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Ein verzogener Bengel

Der Großenkel von J.P. Morgan zu sein, so meint vielleicht so mancher, ist vielleicht sogar besser als der Sohn Gottes zu sein (angenommen, er würde seine Macht besser einsetzen als dich am Kreuz sterben zu lassen).
11.1.11

Der Großenkel von J.P. Morgan zu sein, so meint vielleicht so mancher, ist vielleicht sogar besser als der Sohn Gottes zu sein (angenommen, er würde seine Macht besser einsetzen als dich am Kreuz sterben zu lassen). Obwohl, wenn Gott nicht existiert, dann wäre J.P. aufgrund seines Reichtums wohl definitiv vorzuziehen. Er war so reich, dass sich Amerika während des Krisenjahres 1907 sogar Geld von ihm leihen musste.

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Also, Morgan hatte ordentlich Cash und das ist interessant, denn Geld bedeutet bekanntlich Spaß, doch trotz allem oder gerade deswegen war der Spross der J.P. Familie, Harry Crosby, ein schwarzes Schaf. Er war aller Wahrscheinlichkeit nach einer der ersten verzogenen Bengel weltweit.

Wir sprechen hier von den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts und Harry Crosby besaß bereits zu dieser Zeit Tätowierungen auf seinen Fußsohlen und trug immer und zu jeder Zeit eine schwarze Nelke in seinem Rever. Dazu trank er und nahm Drogen wie ein Profi. Eine nette Randnotiz: Crosby besuchte Harvard und war in der Laufmannschaft der Universität. Eines Tages hatten sie ein recht wichtiges Rennen und Crosby erschien viel zu spät und ordentlich betrunken. Also fuhr er mit seinem Auto neben den anderen Läufern her und schrie sie an, dass sie gefälligst schneller zu rennen hätten und eh ein Haufen Pussys wären. Irgendwie gewann Harvard das Rennen an diesem Tag und während der Feierlichkeiten stellte sich Harry auf einen der Tische, hielt eine Rede über Vögel und die Helligkeit von Licht, übergab sich in das Blumen-Arrangement auf dem Tisch und kollabierte.

Nachdem er schließlich im Krieg kämpfte und dort wie jeder andere Soldat psychischen Schaden davon trug, widmete er sein Leben der Schriftstellerei, der Sonne (irgendwie dumm) und betrank sich 24 Stunden am Tag. Und da er für seine Familie so peinlich war, schickten sie ihn nach Frankreich, zu all diesen anderen „Künstlern“. Also verbrachte er seine Zeit in Paris mit Hemingway und all diesen anderen Typen, gründete eine kleine Druckerei und publizierte Joyce, Eliot, D.H. Lawrence und alle anderen, der dort mit ihm abhingen.

Ein langweiliger Hinweis für alle, die auf Literatur stehen: Harry publizierte einige der ersten Abschnitte von Ulysses, wobei der Drucksetzer jedoch einen Fehler machte, wodurch einige der Absätze nicht bündig waren und ein paar Sätze zu kurz (Drucken war damals offensichtlich noch eine ziemlich primitive Angelegenheit, dass so etwas so ein Problem darstellte). Harry sollte also Joyce nach einigen weiteren Sätzen fragen, um die Löcher auf den Seiten zu stopfen. Harry antwortete wahrscheinlich so etwas wie „Man kann nicht einfach Mister James Joyce darum bitten, ein paar weitere Sätze zu verfassen, weil du den Drucksatz versaut hast!“ In dieser Nacht ging also der Drucksetzer alleine zu Joyce, erklärte ihm das Problem und Joyce antwortete: „Sicher, hier“ und schrieb ihm, während sie noch im Hauseingang standen, eine weitere Seite.

Crosby, der selbst als gescheiterter Poet bekannt war, war, wie ich bereits erwähnte, ein Sonnenanbeter und deshalb ein Ziel des Spotts für Hemingway. Zudem liebte er es, ausschweifende Partys in seinem Domizil außerhalb von Paris zu schmeißen, die sich manchmal über Wochen erstreckten und zu denen er alle Schreiber und Künstler der Stadt einlud und sie mit Strömen aus Alkohol, Kokain, Opium (von Harry „das schwarze Idol“ genannt) bewirtete. Irgendwann liefen dann immer alle nackt umher und Harry rieb sich schließlich mit Hühnerblut ein, trug einen Sack Schlangen um seinen Nacken und ließ die Tiere in seinem Haus frei, wenn er dachte, dass die Party sich dem Ende zuneigen würde. Hört sich gut an? Ja, ich weiß! Ich liebe diesen Typen!

Harry Crosby war ein Held, aber ich glaube, dass er dabei irgendwann seinen Verstand verloren hat. Als er zurück nach New York kam, sollte er sich eigentlich mit J.P. Morgan treffen, ließ ihn aber für ein Fick-Date mit seiner Geliebten in einem verlassenen Haus sitzen. Sie betranken sich und brachten sich gegenseitig um. Er erschoss sie, zwei Stunden vergingen (über diese zwei Stunden denke ich ständig nach), dann erschoss er sich selbst. Eine wunderschöne Geschichte. Ezra Pound schrieb, dass Harrys Tod „ein Tod aus überbordendem Leben, eine Wahl des Selbstvertrauens und des Kosmos war.“ James Dickey nennt die Biographie Black Sun „die beste Biographie, die er jemals gelesen hat.“ Sie stammt aus der Feder von Geoffrey Wolff. Ich habe zudem gehört, dass Timothy Hutton die Filmrechte dazu besitzt und sie sich ständig verlängern lässt. Also ihr aufstrebenden Drehbuchschreiber dort draußen, wenn ihr nun Blut geleckt habt, dann denkt daran, dass ihr euch mit Timmy auseinandersetzen müsst. Aber kauft euch das Buch.