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Drogen

Wie koscher ist Kiffen?

Für Juden in den USA wird die Frage immer wichtiger—und in Israel gibt es sogar handfeste Anti-Terror-Gründe, die Frage zu klären.
3.3.15

In Israel nehmen bereits über 11.000 Patienten am staatlichen Programm für Cannabis als Medizin teil. Angebaut wird das Gras völlig legal im Kibbutz. So hat sich sich Israel mangels internationaler Konkurrenz, allein aufgrund der großen Anzahl an Patienten, klammheimlich zu einem der größten legalen Cannabis-Produzenten der Welt entwickelt.

Für Israelis ist deshalb auch die Frage, ob Cannabis koscher ist, nicht ganz unwichtig. Anders als bei Tieren, Wein oder Käse findet Gras in den Vorschriften zur koscheren Zubereitung von Lebensmitteln keine Erwähnung. Trotzdem gab Rabbiner Efraim Zalmanovich 2013 die Antwort: zumindest zu medizinischen Zwecken sei Cannabis glaubenskonform.

Das wäre also geklärt, aber wie sieht es mit dem Gras aus, das man zum Spaß zwischen Haifa und Ellat raucht? Das ist nach Meinung der meisten jüdischen Gelehrten nicht koscher, weil es nicht der Gesundheit diene, sondern breit mache.

Die Entscheidung zwischen Gras oder Haschisch hat in Israel aber auch dunklere, sicherheitspolitisch relevante Dimension. Gras, egal ob medizinisch oder illegal, wird vorwiegend in Israel angebaut. Haschisch kommt meist aus dem Libanon ins Land, seltener aus Ägypten via Gaza. Im Libanon wird das Hasch in der Bekaa-Ebene angebaut, wo die Hisbollah die Hosen an und die Zentralregierung wenig zu melden hat.

Die libanesische Armee hat keinerlei Kontrolle über den Hanfanbau, die Großbauern aus dem Bekaa-Tal drohen der Regierung in Beirut auch schon mal unverhohlen mit Krieg, falls die Armee ausrücke, um Felder zu vernichten. Als die Soldaten das 2012 schon einmal versuchten, gab es kriegsähnliche Zuspitzung, weil die Bauern zurückschossen. Seitdem hat man in Beirut wohl kapiert, dass in der Bekaa-Ebene nun endgültig andere herrschen. Vor ISIS hat man übrigens auch in der Ebene Angst, brennen die radikalen Gotteskrieger doch Hanffelder prinzipiell nieder.

Hatten die Israelis während ihrer langjährigen Präsenz im Südlibanon bis zu ihrem Rückzug im Jahr 2000 noch versucht, die Haschproduktion zu unterbinden, hat die Hisbollah den wirtschaftlichen Nutzen sofort erkannt. Seit ein paar Jahren produziert der Libanon wieder viel Haschisch, wovon ein guter Teil auf Umwegen in israelischen Tüten landet. Einen Teil der Einnahmen treten die libanesischen Bauern der Lokalmacht in Form von Steuern ab. So wird der Rote Libanese schnell zum Politikum.

„Die Hisbollah kontrolliert den Schmuggel seit Israels Rückzug", sagte der Polizeichef von Amakim, Avi ElGrisi, bereits 2006 gegenüber dem Jewish Daily Foward. „Sie sagen, wo, wann und wie viel Drogen herein geschmuggelt werden."

Israelische Kiffer rufen deshalb schon lange zum Boykott von „Rotem" auf und fordern Gleichgesinnte auf, nur noch inländisches Weed zu paffen. Anscheinend mit Erfolg. Stammten vor einigen Jahren noch 70 Prozent der gerauchten Ware aus dem Ausland, hat sich dieses Verhältnis bis heute umgekehrt.

Koscher-Zertifikat aus den USA

Auch in den USA, wo medizinisches Cannabis in 23 und Spaß-Gras jetzt schon in 6 Staaten legal ist, spielt die Frage „koscher oder nicht?" eine Rolle. Die „International Jewish News" schrieb schon 2012, Cannabis sei angesichts der 90.000 Juden in Colorado, wo Cannabis zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Legalisierung stand, eine „jüdische Angelegenheit". Die Zeitung berichtete weiter von „einigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die als Produzenten oder Verkäufer bemüht sind, die Substanz zu legalisieren." Zwei der Erwähnten, Dovey Heller und Court Monagham, sind heute Cannabis-Produzenten in Denver, ein Dritter, Mason Tzvert, ist Pressesprecher von NORML, der größten Hanf-Lobbyorganisation des Landes,.

Auch „Kosher Kush", eine der beliebtesten Grassorten der USA, habe „keinen religiösen Hintergrund, aber zumindest jüdische Wurzeln"—behauptet zumindest der Hersteller. Eine Clique von jüdischen Jugendlichen in Los Angeles soll im Besitz einer umwerfenden Grassorte gewesen sein, die sich „Jew Gold", eine Kreuzung aus „Kosher" und „OG Kush" nannte. Unter diesem Namen hatte es die Sorte schon vor Jahren bereits zu Berühmtheit in L.As „Medical Marijuana" Gemeinde gebracht. Die Firma, die die Samen jetzt kommerziell anbietet, habe sich eine Pflanze besorgen können, die dann Grundlage für ihre „Kosher Kush"-Zucht gewesen sei.

Passend zur Stimmung im Lande soll es in den USA bald auch ein echtes „Koscher-Zertifikat" für medizinische Blüten geben. In New York State hat Rabbi Moshe Elefant angekündigt, dass wenigstens medizinisches Cannabis demnächst als koscher zertifiziert werde.

Elefant ist Vorsitzender der „Orthodoxen Koscher-Zertifikationsbehörde" (Orthodox Union's Kosher Certification Agency). Der orthodoxe Rabbiner habe bereits einige Gespräche mit Produzenten von medizinischem Cannabis geführt, die selbst oder auch auf Wunsch der Kunden nach einem solchen Siegel verlangten. Aufgrund des klaren medizinischen Nutzens hat die jüdische Organisation, anders als bei E-Zigaretten und Tabak, keine Bedenken gegen die koschere Zertifizierung von Grasblüten.

Bei Gras, das zur Entspannung geraucht wird, sieht das ein wenig anders aus, selbst wenn es legal ist. Yaakov Meyer ist Rabbi in Denver und teilt die Einschätzung seiner Kollegen in Israel und New York: Wer „recreational" kiffe, tue dies, um Probleme zu verdrängen. Das sei nicht ganz koscher. Selbst wenn es mit der Halacha, dem rechtlichen Teils der Überlieferung des Judentums, vereinbar wäre, widerspräche es dem jüdischen Glaubensgrundsatz „Kedoshim Tehau" („Du bist heilig").

Zugegeben, ich bin trotz umfassender Recherche nicht so Tora-firm, als dass ich den Zusammenhang des Glaubensgrundsatzes und moderaten Cannabisgenuss genau verstehe. Aber solange ich mich nicht um den Verstand kiffe, muss ich das als Rationalist auch nicht.