Das Berliner Opfer des Kanada-Kannibalen

Der Späti-Angestellte Kadir Anlayisli hat den mutmaßlichen Mörder Luka Magnotta in seinem Vorzeige-Spätkauf gefasst und nun gleicht sein Leben einem Presse-Albtraum.

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05 Juni 2012, 2:00pm

Montagmorgen wurde in der Vorzeigestraße (Karl-Marx-Straße) eines Berliner Vorzeigeviertels für Integration (Neukölln) der mutmaßliche kanadische Mörder (die deutsche Presse nennt ihn schlicht Porno-Killer) Luka Magnotta in einem Vorzeige-Spätkauf gefasst. Das aber nur, weil der Späti-Angestellte Kadir Anlayisli Magnotta an seinen markanten Wangenknochen erkannt hatte.
Magnotta war am Montag im Internet-Späti aufgeschlagen, um seine eigenen Fahndungsfotos zu checken. „Monsieur, Internet?“, fragte er Kadir und schon saß er an PC Nr. 25. Kadir rief die Polizei, die ihn wohl nicht ganz ernst nahm, weil er sich sicher war, den in Frankreich vermuteten Magnotta gerade vor sich gehabt zu haben. Die Polizei schickte sicherheitshalber eine Streife vorbei und verhaftete den mutmaßlichen Mörder nach einer Personalkontrolle.

Bei Kadir steht seitdem das Handy nicht mehr still. „Woher die alle meine Nummer haben—ich habe keine Ahnung. Ich mach das jetzt nachts immer aus“, erzählt mir Kadir. „Mein Facebook-Account ist geblockt, ich habe Tausende Freundschaftsanfragen bekommen. Leute aus der ganzen Welt schreiben, ich bin ein ‚Hero’.“ Das alles berichtet mir Kadir fassungslos vor dem Späti, während der Typ von RTL News mich schon gierig fragt, ob ich gerade nur mit ihm rede oder ein Interview führe.
Dass ich überhaupt mit ihm reden und sogar Fotos machen darf, ist schon fast ein Wunder. „Hey du da, mit der Kamera, das kostet 150€, wenn du fotografieren und mit Kadir reden willst“, teilt mir eine Dame um die 50, auch Angestellte des Spätkaufs, mit. „Der Chef will das nicht mehr umsonst, wir haben extreme Umsatzeinbußen seit gestern.“ Kadir arbeitet auch gerade nicht, er ist einfach nur da, um Interviews zu geben. Das haben seine Chefs schnell verstanden.

Vor dem Spätkauf steht eine schwarze Mercedes-Limousine inklusive fünfköpfiger Entourage, die kontrolliert, wer mit Kadir reden darf und für wie viel. „Hey, gut gemacht, du bist mein Held!“, rufen ihm fremde Leute auf der Straße zu. Aber im Laden selbst ist nichts los.

Kadir wirkt entnervt von der ganzen Situation. Das Interview mit dem britischen Fernsehteam habe ich heimlich von einem der Internet-PCs aus belauscht. Viermal muss er das Gleiche erzählen. Er lacht eigentlich nur noch darüber. Das Geld steckt sein Chef ein. „Was there anything special about Magnotta?“, fragt ihn der britische Journalist. „Nein, nein, der kam einfach nur rein und wollte ins Internet. Dann habe ich halt gesehen, dass er Fahndungsfotos von dem Mörder anschaut und war mir sicher, das ist er selbst.“ Die Aufmerksamkeit, die er gerade bekommt, passt Kadir wenig. Ein alter Mann vor dem Späti meint noch: „Der Junge hat Glück. Der wird viel Geld kriegen. Heute Nachmittag kommt der kanadische Botschafter vorbei. Und er kriegt auch Kopfgeld.“ Ob das mit der Botschaft stimmt, kann mir keiner bestätigen. Von Kopfgeld weiß Kadir nichts. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, meint er, als ich ihn danach frage. Erst hat er mir seine Standardstory geliefert. Das, was wohl jeder bislang hören wollte. Aber als er merkte, dass mich das gar nicht so interessiert, brach es aus ihm heraus: „Ich erzähle hundertmal am Tag das Gleiche. Die fragen mich alle, ob ich ein Held bin oder mich so fühle; oder wie der Typ drauf war, ob der aggressiv war oder so. War er nicht. Und ich habe auch nur gemacht, was richtig ist.“

Auf jeden Fall waren alle schon da. „China war da, und die Japaner. BILD auch. Ich soll ins Frühstücksfernsehen nach Kanada. Ich kann gar nicht mehr arbeiten“, stellt Kadir lächelnd und kopfschüttelnd fest. Die Truppe von RTL Aktuell hat jetzt ihr Equipment fertig. „Kann ich dich interviewen? So von Kollege zu Kollege?“, fragt mich der RTL-Reporter. Erste Frage: „Ist Kadir ein Held für Sie?“
Und schon hat sie mich kalt erwischt, die Verkloeppelisierung der deutschen Medienlandschaft. Natürlich ist Kloeppel nicht alleine verantwortlich, aber er hat doch einen Großteil dazu beigetragen, den deutschen Fernsehjournalismus zu emotionalisieren. Ich hoffe, die bringen mein Gestottere heute Abend nicht. Die Frage warf mich völlig aus der Bahn. Vor allem, weil ich gerade mit Kadir selbst geredet hatte, der so gar keine Lust auf das alles zu haben scheint.
Der Trubel um ihn wird wohl noch ein paar Tage weitergehen und sich kurz vor dem Prozess gegen Magnotta wiederholen. Der Vorverurteilte Pornokiller sitzt derweil in einer Zelle des LKA. Na, hoffentlich hängt die Sau bald und Peter Kloeppel kann betroffen in die Kamera schielen.