Sex

Viererbeziehung: "Wir sollten die Liebe in der Gruppe zumindest ausprobieren"

Vier Menschen, ein Bett. Wer wann mit wem schläft, ist im Film 'Das Liebesversteck' vorgeschrieben wie in einem Putzplan. Wir haben mit der Regisseurin über die Liebe gesprochen.
08 November 2016, 9:20am
Foto: Szene aus 'Das Liebesversteck' | ShowBusiness Film Limited

Jeder mit jedem und manchmal alle zu viert | Foto: Szene aus 'Das Liebesversteck' | ShowBusiness Film Limited

Vier junge Londoner mit gebrochenen Herzen ziehen in ein entlegenes Landhaus. Enttäuscht von der konventionellen Liebe versuchen sie ein Experiment: eine Viererbeziehung mit streng geregeltem Liebesleben, in dem vorgeschrieben ist, wer wann mit wem schläft. Ein Zettel legt fest, welche Paarkonstellation das einzige große Schlafzimmer in dem Haus belegt.

Das ist der Plot von Das Liebesversteck—einem Film von Joanna Coates und ihrem Ehemann Daniel Metz, der kürzlich beim Berliner Pornfilmfestival gelaufen ist und seit Anfang 2016 auf DVD zu kaufen ist.

Einerseits ist es erfrischend, einen Liebesfilm zu sehen, der nicht die typische Boy-meets-Girl-Geschichte zum millionsten Mal wiederkäut. Aber ist das Prinzip "Jeder mit jedem" wirklich die Alternative? Ist man daran nicht schon in den 60ern gescheitert? Wir haben mit Joanna Coates gesprochen.

VICE: Die Scheidungsrate in Österreich liegt bei 42 Prozent. Unserer Generation wird nachgesagt, zu unverbindlich zu sein, zu viel Auswahl zu haben und zu viel von Beziehungen zu erwarten. Ist die Liebe noch zu retten?
Joanna: Wenn uns etwas rettet, dann ist es die Liebe. [Lacht] Liebe ist heute die größte Rebellion. Sie ist das Wichtigste, was uns zum Menschen macht. Und es bringt Leute immer noch zum Ausrasten, wenn man in der Liebe etwas Neues versucht.

Ist das Experiment in deinem Film wirklich revolutionär? Deine Protagonisten tun im Prinzip nichts anderes als die Leute in der Kommune 1 Ende der 60er.
Ja und nein. Ich bewundere die naive Offenheit der 68er, mit der Liebe zu experimentieren. Aber was kaum einer heute weiß: Damals gab es viel Sexismus. Die Frauen in den Kommunen haben zum Beispiel die meiste Hausarbeit gemacht. Ich glaube, den meisten Spaß hatten dort die weißen Männer.

Schwarze, Schwule, Bi- und Transsexuelle hatten es in den 60ern nicht gerade einfach. Unsere Gesellschaft ist heute in vielen Belangen weiter. Aber nur weil die Hippies gescheitert sind, heißt es nicht, dass es uns genauso gehen wird. Und wenn wir scheitern, ist es auch nicht schlimm. Allein dadurch, dass man Dinge versucht, lernt man dazu.

Das ist Joanna | Foto: Anna Maguire

Manchmal frage ich mich, warum in unserer fortschrittsgläubigen Gesellschaft alle paar Monate ein neues Telefon rauskommt, aber wir so langsam sind, unsere Vorstellungen von der Liebe infrage zu stellen.
Ich denke schon, dass die Liebe dem Zeitgeist folgt. Aber irgendwann sind wir stecken geblieben. Wir haben uns auf dieses Bild der Liebe als Zweiergespann versteift, als eine selbstgenügsame kapitalistische Einheit.

Aber die Menschen hatten nicht immer Zweierbeziehungen, in denen alle Bedürfnisse und Sehnsüchte auf einen einzigen Menschen projiziert wurden. Ich glaube, als wir noch in Großfamilien oder Gruppen gelebt haben, waren wir weniger einsam, vor allem Frauen hatten mehr Unterstützung von anderen Frauen.

Foto: Szene aus 'Das Liebesversteck' | ShowBusiness Film Limited

Die vier jungen Menschen in deinem Film wollen aus der engen Gesellschaft ausbrechen—und landen in einer Beziehung, in der das Liebesleben so penibel geregelt ist wie in einem Putzplan. Überhaupt ist ihr Leben sehr brav. Sie leben auf dem Land, lesen, kochen, spielen Theater. Sie trinken ja nicht einmal Alkohol.
Das scheint paradox. Aber es ist oft so, dass man erstmal eine Struktur braucht, um frei zu sein—sonst ist man mit der Freiheit überfordert. Die Protagonisten suchen keine Anarchie. Sie wollen eine Alternative zu einem System, das für sie nicht funktioniert. Und uns war es wichtig, dass die Protagonisten nüchtern blieben. Hinter Drogen und Alkohol kann man sich verstecken, nach dem Motto: Das war nicht ich, das war der Rausch. Aber meine Filme sind nicht immer so unschuldig. Der nächste spielt in einer Großstadt und dreht sich um Rausch und Geld.

Denkst du, die Viererutopie könnte wirklich funktionieren?
Vielleicht eine Zeit lang. Es geht nicht darum, etwas zu finden, das dauert, "bis dass der Tod uns scheidet". Sondern darum, dein Leben zu leben, während es passiert. Keine Generation zuvor wird länger leben als wir. Also können wir zumindest einen kleinen Teil davon damit verbringen, etwas auszuprobieren.

Foto: Szene aus 'Das Liebesversteck' | ShowBusiness Film Limited

Du selbst bist mit einem der Darsteller verheiratet. Setzt ihr die Ideen des Filmes auch privat um?
Wir haben nicht direkt eine offene Ehe, aber wir sind aufgeschlossen. [Lacht] Einen Teil der Utopie haben wir aber tatsächlich umgesetzt. Vor zwei Jahren haben wir die Großstadt verlassen und sind in ein Häuschen aufs Land gezogen, zwei Stunden von London entfernt. Wir fühlen uns tatsächlich ein bisschen wie Aussteiger. Aber am Wochenende kommen Freunde vorbei und manchmal passieren verrückte Sachen.

Einerseits wird gerade mehr als je zuvor über alternative Beziehungen geschrieben und gesprochen. Anderseits gibt es eine Fülle von Artikeln, die beklagen, dass die Liebe früher einfacher, verbindlicher war. Die Autoren sehnen sich sich nach der Liebe, wie sie zur Zeiten unserer Großeltern war: zwei Menschen für immer und ewig, egal, was kommt.
Ich denke, wir haben weniger Sicherheit als die vergangenen Generationen. Die Menschen haben Angst davor zu scheitern und suchen Zuflucht bei ihrem Partner. Viele sind verunsichert und brauchen etwas, an das sie glauben können.

Meist du damit, dass Liebe unsere Ersatzreligion geworden ist?
Ja. Die Welt ist gerade nicht so, wie die meisten sie gern hätten. Also gibt es zu viel Druck, dass der Partner deine ganze Welt ist. Und das verzerrt, was Liebe sein sollte. Wenn man dann den Partner verliert, verlierst du alles. Und die Angst davor macht uns verrückt und lässt uns aneinander klammern.