Zu Besuch bei Deutschlands letztem Hitler

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The Grievous Sins Issue

Zu Besuch bei Deutschlands letztem Hitler

Laut Romano Lukas Hitler muss die NS-Geschichte neu geschrieben werden.
17.5.15

Romano Lukas Hitler in seiner Wohnung in Görlitz. Fragt man ihn, wurde Hitler von der NSDAP nur wegen seines Redetalents instrumentalisiert. Foto vom Autor.

Adolf Hitler sollte eigentlich jeder hassen. Und da sich der Diktator durch seinen Selbstmord, der nun ziemlich genau siebzig Jahre zurückliegt, feige einer rechtsstaatlichen Verantwortung entziehen konnte, blieb der Nachwelt im Grunde auch nichts anderes, als ein ungesühntes, diffuses Verachtungsgefühl. Aber wie weit reicht unsere gesellschaftliche, grundvernünftige Abneigung gegen alles Hitlerhafte wirklich?

Nehmen wir an, eine Person würde heutzutage den Familiennamen „Hitler" tragen, wäre eine soziale Ausgrenzung da vorprogrammiert? In den USA leben heute nach wie vor einige Personen mit dem Namen. Der Regisseur Matthew Ogens hat manche von ihnen in seinem noch unveröffentlichten Doku-Film Meet The Hitlers porträtiert und deren problematische Lebensumstände zum Thema gemacht.

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In Deutschland oder Österreich sieht es da etwas anders aus—namhafte Hitlers lassen sich hier verständlicherweise noch um einiges seltener finden. Einen aber gibt es noch. Er heißt Romano Lukas Hitler, wohnt im sächsischen Görlitz und behauptet, niemand Geringeres als der Neffe des Leibhaftigen zu sein. Ich habe ihm einen Besuch abgestattet.

Was zunächst wie ein schlechter History-Naziclash-Streifen klingt, passt in seiner Filmreife fast schon zu perfekt zu Görlitz. Die Stadt an der polnischen Grenze hat sich in den letzten Jahren unter Hollywoodgrößen zu einer Art Insiderkulisse gemausert, die den historischen Euro-Chic der 1930er bis 50er einzufangen weiß. Tarantinos Inglourious Basterds haben sich hier durch die denkmalgeschützte Altstadt geballert und in einer unsanierten Miethauswohnung nahe dem Bahnhof vernaschte Kate Winslet einst als abgetauchte Nazi-Braut ihren Vorleser David Kross. Wenn man von polnischer Seite kommend die Brücke des Grenzflusses Neiße überquert, blickt man zur Rechten auf die Görlitzer Stadthalle, deren Fassade zuletzt als Vorlage für Wes Andersons Grand Budapest Hotel diente. Nur wenige Meter davon entfernt befindet sich auch das Wohnhaus, in dem Romano Lukas Hitler lebt.

Am Klingelschild des Gebäudes lässt sich davon zunächst nichts als ein Deckname bemerken. Im zweiten Stock öffnet mir ein stämmiger Mann von gut sechzig Jahren. Romano Lukas trägt einen dicken, weißgrauen Pullover über mehreren Hemdschichten. Unter seiner kurzen Dockermütze kann man eine gewaltige Kopftätowierung erahnen, deren Ausläufer sich noch an den Schläfen hinunterschlängeln. Er wirkt aufgekratzt, hektisch, aber durchaus freundlich und führt mich in den eigentlich einzigen Raum der Wohnung, der wie eine Art Büro arrangiert ist. Durch dessen Mitte zieht sich eine lange Holztafel, auf der der Gastgeber Kekse bereitgestellt hat—dazu Wasser mit Geschmack, eine Dose Cola und bunte Pappbecher und Papierservietten. Drastischeres findet sich an den umliegenden Wänden.

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Es mag an dieser Stelle vielleicht lächerlich klingen, aber neonazistisches Gedankengut würde ich Romano Lukas eigentlich nicht bescheinigen. Als ich zu ihm Kontakt aufnahm und mich während der Vorrecherche durch seine eigene Homepage klickte, war mir jedoch relativ schnell klar, dass es sich bei dem Mann um einen eigentümlichen Zeitgenossen handeln musste: Neben dem kolportierten Verwandtschaftsverhältnis waren da seine wirren Kurztexte über die Seefahrt, verpackt in einem obskur theologisch-katechetischen Ton, dazu verschwörerische Zeilen wie „Menschen sind programmiert wie Computer—seit 70 Jahren erzählen die Massenmedien Lügen". Das klang nicht bloß nach dem derzeit immer mehr in Mode kommenden Aluhütchen, das schien mehr die Ausmaße eines XL-Leichtmetall- Sombreros zu haben.

Die gewisse optische Ähnlichkeit mit Hannibal Lecter und Aufnahmen mit riesigen Stofftieren oder in Mönchskutte ließen das Treffen mit ihm jedenfalls zusätzlich verheißungsvoll erscheinen. Der echt aussehende Scan seines Personalausweises und mehrere Treffer in Telefonverzeichnissen bestärkten die Annahme, dass es sich bei dem Mann zumindest um keinen Hochstapler handelte. Was war also seine Geschichte?

„Ich bin Schriftsteller", erklärt er mir zu Beginn des Treffens und lässt einen dicken, transparenten Plastikordner auf den Tisch fallen. Sein Deutsch ist ziemlich gebrochen und unverkennbar schwingt ein starker Akzent des wenige hundert Meter entfernten Nachbarlandes mit. Er spricht wie ein Wasserfall. Seit er mir in der Eingangstür gegenüberstand, hat er praktisch kein einziges Mal auch nur fünf Sekunden Luft geholt. „Verstehen Sie? Verstehen Sie?", quetscht er hastig nach jedem dritten Satz vor den unmittelbar folgenden. Während er die einzeln in Klarsichthüllen verpackten und vollgeschriebenen Seiten der Mappe durchblättert, erzählt er in aller Ausführlichkeit seine darin gesammelten Erlebnisberichte. Für den Stoff suche er verzweifelt nach Verlegern, doch weder sein Name, noch der darin beschriebene Inhalt ließen sich leicht an den Mann bringen.

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Zur Veranschaulichung nur ein paar Auszüge: Ein Ereignis etwa, das sich vor ein paar Jahren in Uhlerborn am Rhein zugetragen haben soll. Nichts Geringeres als ein von Außerirdischen gesteuertes, unbekanntes Flugobjekt hätte Romano von einem Campingplatz aus beobachtet. Das UFO sei in weiterer Folge über einem nahen Gewässer abgestürzt. Die von Romano verständigte örtliche Feuerwehr wäre aber untätig geblieben, hätte ihm lediglich massiven Drogenmissbrauch unterstellt.

Ohne Frage könnte der Gastgeber seinen Seemannsgarn noch bis in die Morgenstunden vortragen, aber nach circa einer Stunde Smalltalk über außerirdische Uhlerborn-Kobolde und Transatlantikfahrten in 5 km/h schnellen Nussschalen, schwillt mir allmählich das Hirn an. „Verstehen Sie? Verstehen Sie?" fragt er weiterhin. Einspruch zu erheben erscheint mir unmöglich, gleichzeitig bekomme ich auch kein wohlwollendes Nicken mehr zustande. Schließlich gelingt es aber doch, das Gespräch einigermaßen zu strukturieren. Er möge doch bitte einfach ganz von vorne beginnen—bei seiner Herkunft und seinen Eltern.

Im Jahr 1950 sei er in Wismar an der Ostsee zur Welt gekommen, die DDR stand da schon. Seine Mutter sei Deutsche, sein Vater gebürtiger Österreicher gewesen. In den 1950ern habe die Kleinfamilie dann versucht, in die Heimat des Vaters zu flüchten.

In Bratislava sei dann aber zunächst Endstation gewesen. Die Eltern hätten ihn in die Obhut eines Klosters gegeben, während sie versuchten, das letzte Stück über die österreichische Grenze allein zu überqueren, um ihn später mit sicheren Papieren von dort wieder abzuholen. Dies sei aber letztlich nie geschehen. An ihre Namen könne sich Romano Lukas nicht hundertprozentig erinnern, er vermute aber, dass sie Marta und Paul geheißen haben.

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In der Folge sei der inzwischen Sechsjährige bei einer polnischen Pflegemutter in Lubsko untergekommen. Diese Frau hätte unter starken psychischen Problemen gelitten und Romano nicht in die Schule geschickt, keinen Kontakt zu anderen Kindern zugelassen und ihn im Grunde von der Außenwelt isoliert. Ein Attest, das ihm selbst psychische Probleme bescheinigte, hätte dies möglich gemacht. Ein jähes Ende habe diese Episode genommen, als Romano 18 Jahre war und die Pflegemutter Selbstmord beging.

Am Ende wirft der skurrile, undurchsichtige Gastgeber mehr Fragen auf, als das Treffen gesicherte Antworten liefern kann.

Mit ihrem Lebensgefährten sei Romano übereingekommen, dass der nun Volljährige zurück in die DDR kehre. Alte Papiere aus dem Kloster habe er zu dieser Zeit noch gehabt, erst Jahre später seien ihm diese bei einer Wohnungsräumung abhanden gekommen. In Rostock sei er über den Wehrdienst in die Marine eingetreten und wurde Schiffsjunge.

Als wir später einen Fotoordner durchsehen, zeigt er mir Aufnahmen aus dieser Zeit, die den jugendlichen Romano beim Militär und in Matrosenkluft zeigen. Weitere biografische Angaben nur in Kürze: Emigration in die BRD, verschiedene Arbeiten auf See, Aufenthalt in Klosterherbergen, zweitweise Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit.

Ohne Zweifel eine dramatische und tragische Geschichte. Gleichzeitig ist es nicht einfach, den möglichen Seemannsgarn von der tatsächlichen Biografie zu trennen. Der Personalausweis, den mir Romano Lukas während des Treffens zeigt, lässt mich im Nachhinein jedenfalls auf eine weitere Ungereimtheit stoßen.

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Am Originalausweis ist als Geburtsort die Stadt Sorau vermerkt, also nicht das ursprünglich behauptete Wismar. Auf dem Scan seiner Homepage wurde genau diese Information unkenntlich gemacht. Sorau ist der deutsche Name der westpolnischen Stadt Zary—diese liegt keine zehn Kilometer entfernt von Lubsko, also dem Ort an dem Romano bei der Pflegemutter aufgewachsen sein soll. Als ich ihn einige Zeit nach dem Treffen darauf anspreche, sagt er, mit Sorau sei „Groß Sarau" in Mecklenburg-Vorpommern gemeint. Ob das stimmen kann und warum gerade diese Information am Scan retuschiert wurde, bleibt offen.

Der Verdacht liegt zumindest nahe, dass sich Romano die Geschichte über seine leiblichen Eltern zusammengesponnen hat.

Am Ende wirft der skurrile, undurchsichtige Gastgeber mehr Fragen auf, als das Treffen gesicherte Antworten liefern kann. Das Abstammungsverhältnis zu Adolf Hitler erklärt Romano Lukas so: Sein leiblicher Vater, der erwähnte Paul Hitler, sei Adolfs Cousin gewesen, konkret der Sohn dessen Onkels. Adolf Hitler sei damit genau genommen Romanos Großcousin gewesen.

Dass diese Version aber ohnehin sämtlichen historisch anerkannten Stammbäumen über die Hitlers widerspricht, kümmert Romano recht wenig. Er pfeift ja auch sonst ganz gut auf die gängige Zeitgeschichtsschreibung. Ihm nach sei Adolf zudem ursprünglich weder österreichischer, noch deutscher, sondern vermutlich eher polnischer Staatsbürger gewesen. Im München der 1920er Jahre habe er um Asyl angesucht; als Arbeitssuchender, Obdachloser, Analphabet, ohne Bildung und Familie. Nur ein Talent fürs Reden habe er gehabt, das sich schließlich eine verbrecherische Organisation namens NSDAP zunutze und ihn am Ende zum Sündenbock machte.

Hobbypsychologie mag ja etwas Lächerliches sein, aber die Eigenschaften, die Romano dem Diktator andichtet, lassen unweigerlich an eine Art Projektion denken. Familie kann man sich nicht aussuchen. Man kann sie sich aber schön- oder sogar herbeireden.

Vor ein paar Jahren, als Helge Schneider in Mein Führer in die Rolle eines debilen Diktators schlüpfte, fragte sich die Öffentlichkeit bei uns noch, ob man denn über Adolf Hitler lachen dürfe. Heute scheint das längst hinfällig. Zwischen Hipster-Hitler-Memes und K.I.Z-Songs ist Adolf Hitler auch bei uns zum individuellen Internetscherz geworden. Und mir selbst ist die Thematik an diesem Nachmittag in nicht geahnter Absurdität begegnet. Trotzdem muss man da schon ganz genau aufpassen. Gleichzeitig reißt die direkte vergangenheitspolitische Verantwortung zur Person Hitler auch 70 Jahre nach dessen Tod keinesfalls ab. Man denke etwa an den immer wieder aufkommenden Wirbel um das Braunauer Geburtshaus.

Für Romano Lukas ist das alles natürlich Humbug. Weder sei der Großcousin in Braunau geboren, noch sei er so gestorben, wie es überliefert wird. Und einmal mehr knüpft Romano, als er über Adolf Hitlers Tod spricht, auch sein eigenes Ende daran. So habe er bereits ein Familiengrab in Binningen am Rhein arrangiert. Adolfs Überreste würden nämlich nicht in Russland, sondern im polnischen Polkowice liegen. Eine ganze Karawane polnischer Journalisten sei dort einst hin gepilgert, als er dies einem von ihnen offenbarte. Die Exhumierung und Verlegung des Grabes nach Deutschland sei auch schon organisiert. Unten würde dann Adolf liegen, darüber er. Einzige Bedingung der Behörden—namenlos müsse das Grab dann sein. Für ihn wäre das OK, und Deutschland sei dann endlich frei von Hitlers, sagt er.