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Die längste Wahl der Welt

Warum man den Umfragen zur BP-Wahl nicht trauen kann

Für den ein oder anderen taktischen Wähler könnte es am Sonntag ein böses Erwachen geben.
23.4.16
Grafik: VICE Media

Der Wahlkampf um die Hofburg biegt in die Zielgerade ein und seit Wochen zeichnet sich ein konkretes Bild ab: Alexander Van der Bellen führt in sämtlichen Umfragen—teilweise meilenweit, teilweise etwas geringer—das Feld der Anwerber auf das höchste Amt im Staat an und scheint zumindest sicher in der Stichwahl zu sein.

Diese vermeintliche Gewissheit treibt dabei durchaus seltsame Blüten. Sah sich der ehemalige Bundesobmann der Grünen noch vor wenigen Wochen in der Puls 4-Elefantenrunde als Außenseiter, ist sich der Wirtschaftswissenschafter mittlerweile siegessicher und sieht sich mit beiden Füßen in der Hofburg stehen.

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Die ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes, Irmgard Griss, und der blaue, dritte Nationalratspräsident, Norbert Hofer, liefern sich demnach ein Duell um Platz zwei. Die anderen Kandidaten dümpeln weit abgeschlagen vor sich hin, wie auch Richard Lugner in der Elefantenrunde am Donnerstag im ORF richtig erkannt hat, als er Khol, Hundstorfer und sich als „wir Außenseiter" bezeichnete.

Aber wie zuverlässig sind diese Umfragen? Kann man wirklich von diesem Szenario ausgehen? Ist die einzige relevante Frage am Wahlsonntag, mit wem sich Van der Bellen um den Einzug matchen wird? Nicht wirklich.

Dass Umfragen nicht immer zuverlässig sind, haben wir schon aus der Wien-Wahl gelernt. Gerade, was die Grünen unter Van der Bellen betrifft, hält sich das Image der „Umfragenkaiser", also, dass eine Partei in den Umfragen besser ausschaut als am Wahltag, hartnäckig. Deshalb ist am Sonntag nicht entscheidend, wer sich mit Van der Bellen in der Stichwahl matchen wird, sondern ob es der überhaupt so weit schafft.

Ja, Van der Bellen führt seit Wochen quasi jede Umfrage und der Abstand zu den anderen Kandidaten ist groß.Das mag zwar stimmen, nur gibt es bei den Erhebungen einen kleinen Haken: Es ist eine Persönlichkeitswahl. Wo das Problem liegt? Im Gegensatz zu Nationalratsumfragen haben diverse Institute keine Erfahrung mit den einzelnen Personen, und das Wort, das bei allen Meinungsforschern Angstschweiß auslöst, hat drei Silben: Gewichtung.

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Dieses Verfahren funktioniert folgendermaßen: FPÖ-Wähler tun sich mit ihrem Bekenntnis zur Partei manchmal schwer, während ein Bekenntnis zu den Grünen offenbar leichter von den Lippen geht. Das liegt unter anderem am Gefühl, dass die Freiheitliche Partei als Antwort „nicht erwünscht" ist. In den 90er-Jahren führte das zu krassen Unterschieden zwischen den Prognosen und den tatsächlichen Ergebnissen, welche die Meinungsforscher durch spezielle Gewichtungen zu bekämpfen versuchten. Seitdem werden etwa dem „Umfragekaiser" Die Grünen eine gewisse Anzahl an Prozent abgezogen und der FPÖ wiederum dazu addiert.

Natürlich ist auch das nicht bombensicher. Das Wahlergebnis der Landtagswahl in der Steiermark hat bewiesen, dass auch ausgeklügelte Rechensysteme nicht gegen unvorhersehbare Ereignisse—wie etwa den Ausbruch der Flüchtlingskrise und das damit verbundene Errichten von Zeltstädten—gewappnet sind. Inzwischen ist man aber schon ziemlich nah dran.

Das alles fehlt jedoch bei der Bundespräsidentenwahl. Die Zahlen, die für die Umfragen herangezogen werden, sind Rohdaten und damit nicht zwingend aussagekräftig, da sie völlig uninterpretiert sind.

Das Gefühl, dass Alexander Van der Bellen schon so gut wie sicher in der Stichwahl ist, führt dabei zu problematischen Entwicklungen. Ein großer Teil meines Freundeskreises, in dem allgemein sehr viel Sympathie für Van der Bellen herrscht, überlegt mittlerweile ernsthaft, aufgrund wahltaktischer Überlegungen Irmgard Griss ihre Stimme zu geben. Das könnte fatal ausgehen.

Was auf den ersten Blick nach einer klaren Sache aussieht, ist in Wirklichkeit ein knallharter Dreikampf um die Stichwahl.

Taktisches Wählen ist ja eigentlich immer problematisch, weil das Ergebnis verzerrt wird und den eigentlichen Wählerwillen nicht exakt widerspiegelt. Bei dieser Wahl ist das Problem allerdings gravierender. Im Durchschnitt liegt Van der Bellen bei 26, Norbert Hofer bei 23 und Irmgard Griss bei 20 Prozent. Was auf den ersten Blick nach einer klaren Sache aussieht, ist in Wirklichkeit ein knallharter Dreikampf um die Stichwahl, wenn man bedenkt, dass nicht wenige Grün-Wähler aus taktischen Gründen der ehemaligen Präsidentin des Obersten Gerichtshofes ihre Stimme geben könnten. Die Wahrheit ist: Das Rennen um Gold, Silber und Bronze ist völlig offen.

Beachtet man dann noch das „Umfragekaiser"-Phänomen, das Grüne seit langem mit sich herumtragen, und die Tatsache, dass die FPÖ beinahe immer in Umfragen schlechter abschneidet als am Wahltag, könnte es für den einen oder anderen taktischen Wähler am Sonntag ein böses Erwachen geben. All das ist in den uninterpretierten Rohdaten—anders als bei einer Umfrage zum Nationalrat—nicht eingerechnet und könnte durchaus für einige Überraschungen sorgen.

Es hat einen guten Grund, warum in vielen Ländern Umfragen vor einer Wahl verboten sind. Langsam wird es Zeit, dass auch Österreich einmal darüber nachdenkt.

Christoph auf Twitter: @aufreiterchri