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Sex

Der VICE Wrong Boner Blog

Hosenzelte, die eigentlich nicht sein sollten - mit ägyptischem Präsidenten-Special!
20.6.12

Ägypten hat gewählt und das Ergebnis ist für die Revolution vom Tahrir-Platz und den arabischen Frühling in etwa dasselbe wie Sarah Jessica Parker für meine Libido. Das mag manchen schon fast zu politisch klingen für einen Blog über Boner und sexuelle Devianzen, aber erstens ist es die Wahrheit (für die wir bei VICE auch schon mal in Sachen Quote zurückstecken), zweitens habe ich zur Auflockerung extra Sarah Jessica "Foot Face" Parker eingebaut (also fuck you) und drittens sind die aktuellen Machtkämpfe derart vom politischen Hin-und-her-Geschlackere der beiden selbsternannten "Wahlsieger" beziehungsweise den Beschneidungen des zukünftigen Präsidenten durch den Militärrat gekennzeichnet, dass man dabei ganz wie von selbst an Penisse der unschönsten Art denken muss.

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Vor einiger Zeit habe ich anlässlich eines anderen Wrong Boner Beitrags über den Reiz von Krücken am Behindi-Theater schon mal über Ägypten geschrieben und damals noch leicht nostalgisch auf die Urlaubs-Diktatur meiner Kindheitserinnerung zurückgeblickt. Hier ein Auszug (und hier der Link zum gesamten Beitrag):

"Nennt mich komisch (wehe – I kill you!), aber immer, wenn ich Videos mit Krücken drin sehe, denke ich zuallererst an Ägypten. Und ich rede nicht von dem turbulenten, aufgewühlten Ägypten der Post-Tahrir-Platz-Gegenwart, sondern dem diktatorisch geschlossenen, aber populistisch/touristisch perfekt erschlossenen Ägypten meiner Jugend, als jedem noch scheißegal war, wer dieser Mubarak bitteschön sein sollte, der einen mit seinem Muränengesicht von den Fotos jeder Hotel-Lobby anstarrte und als es noch normal war, dass Sicherheitsbeamten dreizehnjährige Europäer mit ihren Maschinengewehren ins Visier nahmen, während einheimische Jugendliche gleich geschlagen und in die stinkenden Gassen zu den Tierkadavern geworfen wurden.

Ja, Ägypten war ein glückseliger Ort für Familien, mittelschichtig, aber erstklassig, und voll von erhabenen Momenten für die Fotoshow zuhause, mit der man den Bekannten, die man eigentlich nicht mochte, den Neid in die Augäpfel treiben konnte, weil sie es wieder mal nur nach Jesolo oder nach Kroatien geschafft hatten. Abgesehen davon war es auch der Ort, wo ich mit dreizehn meine ostdeutsche Liebe fand und mit ihr tagelang nur im Hotelbett herumfingerte. Das ist jetzt weltpolitisch nicht sonderlich gut vertretbar und auch nicht besonders investigativ-journalistisch, aber ich war damals dreizehn, verdammt, und zumindest war es geil."

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BACKGROUND

Jawohl. Dass ich damals zufällig auch eine gebrochene Hüfte hatte und mit Krücken rund um den Pool humpeln musste, tut eigentlich nichts zur Sache, erklärt aber, warum ich beim Anblick von leicht debilen Kunstprojekten sofort meinen Behindi-Boner ausfahre und bei der bloßen Erwähnung von Ägypten im Übrigen sowohl geistig als auch körperlich sofort völlig handlungsunfähig werde. Merkwürdigerweise geht es mir also aufgrund eines Traumas, das bereits Jahrzehnte zurückliegt, in Bezug auf Ägypten genauso wie der UNO, der Wahlkommission und den internationalen Medien.

Die einzige Art, wie ich mir schließlich doch zu helfen wusste, war mit ein bisschen guter alter "semiotischer Guerilla", wie Umberto Eco das nennt – und zwar, indem ich ein offizielles Bild von "Präsidentschaftswahlsieger Nummer 1" Muhammed Mursi hernahm, das die Jugendabteilung seiner Partei kürzlich veröffentlicht hatte, und inspiriert von Facebook-Kommentaren (der inneren Stimme meiner Tagesstunden) damit anfing, mein Gesicht an die Stelle des seinen zu setzen.

Das Ergebnis ist diese Visitenkarte im style égyptien, die mit Sicherheit der Renner auf jeder Hipster-Cocktailparty wird und unser soziales Gewissen mit Lachsalven entlastet, während in Ägypten vielleicht schon wieder aus ganz anderen Röhren geschossen wird. Oder auch nicht. Am Ende des Tages ist unsere Sandkasten-Rebellion vielleicht doch so wenig befriedigend und die Revolution befreiend war. Danke trotzdem an Kollege Oliver für dieses Abfallprodukt des Propagandafeldzugs der Muslimbruderschaft.

BONER

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Die Sprachlosigkeit bleibt also und mit ihr das Gefühl, als würde einem das Weltgeschehen mit seinen wütenden Wurstfingern im Mund herumfummeln und einem laufend ein paar Bissen Pesto füttern, aber gleichzeitig auch das letzte Bisschen Würde nehmen. Ich weiß nicht, ob es nur Zufall ist oder doch so was wie Synchronizität, aber als ich dieses Bild so vor Augen hatte, fiel mir plötzlich auch wieder eine Fotoserie ein, die genau dasselbe in zahllosen Variationen zeigte. Das Projekt von Diego Agullo und Agata Siniarska hat zwar nichts mit Ägypten zu tun, aber das haben Krücken an sich genauso wenig und trotzdem beschert mir beides eine eskapistische Erektion par excellence, die neben der Weltflucht auch ein Denkmal für den Optimismus setzen soll.

Mit Mursi so gut wie im Amt und Mubarak so gut wie im Sterben bleibt einem auch gar nicht viel anderes übrig, als der Ohnmacht einen gewissen Reiz abzugewinnen. Hier ein kurzer unbewegter Auszug. Klickt einfach auf die Bilder, um zur gesamten GIF-Galerie zu gelangen.

Den Hinweis auf diese Fotoreihe erhielt ich, nachdem ich den allerersten Wrong Boner Beitrag veröffentlicht hatte, weshalb diese erste von zahllosen Zusendungen (sprich: drei) immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird. Hiermit ergeht das zweite Danke des Tages an Philipp S., dessen Empfehlung mir dabei hilft, die ägyptische Realität durch die Boner-Brille zu sehen und damit so einiges erträglicher machte. Vor allem, weil die einzige Alternative zur Ohnmacht der Machtmissbrauch zu sein scheint – und auch, wenn der Grat zwischen den beiden genauso schmal ist wie der zwischen Muslimbruder Mursi und Mubarak-Spezi Schafik, sind mir Bilder zu ersterem ehrlich gesagt lieber. Mahalo!