Max in meinem Wohnzimmer | Foto: Privat

Warum in meiner syrischen Stadt alle glauben, dass in Deutschland Hungersnot herrscht

Schuld hat ein deutscher Fernsehjournalist, seine Essgewohnheiten und seine Füße.

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10 Februar 2016, 11:00am

Max in meinem Wohnzimmer | Foto: Privat

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Bevor mein Buch hier veröffentlicht wurde, kannte ich von Deutschland nur die Weltmeisterschaft, Modern Talking, Mercedes und natürlich Hitler. Bis eines Tages Max kam: ein deutscher Fernsehjournalist, der sich extra ins nordsyrische Manbidsch aufgemacht hatte, um einen Bericht über mich zu filmen.

Max hatte lange nach mir gesucht und dabei sein Leben riskiert: Im Bombenhagel und unter haarsträubenden Bedingungen, als Internet und Mobilfunk komplett lahmgelegt waren und die Gefahr in jeder Straße lauerte, fragte er in meiner Stadt jeden, der ihm über den Weg lief: „Entschuldigen Sie, wo finde ich hier den Schriftsteller Aboud Saeed?" Und jedes Mal antwortete man ihm: „Schriftsteller? Wir haben hier keinen Schriftsteller, der so heißt." In meiner Stadt kannte man mich nur als Schmied.

Traurig und enttäuscht verließ Max Manbidsch wieder und fuhr an die syrisch-türkische Grenze, wo er mich durch einen puren Zufall traf.

Max traute seinen Augen nicht. Er tanzte wie Archimedes, während er rief: „Ich hab's, ich hab's! Nicht den Apfel, sondern Aboud Saeed!"

Ich ging mit Max und dem Übersetzer, den er dabei hatte, in ein an der Grenze gelegenes Büro von Freunden von mir. Als Max mich interviewte, bat er mich, mich vor meinen Laptop zu setzen, damit er mich dabei filmen konnte, wie ich mich bei Facebook einlogge und eine Statusmeldung schreibe, da ich ja schließlich der klügste Mensch im Facebook bin. Also schrieb ich: „Ich und Max im Wunderland".

Max macht mich zum Star | Foto: Privat

Danach bat Max mich, ihn mit zu mir nach Hause mitzunehmen, damit er für seinen Fernsehbeitrag auch meine Mutter und unser Haus filmen konnte.

Unterwegs wurden wir an mehreren Checkpoints angehalten. Manche waren von islamistischen Milizen, andere gehörten zur Freien Syrischen Armee. An einem FSA-Checkpoint fragte uns ein Soldat, was für ein Landsmann Max denn sei. Als ich ihm antwortete, dass er deutsch sei, fragte er nach: „Bist du dir sicher, dass er ein Deutscher ist und kein Israeli?" Darauf sagten wir ihm: „Das garantieren wir dir."

Wir fuhren weiter und kamen schließlich bei mir zu Hause an. Ich schickte Max und seinen Übersetzer erst einmal ins Gästezimmer. Unterdessen ging ich zu meiner Familie und sagte ihnen, dass wir einen deutschen Journalisten zu Gast haben, den wir nun zu ehren und zu bedienen hatten.

Also begann meine Familie etwas zu essen vorzubereiten, und als meine Mutter uns schließlich in das Zimmer rief, hatte sie wie bei uns üblich die Teller auf einer Decke am Boden ausgebreitet. Max musste sich also wie jeder traditionsgemäß seine Schuhe ausziehen, bevor er sich mit uns zum Essen setzte. Aber kaum hatte Max seine Schuhe ausgezogen, stieg ein schrecklicher Gestank von seinen Socken empor, durchflutete das Haus, drang nach draußen und erfüllte schließlich die ganze Straße.

Meine Mutter blitzte mich mit bösen Blicken an, während sie die Fenster aufriss und sagte:

„Bist du dir sicher, dass dein Freund ein Deutscher ist?"

Woraufhin ich ihr versicherte: „Ja Mama, ich schwöre, er ist Deutscher. Schau doch mal, hat er nicht eine gewisse Ähnlichkeit zu Klinsmann?"

„Nee, der ist nicht wie Klinsmann. Und Klinsmanns Socken riechen unmöglich so."

„Na ja, Mama, der Mann hat ja auch eine lange und strapaziöse Reise hinter sich, da ist es ganz natürlich, dass seine Socken stinken."

Wir begannen zu essen. Mein Kumpel Max verschlang das Essen wie ein Mähdrescher. Meine Mutter beobachtete ihn und sah mich zwischendrin wütend an, und meine Schwester ging zu den Nachbarn und erzählte ihnen, dass wir gerade einen Deutschen mit stinkenden Socken zu Hause haben. Da sagte Umm Omar, unsere Nachbarin: „Oh, ich wünschte, es wäre dabei geblieben, dass wir die Deutschen nur vom Hörensagen kennen. Ich wünschte, es wäre uns erspart geblieben, die Deutschen zu sehen und den Gestank ihrer Socken zu riechen."

Unsere Nachbarin Umm Omar erzählte es der gesamten Nachbarschaft weiter, und so wurden Max und seine Socken das Thema des ganzen Viertels.

Max verschlang jeden Teller, worüber meine Mutter langsam die Nerven verlor und mich fragte:

„Sag mal, herrscht in Deutschland eine Hungersnot?"

Und Max, der kein Arabisch verstand, aß und aß, während der Übersetzer vor sich hin lachte und ich ihm sagte: „Übersetz das bloß nicht."

Da ging meine Schwester wieder zu unserer Nachbarin Umm Omar. Als sie ihr erzählte, wie Max vier Laib Brot verschlungen und alle Teller leergegessen hatte, schlug Umm Omar die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Ich wünschte, es wäre dabei geblieben, dass wir die Deutschen nur vom Hörensagen und aus dem Fernsehen kennen. Hätten wir doch bloß ihr Elend nicht sehen und ihre Socken nicht riechen müssen."

Umm Omar wiederum ging los und erzählte es der gesamten Nachbarschaft weiter. So wurde die Geschichte mit Max, seinen Socken und der Hungersnot in Deutschland das Thema der Stadt.

Als wir fertig gegessen hatten, setzten wir uns noch zu meiner Mutter auf einen Tee. Ich bemühte mich, die Stimmung wieder aufzuheitern. Ich sagte zu meiner Mutter: „Max gefällt die Tätowierung auf deiner Stirn, Mama." Ich wollte einfach, dass sie Max ein bisschen anlächelt.

Schließlich war Maxs Bauch prall gefüllt, und mit dem Filmen war er auch fertig.

Als er die Stadt verließ, war er zutiefst glücklich und zufrieden. Mit dem Film, dem Abenteuer und der tollen Gastfreundschaft bei uns zu Hause. Das ganze Ereignis wurde dann im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Doch was Max nicht wusste: Das eigentliche Ereignis in meiner Stadt waren er, seine Socken und die vier Laib Brot, die er verputzt hatte, gewesen.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.