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Die Geschichte des Südsudan

Machots Zusammenbruch

„Sie wollen euch schlagen ... Sie wollen euch nicht mehr schlagen ... Jetzt wieder ... Jetzt wollen sie euch erschießen.“

Autor Robert Young Pelton und der ehemalige Lost Boy Machot Mat Thiep wurden gute Freunde, als Robert dabei half, Machots Familie aus den Händen von somalischen Entführern zu befreien. Nachdem sie das Schlimmste und das Beste aus dem Südsudan erlebt haben, sind sie unterwegs aus Nasir nach Äthiopien und danach nach Hause. Foto von Tim Freccia

Machot setzt seine Gewohnheit fort, jeden Tag für mehrere Stunden zu verschwinden. Als wir unser Auto beladen und uns auf den Weg zurück machen wollen, taucht er aus dem Nichts auf und zeigt uns einen Metallteller und einen Wasserkanister aus Plastik.

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Er hat die Sachen aus einem Lager des Internationalen Roten Kreuzes am Fluss gestohlen und behauptet, dass dort alles voller Nahrungsmittel sei. Er hatte fast den ganzen Tag gebraucht, um zu merken, dass er sich komisch fühlte, weil er durstig war. Auf dem Weg zum Fluss merkte er, dass er keinen Behälter hatte. Deswegen dann sein Ausflug in das Lagerhaus des Roten Kreuzes.

Fast am Fluss angekommen, sah er ein paar Leichen, dann mehr Leichen und dann Stapel von Leichen. Er floh und vergaß das Wasser.

Am Abend, nach acht Stunden Fahrt, erreichen wir Nasir. Wir übernachten wieder in dem verlassenen Adventisten-Komplex.

Morgens verlangt der Manager des Camps Geld, obwohl er uns ein paar Tage vorher zugesagt hatte, wir könnten umsonst übernachten. Ich frage, wie viel er will, aber er nennt keinen Betrag und lehnt meine Angebote ab. Nach einem Streit läuft er mit Machot im Schlepptau in die Stadt, um die Polizei zu holen. Das Tor hat er vorher verschlossen.

Die „Polizei“ ist eine kleine Gruppe von Männern und Kindern mit Gewehren. Wir wollen nicht noch mal mit dieser Form von Polizei zu tun haben und heuern einen Jungen mit seinem Esel an, der vor dem Zaun rumsteht, und zerschlagen das billige Schloss am Zaun mit einer alten Wasserleitung.

Er bringt uns zum Fluss, wo wir unter einem großen Baum sitzen und die fischige Luft einatmen. Kurz danach kommt Machot mit dem wütenden Manager. Machot beschuldigt uns, den Manager betrogen zu haben, und er sagt, dass der Kommissar ihn gefragt habe, warum er die weißen Unruhestifter in die Stadt gebracht hat. Ich erkläre ihm noch mal, dass wir dem Manager mehrmals Geld angeboten haben, aber dass er nicht gesagt hat, wie viel er wolle, und dass ich das Geld auch gerne an seine Vorgesetzten bei der NGO überweisen kann.

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Machot sagt dem Manager, er solle noch mal die Polizei holen. Obwohl er es in Nuer sagt, kann sogar ich das verstehen.

Ich schlage Machot vor, dass er uns nicht weiter begleitet, weil ich das Gefühl habe, dass er permanent versucht, uns, zusammen mit allen anderen, übers Ohr zu hauen. „Statt zu versuchen, deinem Land zu helfen, bist du auf der Seite der Erpresser und Betrüger“, sage ich. „Vielleicht ist es am besten, wenn du hier bleibst und dann alleine nach Hause fährst.“

Das macht Machot nur noch wütender und endet in einem weiteren Vortrag von ihm, der für mich nicht viel Sinn macht. Die Polizei taucht bald auf—ein wütender Mann mit einem Knüppel und noch wütendere Männer mit AKs. Und Machot könnte mit all seinem Getue in diesem Moment einer von ihnen sein.

Sie versuchen, ihre Waffen auf uns zu richten. Ich rege an, dass ich ihnen, wenn sie das noch mal versuchen, ihre Waffen, in echter Rebellenart, in den Arsch schieben werde. Dann fangen sie an, Machot anzugreifen, und er ist schockiert, dass er plötzlich nicht mehr einer von ihnen, sondern einer von uns ist.

Amos bleibt im Hintergrund und erklärt mir leise, was passiert. „Sie wollen euch schlagen … Sie wollen euch nicht mehr schlagen … Jetzt wieder … Jetzt wollen sie euch erschießen.“ Nachdem ich ihn darum bitte, stellt er klar, dass sie kein Geld bekommen, falls sie uns erschießen sollten, danach wollen sie uns wieder schlagen.

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Wir sind zu viert, sie sind zu sechst, allerdings haben sie Waffen und ich kann mir nicht vorstellen, dass Amos und Machot uns wirklich helfen könnten, falls es losgeht. Obwohl sie sich größte Mühe gegeben haben, uns zu erschrecken, verdrücken sie sich irgendwann wieder in Richtung der Polizeistation, um mehr Leute und Waffen zu mobilisieren.

Während uns Kinder anstarren, frage ich Machot, was er über sein Land und seine Landsmänner jetzt denkt. Wir sind gekommen, um zu dokumentieren, was vor sich geht, und obwohl uns viele Menschen dabei geholfen haben, gab es genauso viele, die versucht haben, uns Steine in den Weg zu legen.

Machot sinkt zu Boden und merkt, dass er Amerikaner ist und damit ein Ziel für Erpresser und Gangster. Er hält seinen Kopf in Händen und sagt: „Diese Leute sind verrückt! Diese Leute sind verrückt!“

Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn, was er dachte, als er die Schlachtfelder in Malakal gesehen hat, all die Vergewaltigungen, die Brände und die Schießereien. Warum wollte er unbedingt den Rebellen glauben, die behaupteten, die älteren Menschen und die Kinder seien ins Kreuzfeuer geraten? Was denkt er jetzt über die Rhetorik von Riek Machar unter seinem Baum? Stand sie in irgendeinem Gegensatz zu den Morden der White Army? Machot kann nichts dazu sagen, keine korrekte Antwort geben. Es gibt nichts zu sagen. Er sitzt nur dort, mit seinem Kopf in den Händen. Er erinnert mich an die katatonische Schilluk-Frau, der ich vor Kurzem Wasser gegeben hatte.

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Der Mob ist schon auf halbem Weg zur Polizeistation, als sie merken, dass unser Boot gerade anlegt. Wir fangen an, alles einzuladen. Endlich kommt uns die Langsamkeit dieses Landes mal zugute. Sie wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt und sie kommen zurückgerannt.

„Ihr werdet nicht losfahren“, schreien sie. „Ihr geht ins Gefängnis!“

Ich erwähne, dass es weit und breit kein Gefängnis gibt.

„Wir werden euch schlagen!“

Langsam aber sicher, scheint dem NGO-Manager klar zu werden, dass seine Mathe-Unkenntnisse zu einem epischen Zwischenfall geführt haben. Ich laufe durch den wütenden Mob auf den Manager zu und lege meinen Arm um seine Schulter. Meine Hand liegt auf seinem Herz und ich frage ihn, ob er fühlt, wie sein Herz schlägt. Er hat zu große Angst, um zu antworten.

Die Hilfspolizisten scheinen zu glauben, dass der Manager durch diesen abrupten Friedensschluss die Seiten gewechselt hat und fangen jetzt an ihn zu bedrohen. Nichts von dieser gesamten Geschichte ergibt einen Sinn, aber es ist ein Mikrokosmos, der zeigt, wie die Dinge im Südsudan laufen. Feinde werden mit einem Fingerschnipsen Freunde und jetzt muss ich dem Manager helfen, einer Prügelei zu entgehen.

Ich biete ihm 200 Dollar an, um damit all unsere Probleme zu lösen und rate ihm, das Geld möglichst theatralisch zu akzeptieren. Ich bin mir sicher, dass der Mob das Geld aufteilen und ihm fast nichts übrig lassen wird. Ich zähle ihm das Geld demonstrativ vor und erwähne noch mal, dass er beim nächsten Mal bitte etwas genauer sein soll. Die Menge stürmt angewidert von uns davon.

Die Reise flussaufwärts macht Spaß. Krokodile, Kraniche, Pelikane, Fische, Reiher und Kinder planschen im Wasser auf unserem Weg zur äthiopischen Grenze. Die Grenze selbst ist nicht besonders beeindruckend—ein paar Boote, ein Lagerhaus des Welternährungsprograms der Vereinten Nationen und noch mal ein Gruppe von aggressiven Nuer, die versuchen, von den Busfahrern Geld fürs Nichtstun zu bekommen.

Die Äthiopier hinter der Grenze vermitteln uns ein vollkommen anderes Gefühl. Als wir fragen, wie viel die Fahrt in die nächste Stadt kostet, nennen sie einen fairen Preis. Als die Nuer-Träger sie bedrohen und versuchen, sie am Wegfahren zu hindern, senken sie die Blicke und warten ab.

Ich verlange, dass wir losfahren. Die Nuer versuchen daraufhin, sich an unser dreirädriges Gefährt zu hängen. Die Fahrer warten ab, bis sie aufgegeben haben, und dann sind wir unterwegs.

Der Wahnsinn hinter uns verblasst langsam. Leider wird der Südsudan so schnell nicht gerettet werden.