Der Krieg ist die Hölle, aber Heroinabhängigkeit ist schlimmer

Heroin-Konsum ist in Afghanistan mehr als nur weit verbreitet. Die Wirtschaft des Landes hängt davon ab und die Taliban finanzieren sich durch die Droge. Neben all den Opfern, trifft es jedoch die Abhängigen am härtesten. Wir waren mit Drogenabhängigen...

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Juli 26 2013, 7:46am

Das afghanische Drogenproblem in Zahlen

Afghanistans Drogengeschichte beginnt mit einer Binsenweisheit: das Land ist der größte Produzent von Opium (welches aus Schlafmohn gewonnen wird), dem Ausgangsmaterial von Heroin.

Und hier eine weniger bekannte Tatsache: die Afghanische Bevölkerung ist mittlerweile führender Konsument ihrer eigenen Droge. Eine geschätzte Million Menschen—acht Prozent der Gesamtbevölkerung—sind laut einer Umfrage der UN abhängig.

Experten glauben, dieses gigantische Drogenproblem ist eine größere Langzeitbedrohung für die Stabilität des Landes, als der Krieg. 

Basierend auf den jährlichen Umfragen zum Thema Opium der UN von 2009 bis 2012 ist hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Daten der afghanischen Drogenstatistik:

-—Die UN macht drei Probleme für das Drogenproblem verantwortlich: jahrzehntelange Kriegstraumata, unbegrenzter Zugang zu billigen Betäubungsmitteln und nur begrenzt Zugang zu Therapiemöglichkeiten.

 Mindestens eine Million Afghanen sind drogenabhängig, wobei noch mehr wahrscheinlicher sind, da Frauen und Kinder in der Umfrage nicht erfasst wurden.

 Es gibt 350.000 Heroin- und Opiumabhängige; ein Anstieg von 75 Prozent seit 2005.

 50 Prozent der afghanischen Eltern, die Opium nutzen, geben ihren Kindern ebenfalls die Droge.

 Zwischen 12 und 41 Prozent der afghanischen Polizeirekruten werden positiv auf Drogen getestet.

 Fast 900 Tonnen Opium und 375 Tonnen Heroin werden jedes Jahr aus Afghanistan geschleust.

 Kriminelle und terroristische Organisationen verdienen enorm viel Geld mit dem Opium/Heroin Handel. 

 Ironischerweise ist die Anzahl von Menschen, die an einer Überdosis Heroin sterben, größer als die Anzahl der Soldaten die zu Kriegszeiten in Afghanistan getötet wurden.

 Die Produktion von Opium aus Schlafmohn stieg seit 2012 um 18 Prozent; trotz der Anstrengung der Regierung, Felder zu vernichten.

 Korruption in der Regierung spielt eine große Rolle dabei, dass der Opiumhandel weiterhin floriert. Auch die Taliban verdienen daran, indem sie den Opiumanbau besteuern.

 Laut UN haben die Taliban durch die Mohnernte 2011 um die 700 Millionen US-Dollar (529 Millionen Euro) eingenommen haben

 Schlafmohn gedeiht auch auf schlechtem Boden. So können afghanische Bauern bis zu 10.000 US-Dollar (7.500 Euro) pro Jahr pro Hektar Rohopium verdienen—im Gegensatz zu den 120 US-Dollar (90 Euro), die Weizen einbringen würden.

 Heroin wird von vielen Experten im Gesundheitswesen als die tödlichste Droge der Welt betrachtet. Sie setzt weltweit einen Marktwert von 65 Milliarden US-Dollar (50 Milliarden Euro) um; 15 Millionen Menschen sind abhängig von ihr und es gibt 100.000 Todesfälle, die auf Heroin zurückzuführen sind. Zusätzlich trägt Heroin enorm zur Verbreitung von HIV bei.

Unter der Brücke in West Kabul

In West-Kabul gibt es eine Brücke namens Pul-sokhta unter der sich Hunderte afghanischer Drogensüchtige treffen und gemeinsam Heroin spritzen, es rauchen, kaufen und verkaufen—oder einfach wegzunicken, nachdem sie konsumiert haben. Ungeklärtes Abwasser fließt offen unter der Brücke und so gut wie jeder Zentimeter des Bodens ist mit Müll bedeckt.

Die Süchtigen unter der Brücke rauchen das Heroin oder spritzen es sich in die Venen. Ein 23-jähriger namens Hasibullah erzählt uns, dass sie das Heroin auf Folien legen—manchmal aus Zigarettenschachteln—und erhitzen. Sie saugen den Rauch dann mit den Trinkhalmen von Saftpäckchen auf.

Dieser Typ, der sich selbst Shir Shaw nennt, sagt uns, dass er seit einem Jahr Heroin unter der Brücke nimmt. Er fing damit an, Haschisch zu rauchen als er in der afghanischen Armee war. Das Heroin kam später. Er stiehlt, bettelt, oder arbeitet für Taxifahrer, indem er ihnen hilft, genügend Gäste für ihr Taxi zu sammeln (Afghanen teilen sich oft Taxis), und verdient so ein paar Dollar am Tag—von denen er dann üblicherweise vier Ampullen Heroin kauft.

Seine Tage verbringt er mit dem Spritzen, seine Nächte mit dem Besorgen von Geld, sagt er.

Hasibullah: „Das hier unten ist die Hölle. Wir schlafen in Schmutz und Scheiße. Jeder streitet die ganze Zeit, aber sobald sie sich das Heroin injizieren, schlafen sie ein. Wenn jemand stirbt, kommt die Regierung, sammelt die Leiche ein und verwahrt sie für die Familie. Es gibt hier unten Assistenzärzte, Hochschulabsolventen, Soldaten—sie haben Familienprobleme, haben Leute im Krieg verloren, finanzielle Probleme oder zu viel Geld und nachdem sie nur etwas Spaß wollten, können sie jetzt nicht mehr aufhören.“

Neben dem Pfad unter der Pul-sokhta-Brücke fließt das Abwasser und überall liegt Müll. Viele betrachten die Leute die ihm folgen, bereits als tot.

Kevin Sites ist einer der Journalisten, die am besten in den Wirren des Krieges gedeihen. Als Yahoos! erster Kriegsberichterstatter zwischen 2005 und 2006 wurde er in diesem Jahr berühmt, nachdem er über mehrere größere Konflikte berichtet hatte. Er ist bekannt für seine multimedialen, selbstständigen Ein-Mann-Reportagen, die die „Backpacker-Bewegung“ einleiteten. Kevin reist momentan durch Afghanistan und berichtet über das chaotische Land und die Kämpfe, während sich internationale Kräfte, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten, allmählich zurückziehen.

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