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"Knast oder Krankenhaus" – Warum ich fünf Therapien hintereinander gemacht habe

Ich ertrage die Realität schon lange nicht mehr, bin eigentlich schon ausgetreten. Mein persönlicher und gesellschaftlicher Absturz beginnt in den besten Jahren—während des Studiums.
10.10.16
Foto: VICE Media

Ich ertrage die Realität schon lange nicht mehr, bin eigentlich schon ausgetreten. Mein persönlicher und gesellschaftlicher Absturz beginnt in den besten Jahren, während des Studiums. Mein Vater erkrankt tödlich und ich empfinde seine Krankheit als so grausam, brutal und unfair, dass sie keine abgedroschene Bezeichnung verdient hat. Die Bilder, die ich durch die vier Jahre der Krankenhausbesuche im Kopf habe, zerstörten meinen Intellekt sowie jegliches Vertrauen in die Welt. Es ist zu ertragen, bis plötzlich niemand mehr über diese Zeit oder den Verlust spricht—als wären diese Erinnerungen und er jetzt kein Teil mehr von ihnen.

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Was dann in mir ausgelöst wird, läuft an mir vorbei wie in einem Film, bei dem ich nicht mitgespielt habe. Ich hätte mich mit Grenzerfahrungen, Liebesdramen, Geldproblemen oder den falschen Freunden abfinden können. Eine kriminelle aber lebendige Zukunft, besser als die Realität. Aber dass meine unterdrückte Trauer zu Panikattacken, einer soziale Phobie, Depressionen, Psychosen und Magenentzündungen mutieren würde, hätte ich damals nicht erwartet. Heute habe ich es akzeptiert und lerne, damit umzugehen.

Bevor ich an diesem Punkt bin, fing ich an, mein Leben exzessiv zu feiern und Gefühle wie Liebe und Befriedigung zu erzwingen. Ich bin zu allem bereit und kenne keine Grenzen. Oft sehe ich, dass die Welt schön sein kann, aber weiß es besser. Irgendwann sehe ich krank aus, poste immer exzessiver auf Snapchat. Meine Kater ziehen sich über Wochen, ich kann mich vor Krämpfen nicht mehr bewegen. Niemand fühlt sich für dieses Mädchen verantwortlich, am wenigsten ich selbst.

Weil ich es jeden Tag in Betracht ziehe, aber zu feige bin, aus meinem Fenster zu springen, versuche ich etwas Neues: Psychotherapie. Meine erste Therapie beginnt bei dem spirituellen Therapeut im Top unter mir. Ich sitze mit Hausschlapfen im Therapiezimmer, das so aussieht wie meine Küche. "Na dann beginnen Sie doch mal, junge Frau." 20 Minuten kriege ich kaum Luft und kann nicht reden, weil ich nur heule. Dann erzähle ich 20 Minuten meinen Film, wie sehr ich meinen Vater geliebt habe und wie fremd mir meine Seele geworden ist.

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Es tut gut und ich erwarte für diese Offenbarung etwas zurück—Worte, die mich wieder zusammensetzen. Sie kommen nicht. Der Therapeut geht auf meine Zwänge ein und stellt Situationen nach. Er packt mir Wärmestöcke ins Gesicht und ich soll mir vorstellen, ich wäre ein Kühlschrank. So kann die Angst gelindert werden, der Körper entspannen. Er schaut auf die Uhr, fragt mich, wie es mit der Bezahlung aussieht und ich zahle für diese Stunde 100 Euro, weil ich nicht richtig versichert bin. Ich wollte Hilfe und bekomme eine Dienstleistung. So müssen sich Männer fühlen, die Liebe käuflich erwerben, denke ich mir. Ich setze mich in meine Küche und rauche eine Packung Marlboro am Stück. Dann klaue ich Sushi am Karl-Renner-Ring, schaue Narcos, trage meine Lederjacke und schnupfe ein bisschen Koks.

Ich setze mich in meine Küche und rauche eine Packung Marlboro am Stück. Dann klaue ich Sushi am Karl-Renner-Ring, schaue Narcos, trage meine Lederjacke und schnupfe ein bisschen Koks.

Meine nächste Therapie ist die psychologische Studentenberatung der Universität Wien. Sie ist kostenlos und soll Studenten in Krisensituationen unterstützen. Ich lande in einem Therapiezimmer, das aussieht wie ein Kindergarten. Meine Psychologin ist cool, emphatisch. Ich öffne mich, sie hat Mitleid. Wir reden über Turnbeutel, meine scheiß Krankenkasse und über einen möglichen Studienabbruch. Ich gehe mehrere Wochen zu ihr, die Busfahrt tut mir gut. Ich lasse mich in dem Glauben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Sie schickt mich zu einem Psychiater, denn nur dieser darf Medikamente verschreiben. Nach den ersten Therapiesitzungen diagnostiziert er bei mir eine Depression.

Wie abgedroschen, denke ich. Er sieht mir das Misstrauen an und erklärt mir, dass eine weitere Behandlung mit Medikamenten eh nicht das Richtige für suchtgefährdete Jugendliche sei. Mein Körper reagiert jetzt auch. Bald habe ich so starke Entzündungen im Bauch, dass ich nach Hause nach Deutschland muss. Mein Hausarzt will mich homöopathisch aufpeppeln. Ich weise mich in eine Akut-Tagesklinik ein.

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Die Zeit dort ist so schrecklich, dass ich sie aus meinem Hirn gestrichen habe. Aber danach weiß ich, dass ich nie in den Knast will. Wenn du mit einer Tafel und dem ABC-Schema arbeitest, ist deine Therapie so schlecht, dass ich einen Selbstversuch mit Ketamin bevorzugen würde. Von dem Weißbrot habe ich zugenommen und fliege zurück nach Wien, als wäre nie etwas passiert. Ich studiere weiter, habe ein Semester verpasst, schreibe sieben Prüfungen in einer Woche, bestehe alle. Während und nach den Prüfungen habe ich seelisches Fieber, breche zusammen.

Ich weiß nicht, wohin, also fliege ich nach Barcelona. Die ganze Zeit versuche ich, aus mir selbst zu flüchten. Auch im Süden bin ich nicht Zuhause, fühle mich nicht wohl oder frei, habe Schmerzen. Meine Airbnb-Gastgeberin, eine kleine spanische Oma, macht mir einen fragwürdigen Tee. Wir verstehen uns kaum, aber sie rät mir zu einer Therapie. Vielleicht habe ich es auch nur verstanden, weil ich mich so sehr nach Ayuda sehne.

Dann kommt der Punkt, an dem sich tatsächlich etwas verändert: Meine Mutter ruft an—wir hatten mich vor Monaten bei einer stationären Klinik angemeldet—der Platz wäre jetzt frei.

Ich habe keine Hoffnung mehr, es gibt kein Happy End, erst recht keine Liebe oder Gerechtigkeit. Deswegen fliege ich nach Berlin, hier ist es egal, wenn du schon verloren bist. Ich feiere fünf Tage durch, lasse mir den Glauben, den falschen Weg wenigstens zu genießen. Vielleicht schaffe ich es ja noch ins Krankenhaus, denke ich mir.

Dann kommt der Punkt, an dem sich tatsächlich etwas verändert: Meine Mutter ruft an—wir hatten mich vor Monaten bei einer stationären Klinik angemeldet—der Platz wäre jetzt frei. Ohne nachzudenken sage ich zu, fahre weit weg von allem in eine Stadt, die ich nicht kenne, habe keine Erwartungen. Es wird eine schöne Zeit, eine schwere und wichtige.

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Es ist die fünfte Therapie und sie hilft. Ich wohne neun Wochen in dieser Klinik, hier werden psychosomatische Zusammenhänge beobachtet. Ich schneide mir die Haare, höre auf, mich zu schminken und lasse mich auf die Therapie ein. Die ersten Wochen trauere ich, die nächsten bin ich leer und unruhig. Dann werde ich übermotiviert, manisch, hoffnungsvoll. Dieses neue Selbstvertrauen beobachte ich mit.

Ich entdecke tatsächlich Ressourcen in mir, schreibe, lese, spiele, weine, lache, laufe, spreche. Ich bekomme Antidepressiva und etwas gegen meine Angst. Sie schlagen an, aber verändern die Weise zu träumen. Meine Träume werden so realistisch, dass sie mir Angst machen.

Aber endlich kümmern sich Ärzte, Psychotherapeuten, andere Patienten und ich mich, um mich. Wir nehmen mich ernst und wollen mir helfen. Es wird besser, der Himmel ist etwas blauer, manchmal fühle ich etwas, glaube, ich bin echt.

Ich kann klar denken, habe wieder etwas zu sagen und eine Zukunft vor mir mit schönen Momenten. Die Therapeuten sagen, mein Vater sei immer noch bei mir, aber das weiß ich einfach nicht. Ich weiß jetzt, dass es wirklich gute Hilfe gibt—aber auch, dass ich irgendwann wahrscheinlich noch eine sechste Therapie brauchen werde.

Wenn du oder ein Angehöriger Hilfe braucht, nimm sie in Anspruch. Auch wenn die Krankheit selbst noch häufig tabuisiert wird, bieten österreichweit viele Stellen Hilfe bei Depression an.