Vielleicht habt ihr mitgekriegt, dass Weißrussland zur Zeit im Chaos versinkt. Alexander Lukaschenko hat die Demokratie in diesem Land zu einer repressiven Diktatur gemacht und das Volk hat mit einer Reihe von harmlosen Protesten reagiert. Ein Freund von uns wurde vor ein paar Wochen bei einem Protest in Minsk verhaftet und hat zehn Tage im Gefängnis verbracht. Wir haben an dem Tag, an der er freigelassen wurde, mit ihm gesprochen. Offensichtlich wollte er nicht, dass sein Name abgedruckt wird.VICE: Hey, Mann. Also, du bist heute erst aus dem Gefängnis gekommen?ANON: Ja, ich wurde heute Morgen entlassen.Warum wurdest du festgenommen?Na ja, auf den zentralen Plätzen in Minsk findet eine Reihe von Protesten statt. Die Demonstranten haben keine Flaggen oder Poster - sie sind im Grunde genommen still und klatschen hin und wieder. Die ersten zwei Proteste liefen gut, aber dann hat die Polizei angefangen, Leute festzunehmen. Danach haben die Leute angefangen, sich auf anderen Plätzen in verschiedenen Vierteln in Minsk zu versammeln.
Letzte Woche bin ich auf eine Demo in meinem Viertel gegangen. Es waren ungefähr 200 Leute da und nur ein paar Polizisten. Sie waren in zivil und haben die ganze Sache gefilmt. Nach einer Weile haben sie sich einen Typen, der geklatscht hat, geschnappt und haben ihn in einen Lieferwagen ohne Nummernschild gebracht. Es hatte mehr was von Kidnapping als von Festnahme. Der Typ war mit seiner Mutter da, die angefangen hat, zu schreien und zu weinen, als sie ihn weggezerrt haben. Aber dann haben ein paar Leute echt angefangen, den Typen zu verteidigen.Sie haben sich gegen die Polizei behauptet?Ja. Na ja, für fünf Minuten vielleicht. Als die Leute gesehen haben, was da passiert, haben sie angefangen, zu klatschen. Dann hat die Polizei ein paar Leute in ihren Van geworfen. Sie haben so einen Typen auf einem Fahrrad festgenommen, der Fotos gemacht hat. Ich habe versucht, ihm zu helfen, indem ich einen Polizisten von hinten gepackt und ihn zu Boden gerissen habe. Und bevor ich mich versah, haben sie mich in den Van gezerrt.Was ist danach mit dir passiert?Sie sind mit uns ungefähr 200 Meter weit gefahren und dann haben sie mir befohlen, auszusteigen - da habe ich das erste Mal einen Polizisten in Uniform gesehen. Dann haben sie mich in einen größeren Bus mit vier Polizisten verlegt. Wir waren zu zwölft, inklusive der weinenden Mutter, ihrem Sohn und dem Typen auf dem Fahrrad.

Wir wurden auf's Revier gebracht. Sie ließen uns niemanden anrufen und sie waren besonders angepisst von mir, weil ich die Polizisten zu Boden geworfen habe. Sie haben mir ein paar Mal auf die Wange geklatscht und mir in den Bauch geboxt. Ein Polizist hat mich gefragt „Bist du ein Junkie?" und ich habe gesagt „Nein". Dann hat er gesagt „Aber ich glaube, dass du ein Junkie bist. Wir können jederzeit Heroin finden, weißt du? Wir können es bei dir oder in deiner Wohnung finden". Das hat mir sehr viel Angst eingeflößt, weil wir hier sehr strenge Drogengesetze haben.Haben sie dich gleich ins Gefängnis gesteckt?Na ja, sie haben 12 absolut identische Aussagen geschrieben und uns dann ins Akrestina-Gefängnis in Minsk geworfen. Es war nicht so schlimm, wie ich dachte, aber es war sehr heiß und alt und es waren ungefähr sieben Leute in einem kleinen Raum. Es gab nicht genug Betten und keine Fenster. Wir wurden am nächsten Tag vor Gericht gebracht. Es sollte eigentlich eine öffentliche Sitzung sein, aber meine Verhandlung fand in der Mittagspause statt, deshalb durfte keiner von meinen Freunden oder meiner Familie rein. Da waren nur ich, ein Polizist, der auf mich aufgepasst hat, die Richterin und ein Gerichtsschreiber. Es gab zwei geschriebene Anklagen von der Polizei. Die Richterin hat gefragt, was wirklich passiert ist und ich habe es ihr erzählt. Ich wurde zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt und es war in weniger als einer halben Stunde vorbei.
Hatte es den Anschein, dass es der Richterin leid tat, dass sie das tun muss?Nein. Wie nicht alle Nazis, die Juden verhaftet haben, sie auch gehasst haben - sie waren einfach Teil des Systems und haben getan, was ihnen gesagt wurde. Sie hat einfach ausgesehen, als würde sie Befehle ausführen. Sie hat gesagt, dass ich für zehn Tage ins Gefängnis muss und dann hat sie aufgesehen und gesagt „Oh mein Gott, jetzt hatte ich keine Mittagspause". Das war alles, was sie interessierte. Sie waren weder wütend auf uns, noch haben sie uns gehasst. Es war ihnen einfach völlig egal. Komischerweise bin ich eingesperrt worden, weil ich geflucht haben soll. Aber ich habe nur mit meinen Händen rumgefuchtelt.Besser, als wegen tätlichem Angriffs auf einen Polizisten eingesperrt zu werden. Wo bist du danach hingekommen?Sie haben uns ins Gefängnis gebracht. In den ersten fünf Tagen war ich mit fünf anderen Leuten in der Zelle. Für die restlichen fünf Tage haben sie mich in ein anderes Gefängnis gesteckt, wo zehn Leute in jeder winzigen Zelle waren. Glücklicherweise waren alle Demonstranten. Wir wurden nicht unter die anderen Insassen gemischt.
Was hast du drinnen gemacht?Wir haben Zeitungen gelesen und Kreuzworträtsel gemacht, aber ab einem Punkt fängst du einfach an, durchzudrehen. Ich meine, du kannst nichts machen, außer um einen Tisch rumlaufen.Haben die Wärter euch bedroht?Nicht wirklich. Die Leute, die da gearbeitet haben, waren okay.Also sind die Polizisten auf der Straße gewalttätig und alle anderen machen einfach ihre Arbeit?Ja. Als sie uns von Radin nach Minsk gebracht haben, hat einer der Zivilpolizisten mit uns gesprochen. Das sind die gleichen Leute, die die Demonstranten festnehmen. Sie dachten, wir demonstrieren für Geld. Sie waren sich absolut sicher, dass wir bezahlt werden. Sie wurden einer totalen Gehirnwäsche unterzogen.Waren es Weißrussen?Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Weißrussen waren.
Willst du aufgrund dieser Erfahrung aufgeben oder eher noch mehr protestieren?Wenn der Typ auf dem Revier nicht diese ganzen Dinge von wegen Heroin in meinem Haus finden gesagt hätte, dann würde ich noch mehr rebellieren, aber diese ganze Sache mit den Drogen macht mir Angst.Glaubst du, dass die Proteste was bringen?Meiner Meinung nach sind friedliche Proteste zwecklos. Sie schlagen uns einfach zusammen, sperren uns ein und lassen uns wieder raus. Dann protestieren wir wieder und dann schlagen sie uns wieder zusammen und sperren uns wieder ein. Ich glaube nicht, dass das funktioniert.Ich glaube nicht, dass die Leute in ihren Köpfen zum Kämpfen bereit sind. Sie sind dazu bereit, friedlich zu demonstrieren, aber sie sind nicht dazu bereit, zu kämpfen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unser Präsident nicht friedlich abtreten wird. Es ist die gleiche Geschichte wie bei Gaddafi und Libyen.
Wahrscheinlich haben die Weißrussen mehr zu verlieren, als die Libyer.Ja. Ich meine, noch verhungert hier keiner. Solange sie was zu essen haben, werden sie auch nicht protestieren. Vielleicht warten sie auch auf eine starke politische Persönlichkeit, die sie anführt. Vielleicht sehen sie auch keinen Sinn darin, nur rumzustehen und zu klatschen. Das Problem ist, dass alle starken politischen Persönlichkeiten entweder getötet oder eingesperrt werden. Es gibt niemanden, der sie anführen könnte.Glaubst du, dass dieses Jahr ein Anführer in Erscheinung tritt? Oder wird das länger dauern?Die Währung ist um 66% entwertet und es wird erwartet, dass der Rubel sogar noch mehr fällt. Manche Leute erwarten einen schweren Ausbruch von Protesten im Herbst. Ich bin mir da nicht so sicher.Vielen Dank. Viel Glück bei allem!
FOTOS: ANTON MOTOLKO
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