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Popkultur

Die Essenz des Internets in 30 Sekunden

In einem der besten Werbespots der letzten Jahre zeigt Kim Kardashian, warum sie die Social-Media-Göttin unserer Generation ist. Die Erklärung eines Phänomens.
28.1.15
Screenshot: YouTube

Eine Sache vorweg: Ihr braucht gar nicht so tun, als würdet ihr Kim Kardashian nicht kennen. Sie ist steinreich, mindestens einmal die Woche auf jeder Boulevardseite, hat mit Kanye West einen selbsternannten Gott geheiratet und gehört in schöner Regelmäßigkeit zu den meistgegoogelten Frauen der Welt. Ich meine, was machen wir uns vor? Sie bringt im Mai ein gottverdammtes Selfie-Buch auf den Markt, das nichts anderes enthält als Handyfotos und auch das wird wahrscheinlich ein wahnsinniger Erfolg werden. Ich beneide sie so sehr, dass mein Hass, der normalerweise für Menschen reserviert ist, deren Leben ich gerne führen möchte, schon wieder in fanatische Liebe umgeschlagen ist.

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„Break the Internet—Kim Kardashian" stand kürzlich auf dem Cover des Paper-Magazins. Direkt unter der prallen Rückansicht der nackten und eingeölten Kim. Falls jemand vergessen haben sollte, dass Kanyes Angetraute nicht nur für ihre Instagram-Followerzahlen, sondern auch ihr riesiges Hinterteil berühmt ist. In einem neuen Werbespot für T-Mobile drängt sich aber eine ganz andere Schlussfolgerung auf. Kim Kardashian legt das Internet nicht lahm, sie IST das Internet.

Das Schönste an #KimsDataStash ist allerdings nicht Kims Arsch, sondern die Tatsache, dass es wahrscheinlich nie zuvor einen zielgruppenoptimierteren Werbeclip für Selfie-süchtige Teenager mit Datenflatrate gegeben hat. Kim Kardashian, die Frau, der man durchaus vorwerfen kann, sich durch diverse Beauty-OPs sukzessive zum stetigen Selfie-Face umoperiert zu haben, macht das, was sie am besten kann: Fotos von sich selbst. Das Datenvolumen muss schließlich aufgebraucht werden und wieso sollte man Fotos von überhaupt irgendetwas anderem machen als sich selbst. Gerade dann, wenn man in Klamotten, Umgebung und Gesicht so wahnsinnig viel Geld investiert hat.

Das ist lustig, weil es so selbstironisch ist. Es ist gut, weil es T-Mobile von der immer etwas piefigen „glückliche Familien surfen auf der heimischen Couch alle zusammen an einem Laptop"-Werbeeinstellung befreit. Und die Leute da draußen können sich wieder darüber aufregen, dass die scheinbar talentlose 34-Jährige erneut der gefühlte Mittelpunkt der Welt ist. Win-Win für alle. Kein Wunder, dass das Video zwei Tage nach seiner Veröffentlichung bereits 3,2 Millionen Views auf YouTube hat.

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Im Allgemeinen sollte uns der Erfolg der Kardashians, allen voran Kim, nicht überraschen. In einer Gesellschaft, die sich ihre Informationen zu großen Teilen aus dem Netz holt, sich über das Leben ihrer Freunde auf Facebook informiert und sich im Fitnessstudio, bei irgendeiner alkoholschwangeren Party oder sei es nur nach dem erfolgreichen Binden eines Pferdeschwanzes die Handykamera ins Gesicht hält—wer soll denn da aktueller, spannender, relevanter sein als eine Person, die die digitale Selbstverliebtheit erst so richtig massentauglich gemacht hat? Kim Kardashian ist alles, was wir sein möchten, und dadurch erfolgreich, dass sie das fleischgewordene Fantasieleben verkörpert, das wir unseren Followern und Freunden auf Facebook, Twitter und Instagram präsentieren.

Allein ihre Reality-Show Keeping Up With The Kardashians ist ein Paradebeispiel für das, was das Internet aus uns gemacht hat. Es passiert in aller Regel nichts, absolut gar nichts, und diese absolute Absenz von Inhalt oder Tiefe wird dadurch kompensiert, dass Leute sich anschreien, das Make-up immer perfekt ist und die Protagonisten so oft sagen, dass ihr Leben relevant und wichtig ist, dass man es irgendwann selbst glaubt. Die schnellen, dramatischen Kameraschnitte sind Twitter, die makellosen, zum Teil totoperierten Gesichter eine Real-Life-Version von Instagram und wenn dann die komplette Familie zusammengepfercht in einem Raum sitzt und aneinander vorbeispricht, ist es unmöglich, nicht an einen dieser endlosen Facebook-Gruppenchats zu denken.

Kim ist der geborene Narzisst. Nach außen hin ein perfektes Ideal mit nahezu übernatürlichen Gesichtszügen und einem Körper, der nicht zu Unrecht immer wieder die Frage nach Arsch-Implantaten aufwirft. Dahinter scheint nichts zu sein. Vielleicht liest sie in ihrer Multimillionen-Dollar-Villa Nietzsche, während sie ihrer Tochter North die Brust gibt. Vielleicht hat sie mit ihrem Stiefvater Bruce Jenner ernste und tiefsinnige Gespräche geführt, während sich die Öffentlichkeit über seine Entscheidung, als Frau zu leben, das Maul zerrissen hat. Wir werden es niemals herausfinden, wenn es nicht Teil ihres Vermarktungskonzepts ist. Die 34-Jährige präsentiert sich als leere Hülle, die verstanden hat, wie die Medien funktionieren.

Diese stolz präsentierte Oberflächlichkeit unterscheidet sie nicht von einem von uns, die auf Twitter abstruse Situationen erfinden, um mehr Retweets abzustauben, auf Facebook #JeSuisCharlie posten, um sich anschließend wieder ihrem Gossip Girl-Marathon zu widmen, oder 50 Selfies am Tag machen, um das Beste davon durch diverse Instagram-Filter zu jagen. Alles mit dem richtigen Hashtag, versteht sich. Kim Kardashian ist so ein Phänomen, weil sie alles, was sich an Internet und Social Media kritisieren lässt, in eine Erfolgsformel verwandelt hat. Und zumindest das muss man ihr als Leistung anerkennen.

Lisa liebt Selfies, oberflächliche Social-Media-Diskussionen und möchte irgendwann so viele Follower wie Kim Kardashian haben. Deswegen: Folgt ihr bei Twitter.