Warum ist Live Action Role Playing so beliebt?

Der Fotograf Felix von der Osten hat die deutsche LARP-Szene dokumentiert und sich dabei von Orks anblöken lassen.

|
28 Mai 2015, 4:05am

Der Fotograf Felix von der Osten hat gerade den BJP Breakthrough Undergraduate Photography Award für seine Serie The Buffalo that could not Dream gewonnen, die er in einem Reservat amerikanischer Ureinwohner im US-Bundesstaat Montana geschossen hat. Doch bevor er mit seiner Kamera diese traditionelle Gemeinschaft und ihren Platz in der Gesellschaft dokumentierte, konzentrierte er sich in Deutschland auf eine andere Gemeinschaft: LARPer. Ich habe mich mit ihm darüber unterhalten, warum Live Action Role Playing so beliebt ist und wie es den Teilnehmern im echten Leben weiterhilft.

VICE: Abgesehen davon, dass dein Name perfekt zu einer LARP-Figur passt, wie kamst du auf dieses Projekt?
Felix von der Osten: Ich interessierte mich für Leute, die sich mittelalterlich kleiden, also fing ich an, am Spectaculum, einem Festival in der Nähe von Köln, Fotos zu schießen. Anfangs hatte ich eine Freundin und Kommilitonin in Dortmund, die in der Szene war, also bat ich darum, sie fotografieren zu dürfen und Kontakte zu anderen zu bekommen. Die Leute sprachen gerne über ihr Hobby, denn es gibt viele, die einen falschen Eindruck von LARP haben.

Wie zum Beispiel?
Viele glauben, die Leute würden vor der Realität fliehen. Für mich war es am Interessantesten zu entdecken, was es ihnen wirklich bedeutete und warum jemand zum Beispiel sich dafür entscheidet, Bedienung in einer Taverne zu sein und nicht Ritter oder König. Ich stellte fest, dass es den meisten einfach darum geht, verschiedene Dinge auszuprobieren und in diversen sozialen Szenarien zu sein, ohne dabei dieses geschützte Umwelt zu verlassen. Manche nehmen es auch ernster als andere, doch allgemein können sie unter diesen sicheren Umständen verschiedene soziale Kompetenzen ausprobieren. Es ist ein bisschen wie ein Theaterstück mit verschiedenen Situationen.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Felix von der Osten

Sie experimentieren mit Eigenschaften, derer sie sich in der echten Welt vielleicht noch nicht sicher genug sind?
Ja, definitiv, das ist einer der großen Vorteile des LARP. Du kannst nicht versagen, dir kann nichts passieren, es ist alles ein Spiel. Sie reden viel über „In-Time" und „Out-Time". Du kannst zum Beispiel total aggressiv feilschen, obwohl du so etwas in Wirklichkeit vielleicht niemals tun würdest.

VIDEO: Wer hat nicht schon davon geträumt, professioneller Spieler von Magic: The Gathering zu werden?

Kommen die Figuren, die sie spielen, auch manchmal in der „Out-Time" zum Vorschein? Wird es jemals verwirrend?
Nein, nicht wirklich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so extrem war. Aber es gibt Leute, die mehr Zeit in der Rolle verbringen als in ihrer eigenen Persönlichkeit. Es gibt in jeder Subkultur Extreme. Aber meiner Erfahrung nach sind alle rational genug, um zu wissen, was sie da machen. Sie wollen einfach Spaß haben. Ich denke, das ist das Wichtigste: aus dem normalen Leben ausbrechen und etwas Neues erleben.

Kannst du dir vorstellen, selbst mit LARP anzufangen?
Für mich war es wie so eine Art Zwischending, als ich sie fotografiert habe. Das hat mir gefallen. Ich kann dabei sein, alles miterleben und fotografieren, ohne mich direkt beteiligen zu müssen. Ich hatte kein Kostüm, und es kann ein wenig seltsam sein, wenn du auf jemanden zugehst und diese Person nicht mit dir reden will, weil sie dazu aus ihrer Rolle brechen müsste.

Wie bist du damit umgegangen?
Oft haben sie sehr altmodisches Deutsch gesprochen, also habe ich mich einfach angepasst. Sie sagen vielleicht Dinge wie: „Was tut Ihr da mit diesem seltsamen schwarzen Apparat vor Euren Augen?" Doch wenn du spielerisch antwortest, dann ziehen sie mit. Meist sind sie einfach glücklich darüber, fotografiert zu werden, weil sie so viel Zeit in ihre Kostüme investiert haben.

Ich war sehr überrascht, wie detailliert die Figuren waren, nicht nur das Aussehen, sondern auch die Persönlichkeiten und Hintergrundgeschichten ...
Ja, sie denken sich das gesamte Leben der Figur aus. Die Geschichte wird über Jahre hinweg geschmiedet! Doch es kann auch passieren, dass eine Figur bei einem LARP-Fest stirbt. Dann ist all die Arbeit abgeschlossen und du musst dir eine neue Figur ausdenken.

Was geht in diesen Lagern vor, wenn sie nicht für Bilder posieren oder einander bekämpfen?
Sie haben riesige Zelte und Dörfer. Es kann viel Verrücktes passieren, wenn man einfach nur herumläuft. Vielleicht überfallen dich zwei Typen und wollen dir dein ganzes Gold rauben, aber du tötest sie beide. Alle haben mir gesagt, das tagelange Zelten sei für sie der größte Spaß.

Beim LARP machen ja auch ganz schön viele Frauen mit.
Ja, das Geschlechterverhältnis ist fast ausgeglichen. Ich habe mit einer Frau gesprochen, dir Barkeeperin ist. Sie liebt einfach das Umfeld der Bar und die Geschichten der Gäste. Dann gibt es da eine Frau namens Cookie, die Leuten gerne Kekse schenkt und immer lacht. Wenn es mal eine angespannte Situation gibt, taucht sie plötzlich auf und macht verrückte Sachen und alle sind wieder glücklich. Es gibt hier wirklich die verschiedensten Leute.

Was passiert, wenn ich in der Fantasiewelt eine Beziehung habe—geht sie dann im echten Leben weiter?
Ich kenne ein Paar, das sich in-character kennengelernt hat, aber als sie dann sie selbst waren, hatten sie keine Gesprächsthemen mehr und es war sehr unangenehm. Sie kannten einander einfach nicht wirklich; sie kannten nur die Rolle des jeweils anderen. Also mussten sie sich komplett neu kennenlernen. Es ist eine kuriose Geschichte, aber sie haben es am Ende hinbekommen. Wie gesagt, jemand, der sich im echten Leben nicht wirklich traut, jemanden anzusprechen, wird im Spiel vielleicht zu einer solchen Person. Du probierst einfach Dinge aus, die du sonst nicht tun würdest. Du kannst diese Fähigkeiten dort testen und dann irgendwann im richtigen Leben einsetzen.

Mehr VICE
VICE-Kanäle