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Flüchtlinge in Deutschland

Hoyerswerda, eine Stadt unter Generalverdacht

Rassistische Krawalle machten die sächsische Stadt Hoyerswerda zum Symbol für die Ausländerfeindlichkeit in den Neunzigern. Seitdem war nie wieder der Versuch gemacht worden, Asylbewerber dort unterzubringen—bis gestern.

von Björn Kietzmann
31 Januar 2014, 12:54pm

Mehr als zwei Jahrzehnte nach den rassistischen Krawallen, die die sächsische Stadt Hoyerswerda zum Symbol für die Ausländerfeindlichkeit der Bundesrepublik in der 90ern machte, wurde am Donnerstag ein neues Asylbewerberheim eröffnet. Wann die ungefähr 120 Flüchtlinge dort einziehen werden, ist noch nicht klar, trotzdem hat die Stadt gestern einen Tag der offenen Tür für die Anwohner veranstaltet.

1991 war ein rassistischer Mob tagelang durch die Stadt gezogen und hatte Asylbewerber- und Ausländerheime angegriffen, bis die völlig überforderte Polizei keinen Ausweg mehr sah, als die rund 230 Ausländer zu evakuieren. Seitdem war nie wieder der Versuch gemacht worden, Asylbewerber dort unterzubringen—bis jetzt. 

Dabei sind in der Kleinstadt immer noch Nazis aktiv. Im Oktober 2012 belagerte eine Horde Rechtsextremer die Wohnung eines Ehepaares, das auf Spaziergängen ihre Aufkleber abgekratzt hatte. Dabei bedrohten sie das Paar durch die Tür stundenlang mit Vergewaltigung und Mord, bis die Polizei den Mob verdrängen konnte. Auch diesmal wusste die Polizei keine bessere Lösung, als dem Paar den Wegzug zu empfehlen.

Trotzdem ist die Verwaltung zuversichtlich, dass Flüchtlinge in der Stadt nicht in Gefahr sind. „Die Brisanz Hoyerswerda war uns natürlich bekannt“, erklärt René Burk vom Ordnungsamt Bautzen. „Man sieht bundesweit, dass Angriffe auf Asylbewerberheime möglich sind. Wir haben baulich, menschlich und auch vom Sicherheitskonzept her soviel vorbereitet, dass, selbst wenn solche Probleme auftreten, hierauf reagiert werden kann.“ 

Auch Polizeipräsident Conny Stiehl ist zuversichtlich, dass die Flüchtlinge sicher sind. „Ich bin nicht so naiv zu sagen, dass hier an dem Heim nichts passieren kann“, erklärt der Beamte. „Aber wir sind polizeilich in der Lage zu reagieren, wenn entsprechende Erkenntnisse da sind.“ Natürlich würde man aufpassen. „Wir haben eine durchaus gewaltbereite rechte Szene—die große schwere Polizistenfüße auf ihren Füßen stehen hat.“

Beim Tag der offenen Tür gestern kam es jedoch zu keinen Störungen. Im Laufe des Tages besuchten mehrere hundert Bürger das neue Heim, begutachteten die Hochbetten und Heizkörper („noch kompletter Altbestand“, wie ein älterer Anwohner kritisierte) und erkundigten sich nach den Möglichkeiten zu spenden. Manche Besucher sahen das Heim eher kritisch: „Die sollten lieber auch mal Geld für uns Deutsche ausgeben und nicht immer nur für die Ausländer“, nörgelte ein Mann in der Warteschlange.

Hoyerswerda kämpft immer noch mit der Vergangenheit. Bei der Pressekonferenz kurz vor der Eröffnung bekräftigte der Dezernent des Landkreises, Geert Runge, die Stadt sei 1991 nicht Täter, sondern Opfer gewesen. Er sprach auch davon, Hoyerswerda sei von den Medien in „Geiselhaft“, die Anwohner „unter Generalverdacht“ genommen worden. Obwohl Zeugen damals berichteten, dass Anwohner die Angriffe der Rechtsextremen applaudiert hätten, ziehen es die meisten immer noch vor, „Zugereiste“ für die Auseinandersetzungen verantwortlich zu machen. 

Polizeipräsident Stiehl sieht das anders: „Es hatten sich Dynamiken entwickelt, in denen die Hoyerswerdaer Bevölkerung mit deutlichen Sympathien bis hin zum Mitmachen reagierte“, erklärt er. Aber auch: „Das Hoyerswerda von heute ist nicht mehr das Hoyerswerda von damals.“

Einem dazugetretenen Anwohner passte die Darstellung des Polizeipräsidenten gar nicht. „Hoyerswerda hatte damals 50.000 Einwohner, und versammelt waren doch nur wenige!“, ereiferte er sich. „Über tausend waren es damals schon“, gab Stiehl zurück. „Das ist eine große Zustimmung. Das ist so. Doch auch dafür gab es Ursachen. Diese Situation, dass heute 1000 Hoyerswerdaer Zuschauer oder meinetwegen auch nur 500 hier unten für den rechten Mob klatschen würden, die schließe ich aus.“

Am Donnerstag hat Hoyerswerda sozusagen eine zweite Chance bekommen. Die Behörden sind entschlossen, dass die Geschichte sich nicht wiederholen soll.

Polizeipräsident Conny Stiehl im Gespräch.
Björn Kietzmann

Der erste Bauabschnitt ist inzwischen fertig gestellt. Das restlichen Bauarbeiten sollen Ende Februar beendet sein.
Björn Kietzmann

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Aus Sorge vor Störungen durch Neonazis waren mehrere Sicherheitskräfte vor Ort, welche die Personen bereits am Eingang musterten.
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Die Basisausstattung für jeden neuen Bewohner: Zwei Teller, eine Pfanne, ein Topf, eine Tasse, ein Becher, 1 Handtuch, Besteck und ein Pfannenwender..
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