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Tschüss Bundeswehr

Manchmal frage ich mich, ob es auf dieser lieblosen Welt noch Idealisten gibt, die noch nicht vor ihren schlechten Vätern, Wirtschaftslehrern und Verwaltungsangestellten kapituliert haben, sondern sich weiterhin ihr sauberes Gewissen bewahren wollen
26.8.10

Manchmal frage ich mich, ob es auf dieser lieblosen Welt noch Idealisten gibt, die noch nicht vor ihren schlechten Vätern, Wirtschaftslehrern und Verwaltungsangestellten kapituliert haben, sondern sich weiterhin ihr sauberes Gewissen bewahren wollen. Nein, ich meine nicht die demonstrativen Segensbringer, die sich hintenrum dann doch die Knete in den Hintern schieben, sondern die, die vermeintlich so dämlich sind, dass sie vom eigenen Stolz abgesehen, keine Vorteile aus der Sache ziehen. Doch dann stieß ich auf Philipp Pereira, einen Veganer und Totalverweigerer bei der Bundeswehr. Er hat einfach Nein gesagt.Philipp hätte einfach etwas auf Verzögerungstaktik setzen und warten können, bis Guttenberg nun die Wehrpflicht aussetzt und das Argument "Wir sind für starke Streitkräfte, weil wir für starke Streitkräfte sind!" nicht mehr zählt. Man mag es als dumm bezeichnen, aber jetzt musste er sechs Wochen in den Arrest, weil ihm die Befehle seiner Vorgesetzten schnurzpiepe waren. Am zehnten August kam er raus, nun wartet er auf die harte Keule des Gesetzes. Wir haben ihn mal angerufen.

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Philipp Pereira

Vice: Was hast du als erstes gemacht, als du aus dem Arrest entlassen wurdest?
Philipp: Freunde haben mir einen netten Empfang bereitet, dann haben wir Filme gesehen.

Wäre das nicht auch einfacher gegangen, dass du nicht zum Bund musst?
Natürlich hätte ich auch den klassischen Weg gehen können, einen Verweigerungsantrag ausfüllen und Zivildienst machen. Doch das ist auch letztlich Kriegsdienst und eine Erfüllung der Wehrpflicht. Die Leute wollen, dass man im Kriegsfall hinter der Armee steht.

Du meinst, dass etwa jemand, der Zivildienst gemacht hat, einem verwundeten Soldaten helfen könnte, der danach wieder ins Feld zieht?
Ja, zum Beispiel.

Wie ist das gelaufen, du bist also einfach zur Kaserne gegangen, hast dich allem verweigert und wurdest eingesperrt?
Klar, da habe ich mich schon darauf eingestellt, dass ich eineinhalb bis zwei Monate in den Arrest komme. Da ist man vor allem ausgeliefert, also: Mir ging es ganz gut, aber es kann eben jederzeit jemand in deine Zelle kommen, durch den Spion sehen und so was, während man selber nicht rauskommt. Die meiste Zeit habe ich gelesen.

Hast du dir nicht mal überlegt, aufzuhören?
Wenn, dann hätte ich sagen müssen "OK, ich mach doch mit." Und das kam für mich nie in Frage.

War es dir eher persönlich wertvoll, dass du das tust, oder wolltest du die Gesellschaft auf etwas aufmerksam machen?
Naja, Protest ist immer eine Art der Demonstration. Und damit habe ich erreicht, dass sich einige Menschen damit beschäftigen. Viele wissen gar nicht, was "Totalverweigerung" ist und was es bedeutet.

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Wie geht es jetzt gerichtlich für dich weiter?
Mein Hauptmann hat Strafanzeige wegen Gehorsamsverweigerung gegen mich erstattet, die Staatsanwaltschaft Ravensburg bearbeitet den Fall.

Was erwartet dich?
Es gab ja schon einige Fälle von Totalverweigerung, aber die Urteile sind immer ganz unterschiedlich. Sozialstunden sind das harmloseste, dann gibt es noch 60-100 Tagessätze oder auch Haftstrafen, die dann aber ausgesetzt werden.

Zurzeit laufen in Deutschland Diskussionen zur Aussetzung des Wehrdienstes. Das heißt, niemand wäre mehr gezwungen, zur Bundeswehr zu gehen. Wie findest du das?
Ich finde, das wäre auf jeden Fall ein guter Schritt, da durch die Wehrpflicht eine Entmündigung des Einzelnen stattfindet. Das Problem wäre, dass es dann immer noch eine Armee gibt. Und in unserer westlichen Welt gibt es eben so gut wie keine kriegerischen Auseinandersetzungen.

Naja, manche Menschen sind nun mal böse. Was wäre deine Lösung, wie man einem Land hilft, in dem ein kriegerischer Konflikt herrscht? Und die Bevölkerung an sich wenig unternehmen kann…
Die Sache ist, dass Kriege grundsätzlich missbraucht werden. Viele Kriege sind Stellvertreterkriege wie etwa der in Afghanistan. Die haben einen amerikanischen Touch, es wird nichts für die dort lebenden Menschen getan. Den Afghanen geht es jetzt schlechter als vorher und der Westen hat Probleme, seine Streitkräfte da wieder rauszubekommen. Mit dem Argument der "Hilfe" müssten wir auch sofort in den Iran einmarschieren, aber das tun wir nicht. Die NATO verfolgt vor allem ihre eigenen Interessen, sei es nun wirtschaftlich oder machtpolitisch.

Wie kann man als westliche Nation deiner Meinung nach wirklich helfen?
Das müsste dann eher in Richtung Infrastruktur und zivilen Aufbau gehen.

Ich glaube, dass es den westlichen Regierungen, aber auch der Bevölkerung schwer zu verklickern ist, dass man keine Armeen mehr brauche. Und das, obwohl es doch letztlich auch für uns, die sehr weit vom Geschehen im Irak und Afghanistan entfernt sind, die Kriege dort offensichtlich vor allem negative Auswirkungen auf die Zustände haben. Woran liegt das wohl?
Das kann ich mir auch nicht wirklich erklären. Ich denke, es liegt an einer Art Wertkonservatismus und Patriotismus, in denen es wichtig ist, Stärke und Macht zu demonstrieren. Die meisten Menschen denken vor allem an die Wirtschaft und daran, die Welt in Stärkere und Schwächere einzuteilen.