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Wie meistert man den Alltag, wenn man nicht lesen oder schreiben kann?

"Wenn dein Kind mit einem Buch zu dir kommt und du kannst es ihm nicht vorlesen, das tut richtig weh."
9.6.16
Grafik: VICE Media

Es ist kaum vorstellbar, dass es in Mitteleuropa erwachsene Menschen gibt, die ihren Alltag meistern, ohne (richtig) lesen oder schreiben zu können. So viele Tätigkeiten setzen voraus, dass wir Schrift decodieren können: den Bus-Plan verstehen, einen Führerschein machen, den Unterschied von Joghurt und Sauerrahm im Supermarkt erkennen, Rechnungen lesen können und so viel mehr, an das man nie denken würde, wenn man es nicht von jemandem erzählt bekommt, der davon betroffen ist. Und betroffen sind viele—sie halten es nur oft geheim.

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In Österreich gibt es knapp eine Millionen sogenannte "funktionale Analphabeten"; also erwachsene Menschen, die nicht oder kaum in der Lage sind, Texte zu lesen oder zu schreiben. Das ergab eine OECD-Studie im Jahr 2013. Rund 100.000 Menschen waren aufgrund ihrer mangelnden Lese- und Schreibfähigkeit nicht einmal in der Lage, an der Studie teilzunehmen. Österreich lag dabei unter dem Durchschnitt, obwohl es gleich nach der Schweiz und Schweden auf Platz 3 jener Länder(EURperpupilstudentinfull-timeequivalents)ET15.png) liegt, die europaweit am meisten für Bildung ausgeben.

Wie ist es möglich, mindestens neun Jahre Schule hinter sich zu bringen und danach nicht über ausreichend schriftsprachliche Kenntnisse zu verfügen, um zum Beispiel ein Formular lesen und ausfüllen zu können? Wie kann man so überhaupt einen Beruf ausüben?

"Diese Menschen sind so kreativ darin, sich zu überlegen, wie sie nicht auffallen, das kann man sich nur schwer vorstellen", erklärt Sonja Muckenhuber. Muckenhuber ist Leiterin des Instituts für Bildungsentwicklung Linz und der zentralen Beratungsstelle für Basisbildung. Menschen—Österreicher wie Nicht-Österreicher—, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, können hier nach Hilfe suchen.

Den Begriff "Analphabet" verwendet sie nur ungern, da er mit einer großen Stigmatisierung verbunden ist. In ihren Kursen geht es um Alphabetisierung, also um den Buchstabenerwerb, aber natürlich seien auch Leute in den Kursen, die bereits einigermaßen schreiben können.

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Rainer ist Ende 40, lebt in Oberösterreich und hat seit 2001 selbst einige Kurse hinter sich gebracht, um so schreiben und lesen zu können, dass er im Alltag keine Probleme mehr hat, was dieses Thema angeht. Über 100 Kilometer sei er jedes Mal gefahren, um zum Kurs zu kommen. Es hätte auch in seinem Ort einen Kurs gegeben. Aber was, wenn dort jemand sitzt, den er kennt? "Da hätte ich mich ja outen müssen. Das ist alles so eine Überwindung, so eine Panik. Jetzt wieder in die Schule gehen, obwohl das ja früher schon so schlimm war."

Rainer ist selbstständig im Bereich erneuerbare Energie und Photovoltaik. Während wir sprechen, fährt er Auto. Etwas, das alltäglich erscheint. Aber wie kann jemand, der nicht lesen oder schreiben kann, überhaupt eine Führerscheinprüfung bestehen? Woher weiß er, wohin er fahren muss? "Mit 18 wollte ich meinen Führerschein machen. Hab ich auch gemacht, sogar für LKW. Das war sehr schwierig; ich hab einfach alles auswendig gelernt mit einem Freund. In meiner Zeit war das noch anders. Da saß man mit einem Prüfer bei der theoretischen Prüfung. Ich hatte so viel gelernt, dass ich alles gewusst hab. Aber wenn ich wohin gefahren bin, dann war es natürlich schwierig, weil ich die Ortsnamen und Wegweiser nicht lesen konnte. Dann musste ich stehen bleiben und langsam lesen."

Wenn ich irgendwohin gefahren bin, war es natürlich schwierig, weil ich die Ortsnamen und Wegweiser nicht lesen konnte.

Die Schule sei für ihn immer schrecklich gewesen. Er sei immer schlecht gewesen und habe deswegen oft Albträume gehabt. Seine Eltern hätten sich die Beschwerden des Lehrers angehört, ohne zu handeln. "Wenn es Diktate gab, hab ich gezeichnet, ich hab nie mitgetan, hab einfach meinen 5er bekommen. Aber ich hab trotzdem sechs Schulstufen gemacht. Dann bin ich rausgekommen und ein bisschen lesen konnte ich sogar. Schreiben war ganz schwierig, Mathe ging halbwegs."

Eine sehr große Gemeinsamkeit unter den Teilnehmern ihrer Kurse ist laut Sonja Muckenhuber, dass sie in einem Elternhaus großwerden, in dem es kaum oder keine Schriftlichkeit gibt. Keine Zeitungen, keine Bücher, keine schriftliche Kommunikation. "Manchmal sind sie sich nicht sicher, aber manchmal sagen Teilnehmer auch, dass sie glauben, dass ihre Eltern auch nicht lesen und schreiben konnten." Damit man sich nicht blamiert, wird Schriftlichkeit also bestmöglich vermieden, was schließlich zu einer bewussten oder unbewussten Abwertung von Schreiben und Lesen und Schule generell führt.

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"Eltern können ihren Kindern bei den Hausaufgaben nicht helfen. Wenn sie Nachrichten von der Schule mitbekommen, können sie sie nicht lesen. Aber unser Schulsystem baut darauf, dass die Schüler daheim unterstützt werden. Es kann auch sein, dass Elternteile krank sind und Kinder viele Aufgaben daheim übernehmen müssen." Eine weitere Schwierigkeit für Kinder, die aus schweren Verhältnissen kommen, sei die bürgerliche Bildungswelt, deren Bild den Kindern in der Schule vermittelt würde: "Diese Welt spiegelt nicht die Alltagswelt von allen Kindern wider. Wenn ein Kind von einer Welt lernt und Sätze lernt, Mama, Hund und Haus, und weit davon entfernt ist, dann haben diese Sätze inhaltlich nicht die Relevanz wie für andere Kinder."

Viele Menschen suchen Hilfe, nachdem sie durch Aktionen, Familienangehörige, Arbeitskollegen oder Freunde von den Kursen erfahren haben. Als im vergangenen Jahr eine Kampagne auf Ö1 lief, meldeten sich überdurchschnittlich viele Betroffene bei der Beratungsstelle, erzählt Muckenhuber. Der erste Kontakt sei für die Betroffenen meistens unangenehm. "Das ist ja klar, wenn man zugeben muss, dass man etwas nicht kann, von dem jeder ausgeht, dass es jeder kann. Aber wenn die Leute schließlich da sind und spüren, dass da jemand ist, der an ihnen interessiert ist, dann öffnen sie sich schnell, erzählen und sind erleichtert. Viele sagen auch: 'Für mich wird das nicht passen, weil ich bin wahrscheinlich dümmer als alle anderen.' Dieses Selbstbild schwingt oft mit."

Menschen, die nicht richtig lesen oder schreiben können, können sich nicht so zeigen, wie sie eigentlich wären.

Deswegen sind Betroffene stark auf Unterstützung durch ihr Umfeld angewiesen. Rainer erzählt von einer ehemaligen Schulkollegin, die er in den Kurs mitnehmen wollte, den er damals gemacht hat. "Ihr Mann hat gesagt: 'Die braucht nichts mehr lernen. Die ist verheiratet und hat Kinder, die muss da nicht mitfahren.'" Viele Menschen, die gerne einen Kurs machen können, schaffen es ohne Unterstützung nur schwer oder gar nicht. Weil sie zum Beispiel nicht Autofahren können, um zum Kurs zu kommen und auch ein Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln unmöglich ist, weil sie den Plan nicht lesen oder nachschauen können, wie sie hinkommen.

"Manche können auch einfach niemanden fragen, weil sie es geheim halten wollen oder das Umfeld sagt: Was willst du da jetzt noch lernen mit 40 Jahren? Jetzt hast du die ersten 40 Jahre geschafft, dann schaffst du die restlichen 40 Jahre auch noch. Da muss man sich selbst auf die Hinterfüße stellen. Es gibt viele Möglichkeiten, Abendschulen und Kurse. Aber dass man einmal hingehen kann, das ist oft die Schwierigkeit", sagt Rainer. Er sei selbst damals so runtergedrückt worden. Leute nähmen einen nicht ernst, weil man in der Schule so schlecht war und danach halt was arbeitet, bei dem man Schreiben oder Lesen nicht braucht. "Es ist mir so wichtig, dass andere das nicht mit sich machen lassen."

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Das Vermeiden von Schriftlichkeit begleitet die Kinder, die in der Schule nicht aufgeholt haben, schließlich ins Erwachsenenleben. "Aus Angst, Fehler zu machen, schreiben viele immer weniger. Sie wollen sich nicht blamieren und suchen deswegen Ausreden. Von 'Ich sehe schlecht und habe die Brille vergessen', über sie können nicht schreiben, weil sie eine versetzte Hand haben. Und dann binden sie sich die Hand ein oder verletzen sich sogar selbst. Oder 'Ich muss mir das in Ruhe durchlesen' und dann haben sie jemanden, der ihnen hilft, oder 'Ich hab so eine hässliche Schrift, schreiben Sie das für mich'."

Manche Dinge würden aber auch einfach ignoriert. Forderungen, vor Gericht zu erscheinen, zum Beispiel, weil die Schriftstücke nicht gelesen werden. Muckenhuber erzählt von Kursbesuchern, bei denen es deswegen tatsächlich zu Verurteilungen gekommen sei. "Es führt auch zu Vereinsamung. Eine Teilnehmerin hat einmal erzählt, dass sie einen Freundeskreis hat, der gerne Spiele spielt. Aber auch Spiele sind mit Schriftlichkeit verbunden. Aktivity oder Trivial Pursuit zum Beispiel. Sie sagt immer, sie will nicht mitspielen, weil ihr Freundeskreis nicht wissen soll, dass sie nicht schreiben kann. Jetzt laden sie sie nicht mehr ein. Menschen, die nicht richtig lesen oder schreiben können, können sich nicht so zeigen, wie sie eigentlich wären."

Die Methoden, die manche entwickeln, um sich durchzuschummeln … Das ist ein eigenes Buch.

Rainer lacht immer wieder, wenn er von den Alltagssituationen erzählt, die ihm früher große Schwierigkeiten bereitet haben. Es ist so traurig, sagt er immer wieder, aber man könnte da auch ein Kabarett draus machen. "Die Methoden, die manche entwickeln, um sich durchzuschummeln … das ist ein eigenes Buch", erzählt er.

"Was, wenn du zum Beispiel in den Supermarkt musstest und Sauerrahm kaufen wolltest?", frage ich ihn. "Dann gehst du zur Verkäuferin und sagst: 'Habt ihr keinen Sauerrahm mehr? Und dann nimmt sie dich mit und zeigt ihn dir. Du schaust natürlich nicht mal nach, ob es einen gibt. Wenn sie sagt, 'Der steht da drüben', dann sagst du: 'Ich seh den aber nicht'. Da kannst du so Theater spielen." Im Nachhinein lacht er darüber. "Aber es ist so traurig."

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Rainer hätte, als er arbeitslos war, beim Arbeitsamt ein Formular ausfüllen müssen, um Arbeitslosengeld zu bekommen. Er konnte es nicht ausfüllen und hat so drei Monate auf Geld verzichtet. Seine Kinder waren schließlich der Auslöser, einen Kurs zu machen. Er wollte nicht, dass seine Kinder dieselben Probleme wie er haben und den Weg gehen müssen, den er gegangen sei, erzählt Rainer. "Und sie lernen richtig super und sind in die richtige Richtung gegangen. Aber im Kurs waren auch Eltern, die ihren Kindern nicht einmal vorlesen konnten. Wenn dein Kind mit einem Buch zu dir kommt und du kannst es ihm nicht vorlesen, das tut richtig weh."

Rainer ist froh, dass er da noch die Kurve gekratzt habe. Natürlich macht er auch heute noch immer wieder Fehler, aber der Kurs habe ihm auch Selbstbewusstsein gegeben. "Der eine ist in Mathe gut, der andere in Chemie oder in Sprachen. Aber jeder hat auch eine Schwäche und man darf auch eine Schwäche haben. Und wenn ich einen Fehler mache im Schreiben und jemand sagt was, dann ist mir das heute egal und ich sage: Ich hab andere Stärken. Was ich aber bis heute nicht geschafft habe, ist, mich bei meinen Kindern zu outen."

Sonja Muckenhuber ist froh, dass in Schulen gerade einiges in Angriff genommen wird, damit sich die Situation bessert. "Es sollte meiner Meinung nach ganz stark auf Individualisierung gehen und darauf, dass keine Ausschließungen aufgrund familiärer Bedingungen, finanzieller Probleme oder aufgrund der Tatsache, dass Deutsch nicht Muttersprache ist, passiert." Auch kleinere Klassen würden helfen, damit Lehrer besser auf die Fähigkeiten verschiedener Schüler eingehen können.

Rainer betont immer wieder, dass er zwar von sich selbst in der Vergangenheit spricht, das aber nicht bedeutet, dass es das Problem nicht mehr gibt. "Dass es das einmal gegeben hat, ist die eine Sache. Aber dass auch heute immer noch Leute aus der Schule kommen und nicht lesen oder schreiben können, ist ein echtes Problem. Man muss schauen, dass niemand so aus der Schule kommt."

"Gibt es noch Alltagssituationen, die du meidest?", frage ich ihn zum Abschluss. Er lacht. "Nein. Das ist ja die Sache! Weißt du, was mir so taugt?" Er hört nicht auf zu lachen. "Dass ich jetzt alles machen kann und wenn ich es ein bisschen falsch mache, dann sag ich, ich hab andere Stärken und es ist mir nicht mehr unangenehm. Man darf auch Schwächen haben, das hab ich gelernt."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos