Abtreibungsgegner, Fundamentalisten, Homo-Hasser

Am Samstag trafen sie sich alle in Berlin.

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Sep. 22 2014, 3:09pm

Fotos von Daniel Jakobson

Am Samstag fand in Berlin der Marsch für das Leben mit etwa 5.000 Teilnehmern statt. Das hört sich natürlich erstmal nicht so an, als sei das eine Veranstaltung, gegen die man sein könnte. Wer ist schon gegen „das Leben"? Einen Punkt haben die Leute auf jeden Fall schon mal an der PR-Front gemacht. Früher nannte sich diese Veranstaltung „1000 Kreuze Marsch". Für jeden der 1.000 Schwangerschaftsabbrüche, die in Deutschland angeblich täglich vorgenommen werden, eins (die Zahl ist vollkommen aus der Luft gegriffen, das statistische Bundesamt spricht von hochgerechnet 288). Der Marsch wird vom Bundesverband Lebensrecht veranstaltet, dessen Vorsitzender Martin Lohmann ist. Und spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass man es hier nicht mit freundlichen Pastoralreferentinnen zu tun hat, sondern mit Fundamentalisten. Nicht, dass das eine das andere unbedingt ausschließt.

Die gesetzliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen ist auch 2014 immer noch sehr kompliziert. Laut §218 sind Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich verboten. Auch die Abtreibung nach einer Pflichtberatung (§218, Abschnitt 1) ist immer noch rechtswidrig, bleibt nur eben straffrei. Beratungsscheine werden von staatlich zertifizierten Beratungsstellen ausgegeben, die ergebnisoffen beraten. Das heißt, am Ende kann die Frau entscheiden, ob sie ihr Kind austragen will oder eben nicht. Wenn nicht, kann sie frühestens drei Tage nach der Beratung den Abbruch durchführen lassen.  

Einige Verbände, die den Marsch unterstützen, machen sich diese komplizierte Situation zu Nutze. Genau wie in den Scheinabtreibungskliniken in den USA, bieten zum Beispiel die Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren e. V. (KALEB) Schwangerschaftsberatungen an. Nur leider keine staatlich zertifizierten. Das heißt Frauen, die eh schon unter Zeitdruck stehen, werden mit dieser Methode nochmal weiter aufgehalten und müssen sich von Lebensschützern vorhalten lassen, dass sie Mörderinnen werden, wenn sie abtreiben. Mitglieder von KALEB veranstalten übrigens auch Mahnwachen vor Firmen, die Abtreibungspillen ausliefern.

Hartmut Steeb (mit Fliege), Martin Lohmann, Beatrix von Storch in vorderster Front für das Leben.

Auch die AfD ist eng mit dem Marsch verbunden (eine Party, bei der es um Anti-Feminismus, Homo- und Trans-Feindlichkeit und die gute alte Familie geht, kann man sich in diesen Kreisen ja nun auch wirklich nicht entgehen lassen). Schon seit Jahren ist Beatrix von Storch prominent vertreten, mittlerweile Europaabgeordnete der Partei, aber auch Vorsitzende der Zivilen Koalition-einem von ihr gegründeten Verein, zu dem wiederum die Initiative Familienschutz gehört. Diese Initiative ist Hauptveranstalter der Demos gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg, in dem es darum geht (und ich weiß, es ist furchtbar schockierend), dass Kindern beigebracht werden soll, dass es nicht nur Heterosexuelle in Stuttgart und Umgebung gibt.

Ein Fakt, der auch Hartmut Steeb schwer zu schaffen macht. Steeb ist der Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschlands (eines Verbandes für evangelikale Christen) und ebenfalls Unterstützer des Marsches. Der überzeugte Fliegenträger ist genauso überzeugt homophob. Neben zahllosen Talkshowauftritten, wo er immer wieder über die Unnatürlichkeit von Homosexualität spricht, kritisierte er auch Angela Merkel (die jetzt wirklich nicht die größte Schwulenfreundin ist) wegen eines Grußwortes für den CSD in Stuttgart. Es ist vielleicht sonst noch niemandem aufgefallen, aber konservative Christen sind die Opfer und werden von der furchtbaren Homolobby diskriminiert. Ständig

Die Kreuzausgabe.

Eike Sanders, Mit-Autorin von Deutschland treibt sich ab, beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Lebensrechtsbewegung und kommt zu einem Schluss, der gar nicht so sehr verwundert, wenn man sich die Protagonisten genauer anschaut. Das Ziel dieser Leute ist nichts weniger als ein deutscher Gottesstaat. Abtreibung mag zwar erstmals das Hauptthema sein, aber dahinter steht einiges mehr. Interessant ist hier auch ein Zitat der Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur e.V., deren Ziel „der selbstlose Schutz der geistigen, sozialen und kulturellen Werte der christlich-abendländischen Kultur und Zivilisation, die von einer seit mehr als fünf Jahrhunderte anhaltenden zersetzenden Revolution nach und nach zerstört werden soll." Und da ist es auch schon, das Mittelalter. Hier geht es nicht einmal um die 68er, sondern um die verdammte Aufklärung!

Dementsprechend gestaltete sich auch die eigentliche Veranstaltung. Wie schon bei der Namensänderung von „1000 Kreuze Marsch" zum „Marsch für das Leben" versucht man, sich sehr christlich, aufgeschlossen und tolerant zu zeigen. Teilnehmer werden direkt vor Ort mit ästhetischen Transparenten und Schildern versorgt, auf denen keineswegs abgetriebene Föten zu sehen sind, wie man erwarten könnte, sondern lachende Babys, Familien etc. Die unangenehmen Töne sind hier noch eher zwischen den Zeilen zu hören. Es geht darum, dass selbstverständlich niemand Frauen bestrafen will, die abgetrieben haben, weil „es ist Strafe genug, was sich diese Menschen da antun." Man spricht von einer „Zivilisation des Todes", in der wir leben. Sexualaufklärung ist nur dann gut, wenn sie dazu führt, dass Sex erst „zum richtigen Zeitpunkt" stattfindet (Spoiler: nicht vor der Ehe).

Spricht man mit den Teilnehmern kann man schon ganz andere Töne hören. Cecily, eine 24-jährige Mutter eines Kindes antwortet mir auf meine Frage, ob Abtreibung auch im Fall einer Vergewaltigung verboten sein sollte, mit einem Ja. Eine Abtreibung sei ein weiteres schlimmes Trauma, das zu der Vergewaltigung noch hinzukäme. Dieses sogenannte „Post Abortion Syndrome", das immer wieder von Abtreibungsgegnern ins Feld geführt wird, ist allerdings von mehreren Studien widerlegt worden. Tatsächlich ist die Argumentation, die dahinter steht, ziemlich perfide. Das Trauma liegt demzufolge in der Abtreibung begründet und nicht im Druck der Gesellschaft und durch Veranstaltungen wie genau dieser, die versuchen, Frauen, die abgetrieben haben, zu Täterinnen zu stilisieren. Genau die gleiche Argumentation gibt es bezüglich der hohen Selbstmordraten bei LGBTs. Laut der Argumentation aus dem homophoben Lager liegt das nämlich an der Homosexualität an sich und nicht daran, dass Schwule, Lesben und Transsexuelle permanent diskriminiert und unterdrückt werden.

Zu dem Thema erzählt mir dann auch ein Philosophie-Lehrer aus Köln, dass ich, als schwuler Mann, offensichtlich entweder von meinem Vater missbraucht wurde oder aber eine Vaterfigur vermisst hätte und deswegen jetzt die Liebe, die ich in meiner Kindheit nicht bekommen hätte, bei anderen Männern suche. Beides falsch, aber eine typische Argumentation, mit der Homosexualität zu einer psychischen Störung gemacht werden soll.

Nun wäre eine Demonstration von Fundamentalisten in Berlin keine Demonstration von Fundamentalisten in Berlin, wenn es nicht auch eine Gegendemo gäbe. Was dazu führte, dass nicht nur die Auftaktkundgebung massiv gestört wurde, sondern auch der tatsächliche Marsch von Anfang bis Ende von ca. 1000 Gegendemonstranten umrundet und infiltriert wurde. Mehrmals mussten die Freunde des Lebens tatsächlich anhalten, weil sich Blockaden gebildet hatten. Außerdem fand eine weitere Demo mit gut 500 Teilnehmern direkt am Brandenburger Tor statt.

Und selbstverständlich ist es der Job der Polizei, die Demonstrationsfreiheit zu schützen, egal wie unangenehm die Demoteilnehmer sind. Wie das aber letzten Samstag gelaufen ist, könnte man als schwierig bezeichnen. Nicht nur wurde eine Gegendemonstrantin von einem Polizisten „Mäuschen" genannt (leider wollte er danach nicht mit mir über Schulungen bezüglich politische korrekter Sprache bei der Polizei sprechen), sondern irgendwann wurden auch Pressevertreter nicht mehr durchgelassen und nur doch Demonstrationsteilnehmer mit Kreuz durften passieren.

Die Teilnehmer des Marsches pochten zwar auf christliche Werte, waren aber weit weniger menschenfreundlich, als man hätte erwarten können. Einige junge Männer sahen sich offenbar vom Herrn als Freelance-Ordner berufen und bewegten sich mit ihren Transparenten und Schildern immer wieder gezielt auf Gegendemonstranten zu, die sie dann mit unchristlicher Gewalt wegdrängten.

Auch bei der Abschlusskundgebung wurde mehrfach gestört, was allerdings nicht den Auftritt von P5 verhindern konnte, den fünf Kindern des Prinzen von Preußen, die unter anderem über das Elend nach dem jüngsten Gericht sangen, das den Teil der Menschheit ereilen wird, der nicht ins Himmelreich gelangt.

Grundsätzlich ist es hoffentlich ein gutes Zeichen, wenn sich trotz bundesweiter Mobilmachung nur 5000 Fundamentalisten aufraffen können, eine Demo zu einem ihrer Kernthemen zu besuchen und andererseits gut 1500  Gegendemonstranten nur aus Berlin dem gegenüberstehen. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass man es hier mit einem sehr bedenklichen Weltbild zu tun hat.

Stefan ist auch auf Twitter für das Leben, aber gegen Fundamentalisten.

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