Können wir aufhören, so zu tun, als wären Sex und sexueller Missbrauch dasselbe?

Auf 3sat debattierten eine Philosophin und eine Moderatorin über den Fall Gina Lisa—und bewiesen dabei: Slut-Shaming ist jetzt auch bei den Öffentlich-Rechtlichen angekommen.

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16 Juni 2016, 12:09pm

Titelfoto: imago | Olaf Wagner

Wem Gina-Lisa Lohfink in der Vergangenheit noch kein Begriff war, dem dürfte sie es spätestens jetzt sein. Das Model, das sich aktuell vor Gericht dagegen wehrt, wegen Falschverdächtigung 24.000 Euro an zwei Männer zu zahlen, denen sie vorwirft, sie vergewaltigt zu haben. Bis vor Kurzem war die Tat noch auf Pornoplattformen zu sehen—inklusive der mehrfach von ihr darin geäußerten Aufforderung "Hör auf". Dutzende Artikel erschienen darüber, Politiker wiederholten ihre Forderung, das Sexualstrafrecht zu verschärfen. Zu Recht, muss das Opfer nach aktueller Gesetzeslage doch erst einmal beweisen, dass es sich angemessen gewehrt hat.

Während der Fall bisher vor allem aus rechtlicher und gesellschaftlicher Perspektive diskutiert wurde, fühlte sich das feuilletonistische 3sat-Format Kulturzeit dazu berufen, sich dem Thema aus der bisher eher vernachlässigten, Perspektive anzunehmen: der philosophischen. "Nein heißt Nein lautet die neue feministische Geschlossenheit. Ausgerechnet um eine Frau herum, die sich ja sehr bewusst für alle sichtbar als Sexobjekt ausstaffiert hat, daraus ja auch Kapital geschlagen hat. Sollte wegen ihres Neins eine Verschärfung des Sexualstrafrechts in Deutschland gemacht werden?", begann Moderatorin Tina Mendelsohn das knapp siebenminütige Segment, in dem sie sich zusammen mit der zugeschalteten Journalistin Svenja Flaßpöhler von Minute zu Minute tiefer in ideologische Abgründe ritt.

Man könnte sich an dieser Stelle damit trösten, dass die Zuschauerschaft von Kulturzeit im Allgemeinen wahrscheinlich eher übersichtlich ist. Wäre mir der Link zum Beitrag in der 3sat-Mediathek nicht zugeschickt worden, dieses Gespräch wäre vollkommen an mir vorbeigegangen. Trotzdem ist es aber wichtig, das Ganze nicht totzuschweigen, weil dieses Video exakt auf den Punkt bringt, was das ganz große Missverständnis vieler bei der Diskussion um eine Verschärfung des Sexualstrafrechts ist: dass es keinen Unterschied gibt zwischen Sexualität und sexueller Gewalt. Dass die Stärkung sexueller Selbstbestimmung mit vermeintlicher Lustfeindlichkeit einhergeht. Dass die Aufnahme des Grundsatzes "Nein heißt Nein" in das deutsche Sexualstrafrecht unsere Gesellschaft "enterotisiert" und ein Klima des „Misstrauens" schafft. Und das ist nicht nur alles faktisch falsch, es ist auch gefährlich—und umso trauriger, als dass diese Thesen von zwei im Leben stehenden Frauen kommen, die es doch eigentlich besser wissen müssten.

Deswegen verinnerlichen wir uns an dieser Stelle noch mal ganz klar: Sex ist Sex. Sexueller Missbrauch ist sexueller Missbrauch. Das sind zwei verschiedene Dinge. So wie Einkaufen und Klauen, nur dass es hier um Menschenleben geht und nicht um Gegenstände. Haben wir das alle verstanden? Gut. Die zugeschaltete Expertin Svenja Flaßpöhler nämlich nicht.

Screenshot: 3sat.de

Zwei Gründe sieht Flaßpöhler, ihres Zeichens stellvertretende Chefredakteurin des Philosophie Magazins, die gegen "Nein heißt Nein" sprechen. Zum Einen sieht sie es als problematisch, dass die Frau "einzig und allein ihren Unwillen" bekunden müsse, damit—beim Ignorieren ebenjenes Unwillens—der Fall der Nötigung vorläge. Als wäre Einverständnis ein komplett abstruses Konzept, das so im deutschen Recht sonst nie vorkäme. Zum anderen, und hier wird es richtig interessant: Wer sich als Frau gegen sexuelle Übergriffe wehrt, entspricht damit eigentlich nur der patriarchalischen Vorstellung der sexuell zurückhaltenden, eingeschränkten Frau, deren Weiblichkeit mit Negativität gekoppelt werde.

Dieser Argumentation lässt sich nur dann folgen, wenn man die grundliegende Auffassung vertritt, dass es sich bei sexueller Gewalt um eine normale Form der Sexualität handelt. Dass jede Art von sexueller Annäherung grundlegend von der Frau gewollt ist und das widerstandslose Hingeben an den Mann wahre sexuelle Selbstbestimmung sei. Nein zu etwas zu sagen, was sich im Zweifelsfall anschließend mit Gewalt genommen wird, ist keine Negierung von Sinnlichkeit. Es ist eine Auflehnung gegen ein potentielles Verbrechen, ein Bestimmen über den eigenen Körper, die Entscheidung, wozu man bereit ist und wozu nicht. Diese komplette Verklärung von Einvernehmlichkeit ist ähnlich absurd wie die Beteuerung verurteilter Vergewaltiger, dass sie sich sicher waren, ihr Opfer hätte es "auch gewollt"—selbst wenn ebenjenes Opfer zum Tatzeitpunkt kaum bei Bewusstsein war. Und als hätte man nicht sowieso schon das Gefühl gehabt, sich die ganze Zeit in einer besonders zynischen und geschmacklosen Ausgabe von Versteckte Kamera zu befinden, darf Moderatorin Mendelsohn dann auch noch mal ihre Einschätzung zur Lage verkünden. "Solche Fälle passieren mit Frauen, die sehr freizügig leben", erklärt sie wissend, "dass Frauen da etwas ausprobieren, was dann fürchterlich schiefgeht." Was genau Frauen "ausprobieren" wollen, indem sie ungewollt Opfer sexueller Übergriffe werden, bleibt offen.

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"Sich wie Gina-Lisa Lohfink in einen Club zu setzen und zu erwarten, dass dein besoffener Partyzustand nicht ausgenutzt wird, um dir Gewalt anzutun, ist nicht naiv—es ist unser gutes Recht", schrieb Netzfeministin Anne Wizorek in einem Beitrag für Broadly und sagt damit alles, was zum Thema Täter-Opfer-Umkehr überhaupt zu sagen ist. Es ist das gute Recht eines jeden Menschen, darüber zu entscheiden, was wann wie und mit wem mit seinem Körper passiert. Der Fehler liegt nicht bei der Person, die Nein sagt. Er liegt bei dem Menschen, der sich dazu entscheidet, das Nein zu überhören.

Da kann man noch so viele Psychoanalytiker und Philosophen zitieren und sich an vermeintlich negativ-patriarchalisch aufgeladenen Worten abarbeiten, aber alles, was man an dieser Stelle tut, ist es, das Leid der Opfer, das ganz reale, aktuelle Leid der Opfer im Jetzt und ihr Recht auf Selbstbestimmung kleinzureden.

Deswegen ist der 3sat-Beitrag kein bedauernswerter Ausrutscher, sondern eine Art Sinnbild für die aktuelle Debatte um den mutmaßlichen Missbrauchsfall Gina-Lisa. Ein Sinnbild dafür, wie es manchen Menschen absolut unmöglich scheint, eine gedankliche Grenze zwischen Sex und Missbrauch zu ziehen. Wer tief in sich drinnen akzeptiert hat oder zumindest irgendwie glaubt, dass es in Ordnung ist, Geschlechtsverkehr zu haben, mit dem nur ein Teil so richtig einverstanden ist, der versteht die Empörung um Gina-Lisa nicht. Der versteht nicht, wie das aktuelle Sexualstrafrecht Opfer sexueller Gewalttaten davon abhält, ebenjene Taten zur Anzeige zu bringen und der versteht auch nicht, dass "Nein heißt Nein" nur diejenigen in ihrem Sexualleben einschränkt, denen die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Partner egal sind.

Wer die gesetzliche Stärkung von erklärter, sexueller Einvernehmlichkeit als etwas Negatives ansieht, der offenbart vor allem eins: sein zutiefst fragwürdiges Weltbild. Ein Weltbild, in dem Ungleichheit so tief verwurzelt, so selbstverständlich ist, dass es einen Part gibt, der sich nimmt, was er will, und der andere zu geben hat—im Zweifelsfall die Frau.

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