur Toilette stürmte und sich übergeben musste. Als sie immer öfter solche Bewusstseinsstörungen und Anfälle hatte, ging sie zum Arzt. Wir haben ihre Geschichte für euch aufgeschrieben.

Ein Déjà-vu zu haben, war für mich eigentlich immer ganz normal. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass mir dieser Zustand einmal zur Last werden könnte. Aber als ich eines Abends im Bett lag und nicht genau wusste, ob ich das, was ich gerade im Halbschlaf vor mich hin träumte, schon einmal geträumt hatte, wurde mir plötzlich kotzübel und ich rannte zur Toilette. Ein Déjà-vu, das sich so heftig anfühlte, hatte ich noch nie gehabt. Ich war zwar voll da, wusste aber nicht, was gerade mit mir passierte. Es ging alles sehr schnell und beim ersten Mal dachte ich noch, der Traum müsse mich so sehr mitgenommen haben, dass mir einfach schlecht wurde. Nach dem Erbrechen war ich total erschöpft und wollte nur noch schlafen.

Die Woche darauf passierte es wieder—wieder vor dem Einschlafen, wieder ein Déjà-vu. An diesen beiden Tagen hatte ich besonders viel Stress gehabt. Als ich dann am Abend runterkam, fing mein Hirn an, verrückt zu spielen. Ich versuchte, es irgendwie "abzustellen", wollte meine Gedanken steuern, habe den Kopf hin und her geschüttelt, aber es hörte einfach nicht auf. Danach kam es mir wieder hoch. Im Halbschlaf hatte ich das Gefühl, alles nur noch weniger kontrollieren zu können.

Ein Anfall im Bus ließ mich nachdenklich werden


Damals hatte ich eine sehr stressige Zeit. Ich hatte bereits einmal das Studium gewechselt und ein Semester später wusste ich, dass es wieder die falsche Entscheidung war. Ohne meinen Eltern Bescheid zu geben, habe ich mich dann schließlich für den neuen Studiengang entschlossen und eingeschrieben. Meine Beihilfen waren weg und ich stand enorm unter Druck.

Langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl. Ich hatte bereits zwei derartig merkwürdige Anfälle und bekam die darauffolgende Woche wieder einen. Das ließ den Gedanken in mir aufkommen, dass etwas nicht stimmte. Dann passierte es mir auch tagsüber. Ich war auf der Heimfahrt von einem anstrengenden Uni-Tag und merkte, dass es wieder losging—dieses verwirrende Gefühl und diese in mir aufsteigende Übelkeit. Ich versuchte, meinen Brechreiz bis zur nächsten Bushaltestelle zurück zu halten, stürmte raus, als der Bus anhielt und übergab mich.

Ich hatte mir anfangs erfolgreich eingeredet, dass alles in Ordnung sei, und die Situation total runtergespielt. Vielleicht wollte ich mich selbst damit beruhigen und mich nicht noch mehr hineinsteigern in das Ganze, denn das hätte alles noch schlimmer machen können. Mein damaliger Freund sagte mir dann ganz deutlich, dass diese Anfälle ganz und gar nicht normal seien und erst dann fing ich an, mir richtig Sorgen zu machen.

Erst versuchte ich, etwas im Internet über meine Symptome herauszufinden. Die Suchmaschine meines Vertrauens brachte mich immer wieder auf die Diagnose "Migräne", was für mich ziemlich schlüssig klang, da in meiner Verwandtschaft einige daran litten. Außerdem hatte ich das ein oder andere Mal nach diesen Anfällen tatsächlich Kopfschmerzen gehabt. Mit der Selbstdiagnose Migräne ging ich also zum Hausarzt, der mich zu einer Neurologin überwies.

Auf dem Weg dorthin war ich noch ziemlich entspannt. Ich dachte die ganze Zeit an die Migräne und an mögliche Therapien, die mir die Ärztin wahrscheinlich vorschlagen würde. Dort angekommen berichtete ich ihr von den Anfällen und sie machte ein EEG. Als sie mir nach ein paar Minuten die Elektroden und Kabel wieder vom Kopf entfernte, sagte sie mir, dass es Hinweise darauf gäbe, dass ich an Temporallappenepilepsie leiden würde. Ich bekam Panik. Mit Epilepsie verband ich ein Leben voller Anfälle und starker Medikamente. Sie schrieb mir ein Rezept und erklärte, ich müsse sofort anfangen, das Medikament zu nehmen. Bei jedem Anfall würden Gehirnzellen absterben und ich dürfe das jetzt nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Ich hatte Herzklopfen und wusste nicht, wie ich mit dem, was mir die Ärztin gerade gesagt hatte, umgehen sollte. Sie redete unterdessen weiter und tippte etwas in den Computer, während ich versuchte zu verstehen, was sie gerade diagnostiziert hatte. Dann versuchte ich, gegen die Diagnose zu argumentieren, erzählte, dass niemand sonst in meiner Familie Temporallappenepilepsie habe, denn alles, was ich damals wusste, war, dass Epilepsie unter anderem genetisch bedingt sein kann. Man kann Epilepsie aber auch haben, wenn das auf kein anderes Familienmitglied zutrifft.

Den ganzen Heimweg habe ich im Auto geheult


Sie schrieb mir eine Überweisung für ein MRT, damit festgestellt werden könnte, ob ein Tumor oder ein Herd auf dem Temporallappen liegen würde. Tumor. Herd. Wörter, die das Ganze noch schlimmer machten. Ich glaube, ab diesem Zeitpunkt habe ich nur noch ins Leere geschaut und gehofft, schnellstmöglich heim zu können. Nachdem ich die Praxis verlassen hatte, setzte mich ins Auto und fing an zu heulen. Ich rief ein paar Freunde an, um mich zu beruhigen. Den ganzen Heimweg hab ich trotzdem weiter geweint.

Am gleichen Tag noch holte ich mir das Medikament Lamotrigin. Ich hatte große Angst vor den Nebenwirkungen, befürchtete, dass es mich ziemlich müde machen würde und schob die Einnahme einige Tage hinaus. Es war gerade Prüfungszeit und ich wollte die Prüfungen nicht wieder in den Sand setzen. Dann kam mir wieder "Gehirnzellen absterben" in den Kopf und ich malte mir aus, wie unangenehm es mir wäre, vielleicht im Supermarkt oder an der Uni die Orientierung zu verlieren und dann brechen zu müssen. Nach einigen Tagen schluckte ich die ersten Pillen.

Die Anfälle hörten sofort auf, als ich anfing, die Tabletten zu nehmen. Ich bekam aber abends immer ein Gefühl von Angst. Es fühlte sich an, als würde ich mich vor etwas fürchten, aber ich konnte nicht sagen, was es war, das mich so ängstlich werden ließ. Manchmal hatte ich Angst davor, dass die Tabletten nicht wirken oder vielleicht zu stark sind und ich im Schlaf sterbe. Ich weiß nicht, ob das eine Nebenwirkung des Medikaments war oder ob mich die Diagnose einfach psychisch fertig gemacht hat. Vielleicht war es auch beides.

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Dann hatte ich den MR-Termin. Im Untersuchungszimmer war gerade sehr viel Personal und ein Assistenzarzt fragte mich, warum ich hier sei. Es kostete mich ziemlich viel Überwindung, vor all diesen Menschen laut "Ich habe Epilepsie" zu sagen. Ein Tumor wurde nicht gefunden, aber kleine Entzündungsherde seien zu erkennen, so der Arzt. Die Entzündungsherde seien zwar nicht gefährlich, aber der Grund für die Epilepsie.

Mit der Zeit wurden die Angstzustände weniger, was wahrscheinlich auch daran lag, dass der Grund für die Epilepsie geklärt war und—fast noch wichtiger—ich keine Anfälle mehr hatte. Morgens und abends nahm ich die Tabletten, abgesehen davon musste ich auf nichts Besonderes achten. Ich konnte ausgehen, Alkohol trinken, durfte Auto fahren und lebte mein Leben weiter wie vor den Anfällen. Natürlich riet mir die Ärztin, auf genügend Schlaf zu achten und wenig Alkohol zu trinken, aber ich hielt mich nur bedingt daran.

Nach zwei Jahren ohne Anfälle konnte ich die Tabletten absetzen. Bis heute hatte ich keinen einzigen Anfall mehr und bin sehr glücklich darüber. Ich denke nur noch selten an diese Zeit. Ich lebe vor mich hin und bin dankbar, gesund zu sein.