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Was keiner feiert: 25 Jahre Hasch im Osten

Bei den Feierlichkeiten blieb ein wichtiger Aspekt des Mauerfalls unerwähnt: Wie er den DDR-Bürgern auf einmal Zugang zu dem ganzen Zeug gab, das man im Westen schon seit Jahren rauchte.

von Michael Knodt
26 November 2014, 9:30am

In der DDR gab es vor der Wende so gut wie gar kein Hasch. Als westdeutscher Punk war ein Besuch bei gleichgesinnten Freunden in der DDR Mitte der 1980er Jahre deshalb in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Ich weiß noch, wie wir im Mai 1987 um sieben Uhr morgens mit einer Kiste Flensburger und einem Stück im Springerstriefel geschmuggelten Haschisch auf einer Party in einer besetzten Altbau-Wohnung standen und zur Begrüßung mal kurz einen bauen wollten.

Innerhalb von drei Minuten standen gefühlte 30 Leute um uns herum: Fragen wie „Is' das Press-Tabak?" „Spritzt man das nicht?" „Macht das obhängsch?" „Darf ich mitrauchen?" prasselten auf Jan und mich ein. Der Joint war sofort nach dem Anrauchen heiß geraucht und ungenießbar, alle waren ohnehin angesoffen und high wurde irgendwie keiner. Uns war schnell klar, dass wir den Rest der Pieces besser in aller Stille mit unseren beiden offiziellen Gastgebern genießen sollten, die uns die damals notwendige Einladung organisiert hatten.

Ein paar Tage später konnten wir mit unseren Freunden auf dem Völkerschlachtdenkmal meinen ersten deutsch-deutschen Joint endlich in Ruhe genießen. Ein Teil unserer Freunde aus der DDR haben sich dann bei unseren späteren Besuchen in den Folgejahren richtig auf ein paar mitgebrachte Tütchen gefreut, Kalle [nicht sein echter Name, Anm. d. Red.] hat dann im Garten seines Hauses sogar angefangen, Gras anzubauen, dessen Samen er aus VEB-Vogelfutter gesammelt hatte. Zur Ernte hat er dann die ganze Pflanze getrocknet, klein gemahlen und geraucht. Wir Westler meinten, das törnt nicht, Kalle war da anderer Meinung. Aber in der DDR gab es ja auch keine Punkerplatte.

Die Partei hatte recht—Drogen kommen aus dem Westen

Das änderte sich kurze Zeit später mit dem Mauerfall schnell und sehr drastisch. Mich hatte es kurz nach der Wende auch in den Osten der Stadt verschlagen, wo der Wohnungsmarkt eine freie Auswahl zum Nulltarif bot, solange man bereit war, auf gewohnte Standards zu verzichten. Egal ob alleine oder mit Gleichgesinnten, im Prenzlauer Berg, Mitte oder im Friedrichshain konnte man auf einmal wohnen, wie und wo man wollte. Innerhalb von ein paar Monaten gab es alleine meinem Viertel offiziell über 100 besetze Häuser, außerdem fast in jedem Haus meiner Straße leerstehende Wohnungen, in die man einfach einziehen konnte.

Ein wenig komisch war, dass es jetzt auf einmal auch im Osten Drogen gab. Weil die Volksdroge Alkohol in der DDR so billig war, waren Tauschgeschäfte an der Tagesordnung. Für ein Gramm Hasch bekam man vor der Währungsunion auf jeder Party im Ostteil der Stadt locker eine Flasche harten Alkohol. Gras gab es damals auch im Westen kaum, bis Mitte der 1990er Jahre das erste Indoor-Gras aus den Niederlanden auftauchte, rauchte Berlin fast ausschließlich Haschisch.

Drogenfahnder kannte der Osten ebenso wenig und so wurden in den ersten Jahren nach dem Mauerfall alle nur denkbaren Drogen fast offen verkauft. Haschisch gab es in fast jedem besetzten Haus. Wer was Härteres wollte, musste nicht lange suchen, um einen halbwegs kaputten Typen in einer halb verfallenen Hinterhofwohnung zu finden, der von seiner Matratze aus das komplette Sortiment vertickte.

Erste erwähnenswerte Razzien gab es erst nach zwei oder drei Jahren, die an der Verfügbarkeit von Haschisch & Co allerdings nichts änderten. Die Drogenpolitik war noch schlechter als heute und hat es damals versäumt, der spezielle Situation mit sachlicher Information oder gar der Möglichkeit von Drug-Checking oder Konsum akzeptierenden Beratungsangeboten zu begegnen. Zu DDR-Zeiten waren illegalisierte Substanzen kaum ein Thema, klassenloses und gesinnungs-unabhängiges Betäubungsmittel war der Alk.

Allerdings hatte die DDR zahlreiche Nutzhanffelder um Berlin herum unterhalten, die jetzt regelmäßig von Kiffern geplündert wurden. DDR-Nutzhanf hatte mit 1-2 Prozent einen höheren Wirkstoffgehalt als der heutige EU-Nutzhanf mit 0,3 Prozent. Der Ost-Hanf war bei richtiger Weiterbearbeitung durchaus brauch- und rauchbar. Das berühmteste dieser Hanffelder befand sich direkt neben dem Sportplatz in Buch und wurde von der Polizei nach zahlreichen, vergeblichen Anläufen zu Beginn des Jahrtausends endgültig platt gemacht.

Das Ganze hatte aber auch eine dunkle Seite. Besonders in den ersten Jahren nach der Wende habe ich Nachbarn und Freunde in meinem neuen Kiez scheitern sehen, weil ein paar „Ex-DDRler" nach den ersten Joints, Trips oder Nasen nicht einmal geahnt haben, dass Drogen auch gefährlich sein können, wenn man sie zu häufig oder zum falschen Zeitpunkt nimmt. Wenn Medien und Politik beider deutscher Staaten jahrelang Unsinn über Haschisch verbreiten, haben einige wohl gemeint, das Gefahrenpotential bunter Pillen oder Pulver sei mit dem relativ geringen von Cannabis vergleichbar.

Während in jeder westdeutschen Kleinstadt durchgeknallte Freaks auf Dauertrip und richtig fertige Junkies als mahnende Beispiele, es nicht zu übertreiben, herumliefen, hatte es so was im Osten natürlich viel seltener gegeben. Einige Ex-DDR-Bürger haben wegen der unregulierten Verfügbarkeit so vieler Drogen Anfang der 1990er Jahre dann komplett die Kontrolle verloren. Mein Nachbar hat damals über Monate hinweg jeden Tag einen Trip eingeworfen, bis er von seiner Freundin eingewiesen wurde. Eine Bekannte wurde orientierungslos von einem Dach gerettet, weil sie nach einem schlechten Trip monatelang durchgekifft hatte.

Trotzdem handelte es sich um Einzelfälle. Zusammen mit der „Ur-Bevölkerung" haben die vielen Hausbesetzer, Künstler, Punks und anderen bunten Hunde, die damals ihre alternative Subkultur inklusive Cannabis ins LSD-Viertel**, die Mainzer Straße, die Kastanienallee oder die Linienstraße brachten, diese Viertel zu eben jenen „Kreativ-Kiezen" gemacht, die das so oft beschworene, „neue" Berlin ausmachen.

In den mittlerweile gentrifizierten Szene-Bezirken im Zentrum der Stadt wird heutzutage mehr gekifft als im Rest der Republik, auch wenn es rund um den Boxhagener Platz oder am Helmholtzplatz viel seltener nach Gras als nach exotischen Imbissgerichten riecht. Ende der 1990er Jahre konnte man in fast jeder Kneipe im LSD-Viertel, der Mainzer Straße oder am Boxi noch problemlos einen Joint rauchen. 2014 sitzen und spielen überall Familien, denen man das Abbrennen dicker Tüten selbst an der frischen Luft kaum zumuten kann. Sagen die neuen Café-Betreiber und die Eltern, die abends heimlich auf dem Balkon kiffen.

**benannt nach Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße.

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