In diesem Kärntner Ort ist wieder einmal die Mutter Gottes erschienen
Alle Fotos: Adrian Herk

In diesem Kärntner Ort ist wieder einmal die Mutter Gottes erschienen

Marienerscheinungen sind selbst der katholischen Kirche nicht ganz geheuer. Zweimal im Jahr kommt ein selbsternannter „Seher" nach Kärnten und hunderte Pilger erwarten sich ein Wunder.
30.10.15

Es ist ein Herbsttag wie aus einer Stock Photo Gallery—die bunten Blätter, das strahlend-goldene Sonnenlicht, der wolkenlose Himmel, der höchstens von ein paar vermeintlichen Chemtrails durchkreuzt wird. Es muss das perfekte Wetter für eine Marienerscheinung sein.

Mit der Regelmäßigkeit eines tourenden italienischen Schlagersängers besucht ein selbsternannter „Seher" namens Salvatore Caputa schon seit 2010 den Ort Bad Sankt Leonhard in Kärnten, wo ihm dann am Himmel über dem Lavanttal die Heilige Mutter Maria erscheint und göttliche Botschaften zuflüstert—das Ganze immer pünktlich im April und Oktober und nachmittags gegen 16:30 Uhr.

Der 71-jährige Ex-Carabinieri hatte seine erste Marienerscheinung angeblich Ende der 80er Jahre und nach seiner Pensionierung immer öfters solche Visionen, was ihn veranlasste, in seinem Wohnort im norditalienischen Mantova ein wahres Erscheinungszentrum zu errichten. In einem Interview hat Caputa mal erklärt, dass Maria wie eine 25- bis 30-jährige Frau mit kastanienfarbenen Haar und blauen „fluoreszierenden Augen" aussehe.

Überall aus Österreich, aber auch aus Italien, sind diesmal wieder extra ganze Busse angereist. Und die Pilger erwarten sich eine ganze Reihe an Wundern. Neben der Marienerscheinung soll der Seher mit einer individuellen Segnung nämlich auch diverse Gebrechen heilen können.

„Nach der Segnung hörte ich auf dem linken Ohr schlagartig wieder normal und auch mein Tinnitus war in der Folge verschwunden", schreibt zum Beispiel Inge S. im Gästebuch der offiziellen Homepage. Eine andere Userin berichtet von der „inneren Heilung" ihres Sohnes, der „mit 24 Jahren endlich erstmals zu arbeiten begann." Zudem soll sich bei den Erscheinungsfeiern ein wundersamer Rosenduft über den Gläubigen verbreiten.

Einige hundert Personen versammeln sich vor der Burgruine auf dem Schlossberg des Ortes. Zur Unterhaltung trällert Jungschar-Livemusik, dazwischen wird eifrig immer wieder auf Knien gebetet. Die Menschen sind freundlich und je mehr sie merken, wie wenig Ahnung ich von der ganzen Materie hab, desto enthusiastischer und ausführlicher wollen sie mir alles erklären.

Eine Frau am Eingangstor schwärmt davon, dass abgesehen von den Marienerscheinungen auch die Wiederkehr von Jesus kurz bevor stehe. „Vielleicht noch heuer, spätestens aber im nächsten Frühjahr." Sieben Tage lang werde er dann vom Himmel leuchten. Als ich mich im Nachhinein über diese Wiederkehr-Theorie informiere, komme ich eigentlich nur zu dem Schluss, dass in der Bibel das Szenario eigentlich der Apokalypse gleichkommen würde. Die Frau beim Eingang scheint sich jedenfalls zu freuen.

Ein Herr aus Oberösterreich kramt aus seinem Rucksack ein gerahmtes Foto hervor, dass er bei der Erscheinung 2012 geknipst hat. Es zeigt ein paar Wolken und die dahinter scheinende Sonne, er sieht darin jedoch weit mehr. „Da, die Stelle", deutet er auf einen bestimmten Punkt, „das hat erst am nächsten Tag so ausgesehen." Es ist ein kleiner, schattig-gräulicher Fleck, in dem er die Mutter Gottes erkennt.

Ein paar Meter weiter verteilt eine Frau Flyer. Auch ihre Schilderungen gehen rasch in Richtung Endzeit. „Der Antichrist ist bereits unter uns", meint sie, „er kam 1962 in den USA auf die Welt". Solange er aber dort bleibe und nicht als Machthaber in den „Krieg um Israel" eingreife seien wir einigermaßen sicher.

Irgendwann verstummt die Bibel-Band, Stille kehrt ein und es scheint loszugehen. Im abgesperrten, nur für Kinder, Jugendliche und Seher zugelassenen Bereich in der Mitte des Platzes, hat sich Caputa schon mit dem Rosenkranz in der Hand positioniert.

Er blickt zum Himmel und alle Blicke folgen. Dann zuckt er kurz zusammen und wäre beinahe auf einen 5-Jährigen gefallen. Er beginnt leise zu murmeln, lächelt und nickt immer wieder und bekreuzigt sich in den nächsten Minuten noch circa dreißig Mal. Dann ist der Erscheinungsmoment auch schon wieder vorbei.

Marienerscheinungen sind selbst der katholischen Kirche nicht ganz geheuer. Der Vatikan hat in der Geschichte erst eine Handvoll davon wirklich anerkannt und die meisten, etwa die bekannteste im französischen Ort Lourdes, passierten spannenderweise in den technisch weniger gut dokumentierten Zeiten vor dem Jahr 1900.

Ich verlasse den Platz und gerate beim Ausgangstor in eine Menschentraube. Plötzlich steht Salvator der Seher vor mir und tätschelt mich milde lächelnd auf Stirn und Wangen, gibt mir die Segnung, für die sich hier alle anstellen. Der vielbeschworene Rosenduft steigt mir in Nase, mit dem sich Caputa offenbar großzügig übergossen hat.

Eigentlich kann man die frommen Besucher verstehen, die abseits den bloßen Glaubens zur Abwechslung auch einmal etwas Handfestes erleben wollen—einem Seher bei einer Erscheinung zuschauen, eine Baby-Jesus-Puppe streicheln, Rosenduft schnuppern oder Selfies mit der Marienstatue machen. Bei Caputas halbjährlichem Erscheinungs-Happening gibt es den Glauben für alle Sinne. Man muss auch sagen, dass hier zumindest nicht mit irgendwelchen Merchandise-Artikeln Geschäfte gemacht werden.

Seit meiner Segnung hab ich noch keine besonderen Besserungen oder Auffälligkeiten bemerkt, außer vielleicht, dass ich am Rückweg nach Wien einen ziemlichen „Let it Be"-Ohrwurm hatte. Auch, wenn Paul McCartney mit „Mother Mary comes to me" ja angeblich seine eigene Mutter gemeint haben soll, von der er träumte, als er sich einst einen ziemlich drogenschwangeren Rausch ausschlief. In den Kirchen dieser Welt wird der Song jedenfalls dennoch weiter gesungen werden und auch das Datum für die Wiederkehr von Salvatore, dem Seher, steht bereits fest.

Thomas auf Twitter: @t_moonshine